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Können Android und iOS wirklich Windows zerstören? Der Versuch, ein Missverständnis aufzuklären

Der auch hierzulande bestens bekannte Windows-Blogger Paul Thurrott hat in der letzten Woche einen Beitrag veröffentlicht, in dem er Android und iOS als ernsthafte Bedrohung für den Windows-Desktop beschreibt. Ich mag ihn und seine Schreibweise grundsätzlich sehr, auch wenn seine Beiträge hin und wieder ein bisschen zu viel „Drama“ haben. Aber so hat eben jeder seinen Stil und jeder Blogger hat seine ganz persönliche Macke. Das muss auch so sein.

In diesem Fall aber hat seine etwas blumige Formulierung, iOS und Android würden wie ein Asteroid auf den Windows-Planeten zurasen, regelrecht zur Fehlinterpretation eingeladen. Oder sollte man vielleicht besser sagen: Die Steilvorlage wurde mit Freude aufgenommen, um daraus reißerische Geschichten zu stricken.

Windows ist am Ende: So schonungslos rechnet ein Experte mit Microsoft ab titelte der Stern am letzten Freitag, gestern legte Chip mit Windows vom Aussterben bedroht: Gibt jetzt sogar der größte Windows-Fan auf? nach.

Der Stern-Artikel ist nur substanzloses Nachgeplapper, dafür aber mit Unterhaltungswert. Ich zitiere:

„Seit dem Start vor zehn Monaten wurde die Software, die es bis 29. Juli noch als kostenloses Upgrade gibt, auf mehr als 300 Millionen Geräten aktiviert. Es ist eine beeindruckende Zahl, doch sie ist weit entfernt von der angepeilten Milliarde in den ersten drei Jahren.“

300 Millionen in neun Monaten (Ende Juli bis Ende April sind neun Monate, nicht zehn), macht hochgerechnet 1,2 Milliarden in drei Jahren. Soviel dazu.

Chip interpretiert die Aussagen von Thurrott so, dass er eine vollständige Auslöschung von Windows prophezeit und kontert dann mit der Gegenanalyse, dass das Quatsch sei und in absehbarer Zeit garantiert nicht passiert. Ok, kann man so machen. Wenn er so gemeint hätte, dann hätte Chip sogar Recht.

Wenn man den Beitrag von Thurrott aber genau liest, notfalls mehrfach, dann ist er eigentlich recht unspektakulär. Er beschreibt längst bekannte Tatsachen und er zeigt eine Perspektive, auf die sich Microsoft längst vorbereitet.

Ich werde ihn jetzt nicht interpretieren, denn dabei könnte ich ja auch einen Fehler machen, sondern es aus meiner Sicht beschreiben. Die vielen Ähnlichkeiten, die man im Vergleich zu Thurrotts Beitrag darin finden wird, kommen schlicht daher, dass ich es weitgehend ganz genau so sehe.

Weder Google noch Apple haben bislang einen ernst zu nehmenden Angriff auf den Desktop gestartet. Apple legt beim Mac und auch bei den iOS-Geräten großen Wert auf eine hohe Marge. Darin, die dreifache Stückzahl zu verkaufen, ohne nicht gleichzeitig den Gewinn zu verdreifachen, sieht man bei Apple schlicht keinen Sinn.

Google sieht Android bislang nur auf Smartphones und Tablets, Chrome OS ist ein lächerliches irrelevantes Irgendwas, da kann man mir noch so oft erzählen, dass das ja in Amerika an vielen Schulen genutzt wird. Ich habe in der realen Welt noch nie ein Chromebook in Verwendung gesehen.

Sobald sich das aber bei Einem der beiden Player ändert, und bei Google könnte das bereits in der kommenden Woche der Fall sein, wenn deren Entwicklerkonferenz I/O startet, dann steht die Windows-Plattform in der Tat vor einer interessanten Herausforderung. Und man muss ja nur sehen, was Microsoft tut, um zu wissen, dass die das genau so sehen.

Continuum ist der Einstieg in eine Welt, in der das Smartphone der einzige Computer ist, den man noch braucht. Selbstverständlich arbeiten auch Apple und Google an solchen Lösungen, und selbst wenn deren Ansätze und Konzepte schlechter sein sollten: Sie haben eine gigantische Marktmacht und wissen Heerscharen von Entwicklern hinter sich, die sofort wie bekloppt beginnen werden, dafür zu programmieren. Auf der Basis eines App-Ökosystems, von dem Microsoft auch noch in Jahren nur träumen kann.

Nun werden Einige von Euch sagen: Das ist doch lachhaft, das kann trotzdem keine vollwertige Windows-Maschine mit Maus, Tastatur und allem, was so dazu gehört, ersetzen. Vollkommen richtig, und auch das wird noch auf Jahre hinaus so bleiben, auch in Unternehmen mit der ganzen IT-Infrastruktur auf Microsoft-Basis wird da so schnell keine Revolution stattfinden, und da kommen wir dann zum entscheidenden Punkt: Windows wird ganz bestimmt nicht „ausgelöscht“ werden, aber wenn der Aufstieg der Smartphones zum einzigen Gerät beginnt, dann werden die 90 Prozent Marktanteil keinen Bestand mehr haben. Wollen wir uns nicht darüber streiten, wie „schlimm“ es wirklich werden kann – halten wir einfach nur fest, dass ich mich der Prognose anschließe: Android (hauptsächlich) und iOS werden dem Desktop-Windows in den kommenden Jahren massiv Anteile abnehmen.

Und wenn Microsoft sich bemüht, auf diesen Plattformen relevant zu sein und all seine Services dort anbietet, dann kann man argumentieren, sie würden den „Untergang“ von Windows damit noch voran treiben. Man könnte es aber auch so sehen: Sie wollen, wenn das ohnehin Unvermeidliche eintritt, weiter im Spiel sein.

Wie ich weiter oben schon schrieb: Man muss nur schauen, was Microsoft derzeit so alles treibt, dann erkennt man schnell: Sie haben längst damit begonnen, die eigene Unabhängigkeit von Windows vorzubereiten. Auch da wiederhole ich mich: Wir müssen lernen, das Schicksal von Microsoft nicht mehr vom Erfolg oder Misserfolg von Windows abhängig zu machen, das gilt nicht nur für den mobilen Bereich, sondern auch für den Desktop. Windows könnte irgendwann in einigen Jahren tatsächlich zu einem Nischenprodukt werden. Ob das für Microsoft dann eine Katastrophe wird oder einfach nur eine Transformation, ist aber eine ganz andere Frage, die wir heute noch nicht klären können.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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