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Cortana: Das Windows Phone unter den digitalen Assistenten?

Cortana: Das Windows Phone unter den digitalen Assistenten?

Wenn es um das Thema Innovation geht, dann hat Microsoft einen ganz speziellen Ruf. Nicht den, dass sie keine innovativen Ideen haben oder nicht in der Lage wären, frühzeitig zu erkennen, was für die Nutzer in der Zukunft interessant wird. Das konnten sie in der Vergangenheit sogar oft und gut. Bei dem Versuch, diese Ideen in Produkte zu verwandeln – und zwar in solche, die der Nutzer dann auch tatsächlich haben möchte, sind die Remonder bereits ein ums andere Mal gescheitert.

Ich empfehle zu diesem Stichwort diesen wirklich ausgezeichneten Artikel eines ehemaligen Microsoft-Mitarbeiters, der Beispiele für Technologien aufzählt, die Microsoft zuerst am Start hatte, ohne anschließend den Markt anzuführen. Neben Tablets, Smartphones und Smartwatches finden sich da noch weitere Beispiele. Zum Thema Smartwatch auch mal hier schauen oder dieses Video ansehen (unbedingt bis zum Schluss, ohne die Jahreszahl am Ende wirkt es nicht).

Geschichte wiederholt sich ja manchmal, und ich habe leider den Eindruck, dass wir das derzeit beim Thema „digitale Assistenten“ erleben. Und dieser Eindruck wird jeden Tag stärker.

Microsofts digitale Assistentin Cortana debütierte im Jahr 2014. Sie war nicht die Erste ihrer Art, Apples Siri gibt es schon seit 2011. Der Ansatz von Cortana war aber ein anderer: Sie sollte von Beginn an keine „dumme Spracherkennung“ sein, sondern eine eigene Intelligenz besitzen. Trotz der Bindung an das wenig verbreitete Windows Phone 8.1 konnte Cortana ein durchaus positives Medienecho für sich verbuchen, sie hatte einen gewissen Coolness-Faktor. Im Jahr 2015 zog Cortana dann auch in Windows 10 ein, wo sie am Desktop allerdings ein weitgehend ignoriertes Dasein fristet. Es fehlt bisher ganz einfach das passende Produkt, um für entsprechend Vortrieb zu sorgen.

Ebenfalls 2015 betrat Amazon mit dem Echo und seiner Assistentin Alexa die Bühne. Zunächst nur in den USA, seit dem letzten Herbst auch in Deutschland. Was sich seither abspielt, kann man getrost als Hype bezeichnen. Wer wie ich verschiedenen Technik-Medien folgt, der kann das aktuell prima nachvollziehen. Alexa vorne, Alexa hinten, Alexa oben und unten – es vergeht kein Tag, an dem nicht eine neue Kooperation verkündet wird oder über andere Neuigkeiten spekuliert wird.

Alexa dockt an PONS-Übersetzungen, Sonos, Office 365 oder den Microsoft-Account (Kalender) an, wird in Logitechs smarte Kfz-Halterung Zero Touch integriert, man kooperiert mit Huawei, Qualcomm passt seine Bluetooth-Module speziell für Alexa an – das sind nur ein paar aus dem Kopf aufgezählte Meldungen der letzten Wochen. Da muss man auch mal ehrfürchtig den Hut vor Amazon ziehen. Sie sind vor weniger als zwei Jahren als ein Niemand auf diesem Gebiet gestartet und hatten keinerlei Möglichkeit, die Kunden direkt zu erreichen, diese mussten sich erst das passende Produkt kaufen.

Um dieses Momentum zu bekommen, musste hart gearbeitet werden. Amazon hofiert die Entwickler, und da kommen wir zum ersten entscheidenden Unterschied im Vergleich zu Microsoft: Sie tun das auch in Deutschland. Es gibt eigene Events für die deutsche Entwicklergemeinde, wo diesen der Umgang mit dem Alexa Skills Kit beigebracht wird, damit sie verstehen, wie sie Alexa integrieren und um eigene Funktionen erweitern können.

Die Geschwindigkeit, mit der sich der „Virus“ Alexa ausbreitet, hat nicht nur Microsoft überrascht. Auch bei Google dachte man, noch reichlich Zeit zu haben, und koppelte den Google Assistant zunächst exklusiv an das eigene Pixel-Smartphone. Offenbar in der Hoffnung, damit dem Duo iPhone/Siri etwas entgegen stellen zu können. Die Freigabe des Google Assistant für zahlreiche andere Android-Smartphones ist meiner Meinung nach nichts anderes als eine panische Reaktion auf den Siegeszug von Alexa.

Was bei Microsoft passiert, hat Kevin in der letzten Woche in seinem Beitrag „Microsoft, wach endlich auf“ thematisiert. Ja, auch bei Microsoft passiert etwas. Aber es passiert zu wenig, und es passiert zu langsam. Damit ist nicht nur die arrogante und ignorante Strategie gemeint, Cortana außerhalb der USA so sträflich zu vernachlässigen. Da muss man vielleicht auch ein wenig relativieren, denn bei Amazon und Google ist das nicht anders, dort sind auch alle Neuerungen zunächst US-exklusiv. Man hat allerdings den Eindruck, dass die Lokalisierung dort sehr viel ernster genommen wird.

Abgesehen davon haben aktuell auch die US-Entwickler Grund zur Kritik: Die für Ende Februar angekündigte Preview des Cortana Skills Kit steht noch immer nicht zur Verfügung, man fand nicht einmal Zeit, die entsprechende Webseite zu aktualisieren.

Letzteres ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber es trägt dann eben auch zu dem Eindruck bei, dass man in Redmond noch nicht verstanden hat, dass Amazon mit Alexa in voller Fahrt davon zieht. Ich kenne die Ankündigungen und die Visionen, die Microsoft mit Cortana verfolgt. Diese Pläne haben mit vielen anderen großen Ambitionen von Microsoft etwas gemeinsam: Sie handeln von der Zukunft, nicht von der Gegenwart.

Und so sehe ich Microsoft mit Cortana in der selben Rolle wie seinerzeit mit Windows Phone. Man hatte zuerst das richtige Konzept im Kopf, dann übernahmen andere die Führung und man selbst konnte nur noch hinterher laufen. Der angekündigte Echo-Wannabe von Harman Kardon taugt quasi ideal als Sinnbild für die Situation. Man könnte sich ja drüber freuen, dass Alexa wenigstens mit Bing sucht. Um das als Erfolg zu betrachten, muss man aber schon einen extra großen Schluck aus dem rosa Fläschchen nehmen.

Die große Gefahr ist, dass Microsoft irgendwann durchaus in der Lage ist, den Entwicklern die gleichen Werkzeuge an die Hand zu geben, wie Amazon das bei Alexa tut – es diese dann aber einfach nicht mehr interessiert. Es wird nicht mehr reichen, gleich zu ziehen, man muss schon ganz erheblich besser sein, und selbst dann gibt es keine Garantie. Denn die Entwickler werden genau hinschauen, wie viele Menschen sie mit Alexa erreichen können und wie viele mit Cortana. Und von „über 400 Millionen Windows 10 Installationen“ werden sie sich da nicht blenden lassen.

Wie bei allen Themen, die ich kritisch sehe, folgt am Ende der Satz: „Ich hoffe, dass ich mich irre“. Aber ich sehe aktuell nicht, wie Microsoft in diesem Wettbewerb bestehen geschweige denn Akzente setzen kann.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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