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Ist Microsoft reif für die Aufspaltung?

Ist Microsoft reif für die Aufspaltung?

Die Aufspaltung von Microsoft in verschiedene Einzelfirmen ist schon seit vielen Jahren ein Thema. Angefangen haben die Diskussionen in der Zeit, als es keine relevanten Endgeräte außer PCs gab und Microsoft sein Quasi-Monopol nach Herzenslust ausnutzen konnte. Kritiker forderten seinerzeit, den Konzern in seine Einzelteile zu zerlegen, damit man ihn besser kontrollieren kann.

Die Zeiten haben sich inzwischen geändert. Auf vielen Gebieten ist Microsoft immer noch führend, anderswo ist man bestenfalls Mitläufer. Eine Aufteilung des Konzerns zum Zweck der Machtbeschränkung ist deshalb nicht mehr nötig.

Trotzdem kommt auch aktuell immer mal wieder die Idee auf, Microsoft in kleinere Einzelgesellschaften zu zerlegen, die sich auf bestimmte Geschäftsbereiche konzentrieren und dort eigenverantwortlich im Markt agieren. Das klingt auf den ersten Blick sinnvoll, aber wie immer hätte eine solche Umstrukturierung sowohl Vor- als auch Nachteile.

Um dem Fazit vorzugreifen: Ja, ich bin der Meinung, die Zeit ist reif dafür. Wobei ich aber auch sofort anmerken muss, dass hier eher der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Ich würde mir davon versprechen, dass gewisse Dinge, die meiner Meinung nach aktuell falsch laufen, dann wieder besser funktionieren.

Meine Vorstellung wäre jene, dass man Microsoft sozusagen in ein Frontend und ein Backend splittet. Klingt sicher komisch, darum erkläre ich es auch gleich: Satya Nadella ist sicher ein hervorragender Anführer und der beste Querdenker, den Microsoft je hatte. Unter seiner Regie sind viele Dinge passiert, die unter seinem Vorgänger undenkbar gewesen wären. Für das Thema „digitale Transformation“ und eine erfolgreiche Positionierung von Microsoft bei allen Themen, die mit der Cloud zu tun haben, ist er genau der richtige Mann.

Nadella hat aber ein großes Defizit: Er versteht die Kunden nicht. Und damit meine ich keine anonymen Firmen-Accounts. Ich rede von Menschen. Nadella versteht nicht, wie Menschen funktionieren, und was man als Unternehmen tun muss, um Menschen glücklich zu machen. Eines seiner berühmtesten Zitate ist: „We want to go from users needing Windows to choosing Windows to lovin Windows“ – aber er hat keinen Plan, wie er das in die Tat umsetzen soll.

Das wäre nicht weiter tragisch, wenn er jemanden neben sich hätte, der dieses Defizit ausgleicht. Sein Kronprinz Terry Myerson jedoch ist noch einer vom alten Microsoft-Schlag. Jemand, der eine Idee nur dann gut finden kann, wenn er sie selbst hatte. Erschwerend kommt bei Myerson noch hinzu, dass er vom Thema Mobile keinen blassen Dunst hat, die Folgen seiner fatalen Fehleinschätzungen werden jeden Tag offensichtlicher. Joe Belfiore hat versucht zu retten, was zu retten ist. Bis er ganz plötzlich eines Morgens die Idee hatte, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für eine Weltreise wäre.

Aber zurück zum Thema: Satya Nadella ist genau der richtige Mann für das „Backend-Microsoft“. Für den Cloud-Anbieter, den Dienste-Entwickler, den Bot-Lieferanten. Für das Microsoft, das irgendwann überall präsent sein soll, ohne dass der Nutzer das überhaupt bemerkt. Die Redmonder entwickeln sich im Moment offenbar ganz bewusst in diese Richtung. Wenn dieser Weg erfolgreich ist und das Unternehmen profitabel arbeitet, ist daran eigentlich gar nichts auszusetzen.

Das wird aber dazu führen, dass man auf lange Sicht den Consumer-Markt komplett verliert. Nadellas Irrtum scheint zu sein, dass ihn das nicht stört, so lange er im Business erfolgreich ist. Aber am Ende eines jeden Tages ist jeder Business-Nutzer auch ein Consumer, und nur wer den besten Kompromiss schafft, der gewinnt die Kunden.

Und darum bin ich der festen Überzeugung: Neben Nadellas „Backend-Microsoft“ brauchen wir noch das zweite Microsoft: Eines, welches dem Kunden in die Augen sieht und auf Gedeih und Verderb seinem eigenen Talent ausgesetzt ist, dessen Bedürfnisse auch tatsächlich zu verstehen. Der Erfolg dieses „Frontend-Microsoft“ muss sich an seiner Beliebtheit bei den Menschen messen, Fehler müssen entsprechende wirtschaftliche Folgen haben und dürfen nicht von Zugewinnen z.B. im Cloud-Business gegenfinanziert werden.

Wie eingangs geschrieben: Was im letzten Absatz steht, ist lediglich mein persönlicher Wunsch. Gebraucht wird ein solches Microsoft tatsächlich jeden Tag weniger, das Unternehmen kann auch anders überleben und sehr erfolgreich bleiben. Es wäre für mich einfach nur sehr schade, wenn es so kommt.

Ein positives Beispiel, was passieren kann, wenn man eine sinnvolle Abspaltung vornimmt, sieht man bei HP. Dort hat man die PC-Sparte vor zwei Jahren ausgegründet, und Viele dachten, man habe das nur getan, damit diese in Ruhe sterben kann und die Bilanz des gesunden Teils nicht weiter belastet. Nun aber hat HP Produkte wie die Gaming-Reihe Omen, das extrem hübsche Notebook HP Spectre 13 und innovative PC-Lösungen wie den Pavilion Wave oder den Elite Slice. Geräte, die wir ohne die Aufspaltung nie gesehen hätten, weil HP auch ohne diese hätte überleben können. Die eigenständige PC-Sparte aber ist auf eigene Erfolge angewiesen und somit zur Innovation gezwungen.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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