Am Puls von Microsoft

Microsoft unter Satya Nadella – eine Zwischenbilanz

Ein Gastbeitrag von Kevin Kozuszek.
Für Microsoft und seine Community markiert der 4. Februar 2014 einen wichtigen Punkt in der Geschichte des Unternehmens. An diesem Dienstag übernimmt mit Satya Nadella nach langer Zeit wieder ein neuer CEO die Amtsgeschäfte von seinem Vorgänger Steve Ballmer. Seitdem durchläuft Microsoft einen kontinuierlichen Wandel. Das Unternehmen wurde offener und die Zeit der großen Polarisierung war weitgehend vorbei.

Nach vielen harmonischen Monaten brachte besonders die erste Jahreshälfte 2016 eine handfeste Krise zwischen Microsoft und seiner Community. Neben dem Rollout von Windows 10 Mobile brachten vor allem die dominierenden Themen Business und Stellenabbau die Fans gegen Satya Nadella auf die Palme. Viele warfen ihm in der Folge einen plan- und orientierungslosen Führungsstil vor und wünschten sich sogar Steve Ballmer zurück an die Spitze des Unternehmens.

In diesem Artikel soll es daher mal darum gehen, das Handeln von Satya Nadella anhand von drei zentralen Schlüsselsätzen zu messen und mit dem aktuellen Stand zu vergleichen, was Microsoft gerade macht und welche Entwicklungen derzeit stattfinden.

„We wanna move the people from needing Windows to choosing Windows to loving Windows.“

Mit diesem Statement startete Satya Nadella seinen Job als neuer CEO von Microsoft. Es ist dabei kein Geheimnis, dass Windows 10 einen echten Neuanfang in vielerlei Hinsicht markierte und das Beste aus Windows 7 und Windows 8.1 in sich vereinen sollte. Um dieses Ziel auch zu erreichen, war der Neuanfang auch notwendig. Während Apple schon immer der Geist des coolen Hipsters vorauseilte, hing an Windows noch der Mief vergangener Tage. Die Tatsache, dass viele Stammnutzer sich mit dem neuen Konzept von Windows 8 nicht anfreunden konnten, tat ihr Übriges.

In der Hinsicht hat Windows 10 tatsächlich Vieles besser gemacht. Ein gutes Beispiel ist das Startmenü, was bei seiner Rückkehr das Konzept der Live Tiles trotzdem nicht in Frage stellte. Es ging für Microsoft aber nicht nur darum, gemachte Fehler bei vorherigen Windows-Versionen auszubügeln. Das Unternehmen hatte in der Vergangenheit auch die Nutzer einiger Branchen verprellt und an Apple verloren. Besonders die Entwickler und große Teile der Multimediaindustrien waren lange Zeit nicht gut auf den Konzern aus Redmond zu sprechen.

Mittlerweile hat Microsoft aber auch hier wieder Boden gut gemacht. Im Entwicklerbereich muss man dabei ganz besonders zwei Produkte hervorheben: Xamarin und Visual Studio Code. Mit Xamarin sitzt Microsoft in einer Welt, wo plattformübergreifende Projekte immer wichtiger werden, an einem Knotenpunkt. Gleichzeitig wurde mit Visual Studio Code ein wichtiger Trend mal nicht verschlafen. Seitdem GitHub damals mit Atom seinen leichtgewichtigen Codeeditor auf Basis von Webtechnologien veröffentlichte, zogen andere Größen nach. Zum Beispiel brachte Adobe mit Brackets ein eigenes Projekt heraus und Mozilla reaktivierte mit Thimble seinen eigenen Editor. Visual Studio Code ist heute ein kerngesundes und lebendiges OpenSource-Projekt, was neben monatlichen Feature-Releases auch sehr schnelle Bugfixes erhält. Sogar Google hob auf der Connect 2015 von Microsoft die Qualität des Projekts hervor und setzt es bei der Entwicklung seiner eigenen Projekte ein.

„We want to empower every person and every organisation on the planet to achieve more.“

Dieser Satz symbolisiert eigentlich etwas, was Microsoft seit Jahrzehnten gut kann: Produktivität. Mit den Kernelementen wie Word, Excel oder PowerPoint sind die meisten von uns ja aufgewachsen. In der heutigen Zeit verkörpert dieser Satz aber noch stärker einen Faktor in den Bereichen Business und Enterprise. Das hat auch Satya Nadella nicht abgestritten, als er den Satz in seiner Keynote auf der Build 2016 nochmal erwähnte und ihn hinterher genauer erklärte.

Tatsache ist, dass Microsoft in den vergangenen Monaten sehr viel Ressourcen in die Unternehmensbereiche investiert hat. Das betrifft Zukäufe wie den von LinkedIn, das betrifft aber auch eigene Projekte wie Microsoft Dynamics, Delve, Yammer oder Office 365 Groups. Die weitere Entwicklung ist mit neuen Projekten wie Skype Teams auch schon absehbar. Für den Consumer äußerte sich das eher im neuen Outlook.com, Verbesserungen bei Cortana und dem Infocenter, Verbesserungen bei den etablierten Office-Programmen (z.B. Morph und Designer in PowerPoint) oder auch bei Wunderlist.
Der jüngste Spross, der auch für den Consumer plattformübergreifend interessant werden dürfte, ist Cache. Das Projekt der Microsoft Garage wird von Beginn an auch für Windows 10 entwickelt und dürfte auch symbolisch für den dritten Schlüsselsatz eine entscheidende Rolle spielen.

„We are living in a mobile first, cloud first world.“

Das ist eigentlich DER zentrale Satz, der Satya Nadella auch nicht zuletzt bei Windows 10 Mobile exzessiv unter die Nase gerieben wird. Dafür muss man Microsoft selbst auch letztlich die fette Kröte zuschieben, die sie dafür schlucken müssen. Schließlich betont Satya Nadella auf der einen Seite immer wieder, dass die Zukunft von Microsoft in der Cloud liegt, während gleichzeitig unter anderem sein Kronprinz Terry Myerson verkündet, dass Mobile bzw. Phone für 2016 nicht im Fokus von Microsoft ist.

Wenn man verstehen möchte, was Satya Nadella mit diesem Satz meint, lohnt es sich, nochmal in seine Keynote auf der Build 2016 zu schauen. Es ging dabei nicht um die Definition von Mobile und Cloud, wie es gemeinhin verstanden wird, sondern um die User Experience (oder Human Experience, wie er es nannte), die dich über alle Geräte und Plattformen hinweg begleiten und verfolgen soll. Die Betonung liegt dabei auf ALLE, nicht nur auf Windows. Genau genommen hat er da also schon indirekt nicht mehr mit dem starken Engagment auf iOS, Android und der Webplattform hinterm Berg gehalten, weswegen für mich auch dieser Satz von Terry Myerson ein grundsätzlicher Fehler war.

Microsoft hat auf den anderen Plattformen entsprechende Voraussetzungen geschaffen, während Windows 10 Mobile nicht zuletzt durch das Anniversary Update weiterentwickelt wurde und man den eigenen OEMs wie HP mit dem Elite x3 ebenfalls eine Bühne geboten hat.

Generell ist es ja Vielen sauer aufgestoßen, dass Microsoft seine eigenen Apps unheimlich schnell auf iOS und Android entwickelt hat und Windows 10 dabei gefühlt vergessen wurde. Persönlich hatte ich damit ehrlich gesagt kein Problem, weil Microsoft ein Softwarehersteller ist und dorthin gehen muss, wo die Kunden sind. Hätten sie zuerst für Windows 10 Mobile entwickelt, wäre das so gewesen, als hätte man mit einem brennenden Streichholz in dichtem Nebel auf sich aufmerksam machen wollen. Das Problem war viel eher, dass Windows 10 nicht zeitgleich oder zumindest zeitnah nachgezogen ist und die Apps in etwa auf dem gleichen technologischen Stand sind. Der wichtige Punkt ist: Das ist mittlerweile anders.

Dafür kann man mehrere Beispiele nennen. Ein Teil der Experience, den zum Beispiel der Arrow Launcher für Android bietet, ist in den Tablet-Modus von Windows 10 zurückgeflossen. Der Microsoft Authenticator kam parallel für alle Plattformen raus, Cache wird von Beginn an für alle entwickelt, Xbox und Groove Music wurden bei der Konkurrenz sogar erst später generalüberholt. Jüngst sprach zum Beispiel auch das OneNote-Team davon, dass die User Experience (sprich das GUI) bei allen Apps vereinheitlicht werden soll.

Wie fällt das Urteil für Satya Nadella also aus?

Unterm Strich hat Satya Nadella das Meiste, was er angekündigt hat, auch umgesetzt. Woran allerdings auch viel kaputt gegangen ist, waren die miserablen Kommunikationsfähigkeiten und technischen Patzer des Unternehmens aus Redmond. Es wurde viel zu sehr auf die Themen Business und Enterprise eingegangen, während sich in der zweiten Reihe auch sehr viel für den Consumer getan hat.

Man merkt außerdem an verschiedenen Stellen, dass sich Microsoft in der Hauptsache derzeit wahrscheinlich auf den direkten Zweikampf mit vor allem einem Konkurrenten vorbereitet: Google. Mittlerweile befinden sich beide Unternehmen in vielen Bereichen auf einem direkten Konfrontationskurs und hier deutet sich diesmal auch ein Duell an, was mit technischem Wettbewerb ausgetragen wird und nicht mit einer erneuten Scroogled-Kampagne. Der Wettstreit zwischen Microsoft Edge und Google Chrome bei der Akkulaufzeit dürfte nur ein erstes Kräftemessen sein. Ob nun Satya Nadella oder Sundar Pichai dabei als der bessere Stratege hervorgehen wird, ist aus meiner Sicht noch völlig offen.

Microsoft ist jedenfalls so ziemlich der einzige Konzern weltweit, der Google in zentralen Punkten wirklich auf breiter Front angreifen oder sogar stoppen kann. Hierfür hat man in Redmond entsprechend viele Ressourcen investiert und war sich dabei auch nicht zu schade, im Feindesland zu wildern. Drei gute Beispiele sind hierfür der Kauf von Xamarin, die Anbindung von Android an Windows 10 über Cortana oder später Cache, und auch die ansatzweise Übertragung der „Microsoft Experience“ über Projekte wie den Arrow Launcher und Next Lockscreen.

Es dürfte jedenfalls spannend werden. Ob Cortana gegen den Google Assistant, die Universal Windows Platform gegen das kommende Fuchsia, Azure gegen die Google Cloud Platform, das neue Outlook.com gegen Inbox oder OneDrive gegen Google Drive und Google Photos…derzeit befinden sich beide noch in Lauerstellung. Mal hat Google reagiert (wie mit der Google Cloud Platform auf Azure oder dem Google Assistant auf Cortana), mal ist Microsoft zeitnah nachgezogen (wie mit den neuen Fotos-Funktion in OneDrive auf Google Fotos).

Nach meiner Überzeugung ist Satya Nadella genau der Mann, den Microsoft für die Zukunft braucht. Das hat vor allem drei zentrale Gründe: Er kennt die Cloud so gut wie kaum ein anderer bei Microsoft, er hat das Unternehmen auf einen offeneren und OpenSource-lastigeren Kurs geführt und er hat die Polarisierungen eines Steve Ballmer abgestellt. Die Fehler in diesem Jahr dürfen sich allerdings nicht mehr wiederholen, wenn Microsoft eine der loyalsten und ehrlichen Communities in der Technikwelt nicht vollends verprellen will.

Was bedeutet das für den Consumer?

Microsoft hat den Consumer auch in diesem Jahr streng genommen eigentlich nie verlassen. Das offensichtlichste Beispiel hierfür sind seine Aktivitäten als Publisher. Neben dem Release der Xbox One S und dem neuen Programm Xbox Play Anywhere ist nicht zuletzt auch der Kauf von Beam hier ein eindeutiges Signal. Für das kommende Jahr dürften auch nicht zuletzt durch Project Scorpio weitere spannende Entwicklungen zu erwarten sein.

Im Bereich als klassischer Entwickler ist Groove Music ein sehr gutes Beispiel. Besonders die App wurde hier mit vielen neuen Features bedacht und vermittelt nun auch einen besseren Einblick in den Streamingdienst. Weitere Beispiele wären das neue Outlook.com (auch wenns noch stockt), die Neuerungen bei den OEMs (Windows 10 im Kühlschrank, wer hätte das gedacht…) oder sogar die Tatsache, dass Microsoft seine Nutzer jetzt auch auf Plattformen der Konkurrenz abholt und ihnen dort eine ähnliche User Experience bieten möchte.

Nicht zuletzt gibt es ja auch noch Aktivitäten, wovon auch der normale Endkunde indirekt profitiert oder profitieren wird. Zwei Beispiele will ich nennen: Während Google sich mit seiner Zero Day Initiative weitestgehend darauf beschränkt, mit dem Finger auf Sicherheitslücken zu zeigen und sie notfalls ungepatcht zu veröffentlichen, engagiert sich Microsoft seit Jahren auch mit einer eigenen Unit im Kampf gegen Botnetze aktiv und legt sie lahm. Zweitens engagiert sich Microsoft unter anderem durch die Cognitive Services ebenfalls sehr im Gesundheitssektor.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch wir als normale Endnutzer im kommenden Jahr wieder wesentlich mehr Spaß mit Microsoft haben werden. Im Gamingbereich steht enorm viel an, wir werden elementare Verbesserungen bei Skype sehen und neue Projekte wie Cache werden von Anfang an parallel entwickelt. Die Kröte, die der Consumer dafür schlucken muss, ist eigentlich ein simples Übergangsjahr. Das passiert sicherlich mit einigem Getöse und in einigen Bereichen kommt Microsoft derzeit auch noch nicht so richtig aus dem Quark, aber insgesamt sind sie auf einem guten Weg.

Was bedeutet das für die Community?

DAS ist das Microsoft, wie ich es heute erlebe. Vielleicht versteht ihr jetzt auch etwas besser, warum es mir so wichtig ist, dass wir uns als Microsoft- und nicht als Windows-Community begreifen und dass Seiten wie DrWindows auch mehr über Microsofts Engagement auf konkurrierenden Plattformen schreiben. Es ist definitiv ein neues Microsoft, was wir hier erleben und wo Windows nicht mehr alleine der Nabel der Welt ist. Das bedeutet für uns nicht, dass die Menschen, die jetzt von iOS oder Android die mobilen Microsoft-Dienste nutzen, keine Windows-Enthusiasten mehr sind, aber es gibt den Mitgliedern am harten Rand noch lange nicht das Recht, sie mundtot zu wünschen oder sie aus der Community verbannen zu wollen.

Letztlich werden sich die weitgehend intoleranten Hardliner, die außer einem reinen Windows-Ökosystem auch die Herangehensweise von liberaleren Nutzern nicht akzeptieren, selbst ins Abseits stellen. Wir haben es unter meinen früheren Gastartikeln zum Thema Linux bewiesen, dass wir uns auch ganz sachlich mit einem anderen Ökosystem befassen können. Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir das auch bei iOS und Android schaffen. Arroganz und falsche Eitelkeit gibt es in anderen Communities wie der von Apple oder Oracle schließlich schon mehr als genug.

PS: Wer sich auch aus Consumersicht mal wieder ohne das Gesamtrauschen über Microsoft informieren möchte, dem sei der Sams Report von Brad Sams (jeden Freitag live um 17 Uhr auf seinem YouTube-Kanal) und Microsofts neue Show „This Week On Windows“ (kommt im Laufe des Freitags auf dem YouTube-Kanal von Windows), welche von Kate Yeager und Larry Hryb aka Major Nelson moderiert wird, ans Herz gelegt.

Über den Autor

Dr. Windows

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Dies ist der allgemeine Redaktions-User von Dr. Windows. Wird verwendet für allgemeine Ankündigungen und Gastartikel

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