Inside Windows Mobile – was war, was ist, und was kommt

Die letzten Monate waren rund um Windows 10 Mobile und Microsofts Smartphone-Sparte äußerst turbulent. Oder äußerst ruhig, je nachdem ob man sich nur an offizielle Fakten oder auch an Gerüchte hält. Ob Fakt oder Gerücht, gute Nachrichten waren eher die Ausnahme. Es gab jede Menge Berichte um mögliche neue Geräte oder eingestellte Modelle, die sich zum Teil auch als Prototypen in Leaks zeigten.

Ich habe in den letzten Wochen viele Kontakte abgegrast, viele Gespräche geführt und so die vielen Informations-Puzzleteile zu einem einigermaßen vollständigen Bild zusammengefügt. Daraus ergibt sich zusammen mit den Infos, die vorher schon bekannt waren, ein Überblick über das, was bisher geschah, und ein Ausblick auf das, was in Zukunft kommen wird.

Alle, die keine News mögen, die sich nicht mit eindeutigen Quellen belegen lassen, brechen hier jetzt bitte ab. Für das hier Geschriebene wird es keine offizielle Bestätigung geben, ich halte die Infos aber für belastbar genug, um sie an dieser Stelle zu teilen.

Eingestellte Projekte
Es ist kein Geheimnis, dass es einen Nachfolger (Codename McLaren) für das Lumia 1020 gegeben hat, und auch das Lumia 850 kennen wir inzwischen sogar von Bildern und Videos. Was ich ergänzend dazu hörte: Während beim McLaren lange vor dem geplanten Release der Stecker gezogen wurde, hat Microsoft das Lumia 850 recht spät „gekillt“. Es stand allerdings nie auf einer Roadmap für den deutschen Markt, vermutlich war es ursprünglich für den asiatischen Raum vorgesehen.

Außerdem war für den Herbst 2016 ein neues HighEnd-Modell als Nachfolger der 950er Lumias in Vorbereitung, es hätte wenig überraschend auf dem Snapdragon 820 basiert. Dieses Gerät fiel einer strategischen Entscheidung zum Opfer, zu der wir gleich kommen. Außerdem wurden quasi gleichzeitig die Arbeiten eingestellt, Windows 10 Mobile mit den MediaTek-Chips kompatibel zu machen, um besonders günstige Geräte zu ermöglichen.

Bei Microsoft intern kursiert das Gerücht, HP habe das Elite x3 nur deshalb so schnell entwickeln können, weil sie das Grundkonzept für den 950-Nachfolger von Microsoft übernommen haben.

Das „Surface Phone“ war real
Lange Zeit – und auch jetzt noch – geisterte ein „Surface Phone“ durch die Medien. Dieses Gerät existierte wirklich, allerdings hat es den Produktnamen auch intern nie gegeben, der Begriff fand in der Tat nur außerhalb von Microsoft Verwendung. Es war das, was nach wie vor der feuchte Traum vieler Fans ist, obwohl die meisten gar nicht erklären können, warum sie davon träumen: Ein Windows Smartphone mit x86 CPU.

Ein „Mini-PC“, wie ihn sich manche Fans nach wie vor wünschen, war allerdings nicht geplant. Es sollte vielmehr so etwas wie der trotzige, gemeinsame Beweis von Microsoft und Intel an die Welt werden: Schaut her, wir können doch Mobile! Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Intel hat die Entwicklung mobiler CPUs eingestellt und Microsoft damit den Boden unter den Füßen weggezogen.

Natürlich wusste man in Redmond deutlich früher darüber Bescheid, lange bevor Intel damit an die Öffentlichkeit ging. Aber man befand sich nun in dem Dilemma, dass man die Entwicklung von ARM-Geräten (Snapdragon 820 und MediaTek, siehe oben) praktisch eingestellt hatte. Ich hatte den Intel-Ausstieg damals herunter gespielt, weil ich dachte, dass da nur eine von mehreren Optionen entfällt. Wie es aussieht, habe ich mich getäuscht. Microsoft hatte „all in“ auf x86 gespielt und stand nach dem Absprung von Intel nun ohne Hardware-Plan da.

Das mag mit dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass man Ende Mai die Notbremse zog und seine eigene Smartphone-Sparte quasi vollständig aufgab. Microsoft musste endgültig einsehen, dass aus der ohnehin äußerst schwierigen Position am Smartphone-Markt nun eine völlig aussichtslose geworden war.

Und jetzt? Windows 10 Mobile tatsächlich tot?
Da sind wir wieder an dem berühmten Punkt, an dem der süßliche Geruch der Verwesung in der Luft zu liegen scheint. Und in einem Punkt kann/muss man das nun auch tatsächlich annehmen. Das Thema „Smartphone“ scheint für Microsoft endgültig erledigt zu sein. Man hat lange versucht, in diesem Konzert zumindest die dritte Geige zu spielen, aber es hat nicht funktioniert.

Obwohl der gesamte Artikel eine Sammlung inoffizieller Informationen ist, betone ich ausdrücklich: Es ist meine ganz persönliche Spekulation, dass wir von Microsoft keine Smartphones mehr sehen werden. Nicht in der Form dessen, was wir uns heute unter einem Smartphone vorstellen. Ein Gerät mit Microsoft-Logo, das sich mit einem iPhone oder Samsung Galaxy messen will, werden wir nicht mehr zu sehen bekommen.

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein OEM einen wirklich ernst zu nehmenden Versuch unternimmt, ein Windows 10 Mobile Smartphone im Consumer-Markt zu positionieren? Die Antwort könnt Ihr Euch selbst geben.

Die allgemeine Stimmung bleibt ja auch den OEMs nicht verborgen, und die Leute, die sich früher darum gekümmert haben, die Hersteller bei Laune zu halten, gibt es nicht mehr. Weltweit wurden alle Stellen, die sich dediziert um die OEM-Betreuung gekümmert haben, gestrichen. Man glaubt, das künftig alles von Redmond aus regeln zu können.

Mehrere interne Quellen sagen mir, dass mit neuer Microsoft-Hardware für Windows 10 Mobile erst mit dem „Redstone 3“ Update zu rechnen ist. Das soll im Herbst 2017 kommen. Bis Microsoft wieder ein mobiles Gerät vorstellt, könnte es also spät in 2017 oder gar 2018 werden.

Das passt einerseits zu dem oben beschriebenen Status der Hardware-Entwicklung. Man hat ungefähr ein Jahr verloren, und in genau dieses Loch fällt man jetzt. Andererseits ist es so, dass wohl erst mit Redstone 3 die Weiterentwicklungen kommen, die Windows 10 Mobile zwar nicht im Consumer-Segment konkurrenzfähig machen sollen, aber zumindest wieder echte Alleinstellungsmerkmale bringen.

Meine erste Reaktion darauf war der Gedanke „dann können sie es auch gleich ganz bleiben lassen“. Andererseits hat man in einem Markt, in dem man keine Rolle spielt und der sich darüber hinaus gerade konsolidiert, weil die Zeiten des ganz großen Wachstums schon vorbei sind, alle Zeit der Welt. Die Smartphone-Ära sieht Microsoft als verpasst an, die nächsten Generation von Windows 10 Mobile Hardware wird ein hybrides, mit Continuum voll auf Produktivität ausgerichtetes Mobilgerät werden – mit dem man nebenbei auch telefonieren kann. Aber es wird kein Gerät werden, welches man mit den schicken Consumer-Smartphones in eine Reihe stellen könnte.

Dafür muss man ja auch kein Hellseher sein, das liegt offen auf der Hand. Nicht Microsoft, sondern HP zeigt aktuell mit dem Elite x3 auf, wohin die Reise geht. Das Elite x3 kommt aber vermutlich zu früh, Continuum braucht noch zusätzliche Entwicklungszeit, bis es wirklich durchstarten kann – siehe auch meine Wunschliste. Man kann es somit auch positiv sehen: Die Zeit, die Microsoft bei der Hardware-Entwicklung verloren hat und die nun mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine lange Phase ohne neue Geräte sorgt, hat uns somit vermutlich nur ein weiteres „Übergangsgerät“ erspart. Denn etwas anderes waren die 950er Lumias ja auch nicht.

Derzeit wird ja jede Nachricht, die keine Wunderheilung für die mobile Windows-Sparte verspricht, als Totengesang interpretiert und stürzt die Kommentierenden in mittlere bis schwere Depressionen. Das ist Unsinn. Wer noch immer die Hoffnung in sich trägt, Windows 10 Mobile könnte noch irgendwie die Kurve bekommen und die ganz große Nummer werden, der muss sich ganz einfach nur der Realität stellen. Das wird niemals passieren. Wenn man das akzeptiert hat, dann verträgt man auch die „schlechten Nachrichten“ prima.

Wer mit seinem Windows 10 Mobile Phone glücklich ist – auch das habe ich immer gesagt – der hat für den Moment keinen Grund, unglücklich zu werden, denn die Weiterentwicklung ist ja vorerst gesichert. Ob das, was in Zukunft kommt, noch interessant für die aktuellen Windows-Consumer ist, bleibt freilich abzuwarten, aber „normale Consumer“ waren die Windows Phone Nutzer ja ohnehin noch nie.

Und wer weiß, vielleicht kommt ja doch noch irgendwoher eine Hardware-Überraschung, mit der niemand gerechnet hat. Vielleicht wird vor diesem Hintergrund nun auch die Motivation für meinen Beitrag „Microsoft, gib der Welt ein Zeichen“ klarer. Wenn das, was hier geschrieben steht, alles zutrifft, dann wird eine Perspektive gebraucht, die das Interesse sowohl bei den „Fans“ als auch bei der eigentlichen Zielgruppe am Leben erhält.

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Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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