Fenster schließen bedeutet Zustimmung: Das nächste Märchen vom Windows 10 Zwangsupgrade

Wir haben ja nun schon verschiedene Geschichten vom vermeintlichen Zwangsupgrade auf Windows 10 gehört. Sie wurden unterschiedlich erzählt, hatten aber alle eine Gemeinsamkeit: Sie waren falsch. Bevor ich mich aber jetzt gleich in Rage schreibe, eine wichtige Sache: Ja, auch ich bin der Meinung, dass Microsoft bei seinem Werben für das kostenlose Upgrade auf Windows 10 den Bogen überspannt und es unbedarften Nutzern zu einfach macht, um in dieses Upgrade „hinein zu stolpern“. Das schreibe ich nicht nur hier, sondern sage das auch an den passenden Stellen. Erst am Dienstag habe ich darüber mit dem deutschen Windows-Chef Oliver Gürtler gesprochen.

Trotzdem – oder nein – gerade deshalb – ist es wichtig, dass man bei der Wahrheit bleibt. Am Wochenende machte eine Meldung die Runde, wonach sich die Einstellungen der GWX-App, die für das Upgrade wirbt, dahingehend geändert hätten, dass ein Schließen des Fensters durch einen Klick auf das „X“ rechts oben wie die Zustimmung zum Upgrade gewertet würde, es also ohne explizites Einverständnis des Nutzers startet.

Bullshit.

In gewohnter Windeseile verbreitete sich die Nachricht und es wurden die üblichen Haudrauf-Schlagzeilen formuliert. Screenshot kopieren, grob nacherzählen, noch ein bisschen Bashing unterrühren – fertig ist die neue Geschichte vom Windows 10 analvergewaltigungs-kinderschänder-nazi-massenvernichtungs-zwangsupgrade. Selber mal nachprüfen, ob das denn überhaupt so stimmt? Wozu denn, wenn es im Internet steht, muss ja was dran sein. Außerdem funktioniert die Geschichte doch auch ohne Faktencheck vorhersehbar gut. Die Hater bekommen, was sie lesen wollen, und den Werbekunden ist doch sowieso wurscht, in welchem Kontext ihre Anzeigen ausgespielt werden. Hauptsache, es passiert möglichst oft.

Ich wollte wissen, was an der Sache dran ist. Also habe ich mich hingesetzt und eine virtuelle Maschine mit Windows 7 aufgesetzt (was nebenbei bemerkt trotz des „Convenience Rollup“ nach wie vor eine Tortur ist). Nachdem alle Updates eingespielt waren, zeigte sich wie erwartet im Infobereich die GWX-App und bot mir das Upgrade auf Windows 10 an.

Ich schloss das Fenster und wartete. Am zweiten Tag schaute ich leicht nervös nach, aber es hatte sich nichts getan. Weiterhin wurde mir das Upgrade angeboten. Ich klickte mich ein wenig durch die GWX-App , schloss sie erneut und wartete wieder einen Tag.

Es geschah……wieder nix. Die GWX-App lungerte einfach so faul da unten rechts herum und weigerte sich, einfach so gegen meinen Willen etwas zu unternehmen. Frechheit.
Also versuchte ich ihr etwas Beine zu machen. Ich klickte auf „Download starten und Upgrade später starten“ und akzeptierte auf der folgenden Seite die Lizenzbedingungen.

Und dann war es endlich soweit: Es erschien ein Fenster, welches mir ankündigte, unmittelbar mit dem Download zu beginnen, sobald ich es schließe. Ha, erwischt! Böses Microsoft! Fenster schließen bedeutet Zustimmung, das ist der Beweis. Ja ok, ich musste vorher ein paar Klicks machen, aber trotzdem. Da kann man doch nochmal fragen, oder?

Oh, sieh an, Windows fragt tatsächlich nochmal. Nach Abschluss des Downloads erscheint das folgende Fenster. Jetzt kann ich festlegen, ob ich das Update sofort oder später durchführen möchte. Ein Abbruch ist hier wohl nicht mehr möglich. Schweinerei, ich hab doch erst drei Mal zugestimmt!

Anmerkung: Man kommt immer noch um das Upgrade herum, wenn man es sich an dieser Stelle anders überlegt. Dazu klickt man im Menü der GWX-App auf „Bestätigung anzeigen“ und kann nun das Upgrade stornieren.

Ok, ich packe meinen Sarkasmus mal kurz weg und sage: Das muss man wirklich wissen, sonst kommt man da wahrscheinlich nicht drauf. Aber wie gesagt, man muss mehrfach ausdrücklich seinen Willen zum Upgrade bestätigen, um an diesen Punkt zu gelangen.

Die eigentliche Geschichte, dass es ohne Zustimmung des Nutzers zum Upgrade kommt und er durch Schweigen bzw. Schließen des Fensters sein Einverständnis erklärt, können wir einmal mehr als groben Unfug zu den Akten legen.

P.S.: Wollt Ihr Argumente für ein automatisches Zwangsupgrade? Mir sind allein in dieser Woche zwei Leute begegnet, die von dem Angebot nichts wussten. Einer davon hat sich Windows 10 sogar schon gekauft, um seinen Windows 8.1 PC zu aktualisieren. Das sind die Leute, die Anfang August sagen werden: Typisch Microsoft! Kostenloses Upgrade anbieten, aber es so verstecken, dass man es möglichst nicht findet, und dann Geld verlangen. Diese Halsabschneider…

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Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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