Am Puls von Microsoft

Windows 10 Mobile ist nicht das neue Blackberry – und der Vergleich mit iOS und Android passt auch nicht mehr

Vor einigen Tagen haben die Marktforscher von Gartner ihre neuen Zahlen vorgelegt und Windows Phones einen Marktanteil von 0,7 Prozent bescheinigt. Das kam keineswegs unerwartet und fand daher bei uns nur in einer Zusammenfassung eine kurze Erwähnung. Seither stirbt Windows Phone bzw. Windows 10 Mobile in diversen Schlagzeilen mal wieder um die Wette. Im Vergleich mit Android und iOS wird es als quasi nicht mehr vorhanden beschrieben, was nichts anderes ist als die Wahrheit.

Verschiedentlich ist auch zu lesen, das mobile Windows sei das neue Blackberry. Auch dieser Vergleich ist mit dem Blick auf die nackten Zahlen gerechtfertigt. Auch deshalb, weil davon auszugehen ist, dass sich die Zahlen noch weiter annähern werden – und das nicht, weil Blackberry plötzlich wieder mehr verkauft.

Der treuen und oft auch sehr stolzen Windows Phone Gemeinde geht angesichts dieser Statistiken so langsam aber sicher das Selbstbewusstsein aus, was ich auch gut verstehen kann. Das muss aber gar nicht sein, denn diese Vergleiche sind Quatsch, und man sollte sie in Zukunft gar nicht mehr anstellen. Und das sage ich nicht, weil ich als „Fan“ der Depression aus dem Weg gehen möchte. Ich finde einfach, dass diese Vergleiche nicht mehr passen.

Fangen wir von unten an: Blackberry war immer eine Nische, und in dieser haben sie sich stets wohlgefühlt. Blackberry hatte über Jahre eine Existenzberechtigung, diese geht aber allmählich verloren. Es gibt keine Vision, kein Zukunfts-Konzept. Es ist eine Insel-Lösung, die über kurz oder lang niemand mehr braucht. Genau das ist Windows 10 Mobile nicht, darauf komme ich gleich.

Windows 10 Mobile ist aber auch kein Betriebssystem für Consumer-Smartphones, und daher sollte es auch nicht mehr mit diesen in einen Topf geworfen werden. Im Consumer-Markt gibt es zwei Systeme: iOS und Android, der Rest ist unwichtig. Mir macht die Schwäche von Apple da ehrlich gesagt mehr Sorgen, weil ich wie viele andere Beobachter davon ausgehe, dass der aktuelle Einbruch nur der Anfang ist. Android ist jetzt schon zu dominant und braucht einen starken Gegenspieler. Leider sehe ich im Moment keinen.

Wenn Windows 10 Mobile nun aber weder das Eine noch das Andere ist, was ist es denn dann? Antwort: Einzigartig. Und das in vielerlei Hinsicht.

Was das System ist, trägt es im Namen. Ich weiß nicht, ob man das bei Microsoft tatsächlich schon so im Hinterkopf hatte, als man die Entscheidung traf, aber der Namenswechsel ist die perfekte Umschreibung. Den Produktnamen „Windows Phone“ gibt es nicht mehr, weil es kein Windows für Phones mehr gibt. Der neue Name wird meiner Meinung nach noch viel sprechender, wenn man ihm ein Komma verpasst:

Windows 10, Mobile

Es ist Teil einer Familie, Teil der gigantischen „One Windows“ Mission und daher geht die oft gestellte Frage, wie lange Microsoft wohl noch daran festhalten wird, ins Leere. Sie müssen weder besonders daran festhalten noch können sie es fallen lassen, es ist sowieso dabei. Dass es jetzt wieder so heißt wie bis zur Version 6.5 ist vielleicht Zufall, passt aber perfekt. Bis dahin hatte sich Microsoft bemüht, „kleine PCs“ zu bauen. Dann hat man versucht, im Smartphone-Rennen mitzuhalten, aber das hat nicht geklappt. Jetzt besinnt man sich wieder auf das alte Ziel, und dank des technischen Fortschritts hat man dabei viel mehr Möglichkeiten.

Windows 10 soll nach dem Plan von Microsoft das dominante Betriebssystem auf unseren Schreibtischen werden. Und wenn wir diese verlassen, nehmen wir es mit und es wird Windows 10 Mobile daraus. Idealerweise mit allem, was dazu gehört: mit geöffneten Dateien und Internetseiten, dem Status von Anwendungen (und zwar allen) etc. Unsere Arbeit, unsere Aufgaben, aber auch unser Vergnügen mit Windows 10 soll uns jederzeit umgeben, egal mit welchem Gerät wir es gerade zu tun haben.

Bis dahin ist es noch eine weite und lange Reise, der jetzige Zustand von Windows 10 Mobile ist davon noch weit entfernt. Wer sich ein solches Gerät kauft, wird Teil dieser Reise, aber das sollte eine bewusste Entscheidung sein. Darin glaube ich die Erklärung gefunden zu haben, warum Microsoft derzeit zu diesem Thema gar nichts sagt bzw. nur auf Nachfrage antwortet. Man braucht Zeit, und man nimmt sie sich, weil keine Eile geboten ist. Den Markt, in den man eigentlich will, gibt es noch gar nicht.

Dass es in Windows 10 Mobile sozusagen trotzdem ein paar coole Consumer-Funktionen gibt, ist unbestritten, mir persönlich reicht das sogar. Ich stellte mir in letzter Zeit allerdings immer öfter die Frage, ob ich mich mit „es reicht“ begnügen soll. Bis mir die Erkenntnis kam: Wenn ich nebenher noch einen Androiden oder ein iPhone benutze, dann gehe ich nicht „fremd“, sondern ich bin mit einer anderen Geräteklasse unterwegs.

Ich hoffe es ist klar, worauf ich damit hinaus will, ansonsten dürfte sich der Text nämlich so lesen, als sei ich endgültig verrückt geworden. In unserer Telegram-Gruppe schrieb ich neulich, dass ich keinen Widerspruch darin sehe, ein Fan von Windows 10 Mobile zu sein und sich ein iPhone, ein Galaxy oder sonst was zu kaufen. Da flogen mir die Fragezeichen nur so um die Ohren. Aber ich sehe das wirklich so. Wer ein richtig cooles Consumer-Smartphone haben möchte, mit all den bunten Dingen, die diese Welt zu bieten hat, der darf sich kein Windows 10 Mobile Gerät kaufen und darauf hoffen, dass sich diese Welt dort irgendwann einfindet. Das wird nicht geschehen.

Dass sich Microsoft nun auf den Business-Markt konzentriert, liegt darin begründet, dass Konzepte wie Continuum dort ihren Nutzen zuerst entfalten werden – und natürlich auch, weil die Versorgung mit Apps dort keine so große Rolle spielt. Das muss aber nicht heißen, dass man künftig Krawatte tragen muss, um an Windows 10 Mobile Gefallen zu finden. Man muss einfach nur sein persönliches Visier neu einstellen und sich fragen: Will ich Windows 10 Mobile, oder will ich ein Consumer-Smartphone? Ich selbst will irgendwie beides, weshalb ich derzeit tatsächlich oft mit zwei Geräten unterwegs bin.

Nachtrag: Der Beitrag sollte Euch auf das hier vorbereiten, ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass das so schnell kommt.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige