Windows 8 Store: Die Invasion der Schrott-Apps läuft an

100.000 Apps im Windows Store bis Anfang 2013 – das ist das erklärte Ziel von Microsoft. Ein äußerst ehrgeiziges Ziel – doch wie es aussieht, ist man leider auf dem besten Weg, es zu erreichen. Schrieb ich gerade leider? Genau! Denn was wir im Moment im Windows Store erleben, ist eine regelrechte Invasion von Schrott-Apps, die kein Mensch braucht. Und ich rede hier nicht von irgendwelchen sinnlosen Tools wie einer Biorhythmus-Prognose oder einem Weltuntergangs-Countdown. Nein, ich rede von noch schlimmerem Mist – Pseudo-Apps, die nicht eine einzige Funktion haben.

Mein eindeutiger ‚Favorit‘ sind 1:1 kopierte Wikipedia-Artikel. Ja, es gibt tatsächlich eine unüberschaubare Menge an Apps, die sich auf einen einzigen Wikipedia-Artikel beziehen. Sie heißen dann auch dementsprechend ‚Brandenburger Tor‘, ‚Eiffelturm‘ oder ‚Henry Ford‘. Das ist wirklich kein Witz – diese Pseudo-Apps enthalten dann den vollständig kopierten Artikel-Text, garniert mit ein paar aus dem Netz gesammelten Fotos. Das ist nicht nur völliger Schwachsinn, sondern aus meiner Sicht auch rechtlich bedenklich. Denn in vielen der Apps werden Werbebanner angezeigt – die Autoren versuchen also mit kopierten Inhalten Geld zu verdienen.

Sonstige Funktionen wie z.B. Videos, zusätzliche Online-Informationsquellen und dergleichen sucht man in diesen Apps vergeblich, von selbst kreierten Inhalten ganz zu schweigen – es sind nichts weiter als dumpfe Wikipedia-Kopien.
Eine App, die letztlich nur Web-Inhalte anbietet, die sich dynamisch ändern, lasse ich mir noch gefallen – wenn das ordentlich aufbereitet ist, macht das sogar Sinn. Aber ich unterstelle jetzt einfach mal, dass es zum Brandenburger Tor nicht in allzu hoher Frequenz Neuigkeiten gibt – und auch die Biographie von Henry Ford wird sich vermutlich nicht mehr entscheidend verändern.
Nicht mal für eine – laut Microsoft-Richtlinien normalerweise zwingend vorgeschriebene – ordentliche Datenschutzerklärung nimmt man sich bei diesen Apps Zeit, stattdessen wird auf eine generische Seite verlinkt.

Die deutsche Wikipedia hat rund 1,4 Millionen Artikel – so gesehen erscheinen die anvisierten 100.000 Apps plötzlich lächerlich klein. Denn ich schätze mal, dass jeder Elfjährige, mit der entsprechenden Baukasten-Vorlage ausgestattet, die hier zum Einsatz kommt, jeden Tag locker 50 bis 60 solcher Copy&Paste Apps zusammenklöppelt.

Hier habe ich heute morgen über einen Entwickler mit dem Namen ‚LunaPlena‘ gelesen, der offenbar ein und die selbe App in 115facher Ausfertigung in den Store gedrückt hat. Funktional identisch, nur unter anderen Namen.

Sollte es nicht so etwas wie ein Qualitätsmanagement geben, welches solchen Müll aussortiert? Die Botschaft im Moment scheint aber eher zu sein: Schmeißt rein, was ihr wollt, wir winken alles durch, Hauptsache der Store wird voll. Das ist extrem traurig.

Was soll diese sinnlose Jagd nach der großen Zahl? Mit den Stores von Apple oder Google wird man es zahlenmäßig ohnehin nicht aufnehmen können. Wobei ich mir nebenbei gesagt ganz sicher bin, dass die Stores der Wettbewerber ebenso voll mit nutzlosem Dreck sind – dieses Problem hat der Windows Store ganz sicher nicht exklusiv.

Warum fährt man also nicht einen ganz anderen Ansatz bei Microsoft? Warum konzentriert man sich nicht auf das Prinzip ‚Klasse statt Masse‘, um sich vom Wettbewerb abzuheben? Schon jetzt stöhnen doch die Nutzer plattformübergreifend, wie unübersichtlich die Stores sind – und dass man eigentlich nur dann etwas findet, wenn man vorher schon genau weiß, was man sucht.
Wäre es da nicht viel sinnvoller, wenn sich Microsoft in ein paar Monaten hinstellen könnte und sagen: „In unserem Store sind nur 8.000 Apps, und darauf sind wir sehr stolz – weil wir all den Crap vor die Tür setzen.“

Ja, das wäre schön, aber es würde nicht funktionieren.
Und wisst Ihr warum?
Weil wir das so wollen!
Denn mehr ist automatisch besser. Wenn wir im Supermarkt zwei gleichartige Produkte zum gleichen Preis in der Hand haben, dann kaufen wir in aller Regel das, wo mehr drin ist. So haben wir uns seinerzeit Computer über Megahertz und Digitalkameras über Megapixel verkaufen lassen – und jetzt glauben wir eben, dass der App Store mit 5 Millionen Apps zwangsläufig besser sein muss als der mit 5.000 Apps.
Sind wir am Ende vielleicht sogar selbst schuld an den oben beschriebenen Tatsachen und bekommen eigentlich nur das, was wir verdienen? Fällt schwer, das zuzugeben – aber ich glaube, da ist was dran.

Ändert aber alles nichts daran, dass Microsoft seinen Store besser kontrollieren muss, wenn man dessen Ruf nicht frühzeitig ruiniert sehen möchte.

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Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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