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Kommentar: Quo vadis, Project Scorpio?

Ohne Frage, die neue Konsole „Project Scorpio“ von Microsoft wird mit ihrer Leistung ein Kracher. Alle bisherigen offiziellen Begutachter, egal ob Publisher oder CEOs von Handelsketten wie GameStop, sind sich in diesem Punkt völlig einig. Und das, obwohl die Entwickler bekanntermaßen noch nicht einmal die volle Leistung zur Entwicklung ihrer Spiele nutzen können. Zum aktuellen Zeitpunkt stehen den Studios auf den Developer-Kits der Scorpio nur rund 80% der tatsächlichen Leistung zur Verfügung.

Project Scorpio: Zu früh angekündigt, um wirklich fertig zu sein?
Wie gesagt, aktuell. Als die Studios den Startschuss erhielten, Games für Project Scorpio zu entwickeln, machten sie sich umgehend an die Arbeit, bereits bestehende Projekte für die Xbox One, welche sich im fortgeschrittenen Stadium befinden, für die Scorpio anzupassen. Dies erwies sich zum Teil als etwas umständlich, eben wegen der Freigaben der Leistungsstufen. Des Weiteren herrschte bei den Studios, welche VR-Games für die Konsole bringen wollen, lange Zeit Ungewissheit. Es war unklar, ob und wann die Microsoft-Konsolen Virtual Reality unterstützen werden. Die Enttäuschung, dass selbst die Scorpio nicht vom Start weg mit VR beglückt wird, sitzt bei den Fans tief und könnte sich möglicherweise auch an der Ladentheke bemerkbar machen.

Phil Spencer hat die kommende Konsole auf der letzten E3 perfekt inszeniert, mit der Power der Hardware sowie den geplanten Features des „Monsters“ gespielt und damit bei den Fans selbstverständlich hohe Erwartungen geweckt. Sicher ist, die Funktionen werden alle kommen, nur der Zeitraum wird wohl wieder länger als geplant. Eine Sache die Microsoft immer noch nicht gelernt hat: Ideen und Innovationen erst fertig zu stellen und dann erst anzukündigen, um ein „fertiges“ Produkt auf den Markt zu bringen. Ich mag Microsoft, ich mag die Xbox und bin wohl einer der ersten Käufer von Project Scorpio, weil ich die Optik der Spiele in nativen 4K im Zusammenspiel mit HDR überwältigend finde. Forza Horizon 3 lieferte einen kleinen optischen Ausblick, auf das was mit Project Scorpio noch kommen wird. Aber wenn wie bei der Xbox One Funktionen „nachgeliefert“ werden müssen, dann wird sich das ganz sicher auf die Verkaufszahlen auswirken.

Technisch wird die Scorpio wohl Alles in den Schatten stellen, was zur Zeit unter dem Fernseher Platz findet. So hat man aus den Fehlern der Xbox One gelernt und wir dürfen uns auf eine sehr potente CPU (und GPU) freuen, welche locker 6 Teraflops macht und von 12 GB GDDR5 Speicher begleitet wird. Das bislang streng gehütete Geheimnis, welche CPU von AMD nun wirklich in der Konsole steckt, könnte bald gelüftet werden. Dann herrscht endlich Klarheit darüber, ob tatsächlich die neuen AMD-CPUs aus der Ryzen-Serie in dem mutmaßlich formschönen Gehäuse der kompakten Konsole mit integriertem Netzteil und neuem Kühlsystem stecken werden. Möglicherweise erfahren wir es sogar noch vor der E3 2017, vielleicht schon in den nächsten Tagen, wenn man der Gerüchteküche Glauben schenkt.

Microsoft hört auf die User (manchmal hören sie auch weg)
Microsoft, allen voran das Xbox Team, wollen auf das Feedback der Fans hören und tun das auch, wie man es derzeit oft an vielen Stellen erleben kann. Nur ist die Frage, ob man wirklich hin hört? In Bezug auf eine Umfrage, was die Konsole können soll, wurde von den Xbox One Usern immer wieder die Beibehaltung der Abwärtskompatibilität bis zur Xbox 360 gewünscht, bei gleichzeitiger Verbesserung der Grafik. Dem wurde entsprochen. So profitieren vor allem Spiele mit dynamischer Auflösung von der Power des „Monsters“ und können von 900p direkt auf 4K hochklettern. Es wurde bereits mehrfach darüber berichtet, dass selbst auf FullHD-Bildschirmen die Unterschiede zur Xbox One deutlich zu erkennen sein werden, und auch die Spiele der Xbox 360 werden nochmals etwas aufgepeppt.

Aber wie sieht es bei den Dashboard Funktionen aus? Diese wurden Schritt für Schritt weiter reduziert oder entfernt. Was bleibt letzten Endes von der „Multimedia“-Konsole mit ihren „Multitasking-Fähigkeiten“ am Ende übrig? Diese Frage darf sich jeder nach dem Erhalt des Creators Update auf der Xbox One selbst beantworten.

Eine Konsole ist immer nur so gut wie ihre Spiele
Derzeit kränkelt die Entwicklung von innovativen Xbox Games etwas, so sind einige exklusive Xbox One Titel (z.B. Cup Head), welche auf der E3 2016 angekündigt wurden, immer noch nicht erschienen, und Scalebound wurde komplett in die Tonne gehauen. Es gibt immer weniger echte Exklusivtitel für die Marke Xbox. Fable gibt es nicht mehr und Lara Croft ist nur noch zeitlich exklusiv für die Xbox One und kämpft sich im Anschluss auf anderen Konsolen durch die Level. ReCore war einer der Überraschungstitel auf der E3 2016, brauchte aber auch gefühlte Ewigkeiten, bis es erschien, zudem ist fraglich, ob ReCore einen Nachfolger erhalten wird. Bei dem Spiel Sea of Thieves verhält es sich ähnlich: Im letzten Jahr mit viel Tamtam angekündigt, kämpft man sich ein Jahr später immer noch durch die Testversionen. Es ist ein toller innovativer Titel, keine Frage, aber es soll wohl als „günstiges Spiel mit Kaufoptionen“ erscheinen. Kein wirkliche zündendes Argument, um sich eine Xbox zu kaufen. Microsoft investiert in kleine Studios und es gibt unzählige Games, die zu Preisen von 10-25 € im Store veröffentlicht werden, aber wo sind die „Marken“?

Es gibt unter den Xbox Games keine echten „Marken“ mehr
Der Trend geht irgendwie in die falsche Richtung. Starke Spielemarken, die einst die Ur-Xbox und die Xbox 360 in den Gamer-Olymp hievten, werden quasi aufgeweicht. Microsoft hat mit den Marken Halo und Forza Motorsport nur noch zwei halbherzige Zugpferde. Halo 5: Guardians verkaufte sich zwar gut, jedoch war die Story recht dünn und kam überhaupt nicht bei den Fans an. Sie passte inhaltlich nicht ins „Halo-versum“.

Forza Motorsport wusste immer zu begeistern, bis Teil 5 kam. Alles, was Forza Motorsport zur „Marke“ machte, wurde entfernt, und beim 6. Teil der Serie wurde es noch schlimmer. Ein Rennsport Multiplayer-Game ohne echte Online-Features. Die Marken wurden verwässert, vor allem bei Forza Motorsport wurde mehr Wert darauf gelegt, Gelegenheitsspielern den Einstieg zu erleichtern, als auf inhaltliche Anforderungen (Lizenzen freispielen, Shops, Auktionshaus u.v.m.) und Online Features. Turn10, die Macher von Forza Motorsport, hören entgegen der neuen Microsoft- und Xbox-Philosophie überhaupt nicht auf die Fans. Diese fordern seit vier Jahren (!) die Wiedereinführung der Features aus den Teilen 3 und 4. Turn10 antwortet darauf nicht einmal, mit stoischer „Kohl/Merkel-Gelassenheit“ werden Anregungen und Kritik gekonnt ignoriert.

Phil Spencer kündigt „mehr Exklusivtitel“ für die Marke Xbox an
Die Ankündigung zur diesjährigen E3 mit „noch mehr“ Exklusivtiteln für die Marke Xbox aufzutreten als im letzten Jahr, betrachte ich persönlich zunächst skeptisch. Wie schon oben gesagt, es fehlen Spiele, die wieder zur Marke werden und in den Augen der Spieler einen Wechsel zur Xbox rechtfertigen.

Mit der „Scorpio“ werden wir definitiv Neues erleben, auch in der Spielewelt. Mit Crackdown 3, State of Decay 2 und Forza Motorsport 7 stehen exklusive First-Party Starttitel für Xbox One und Project Scorpio bereits fest. Des Weiteren steht selbstverständlich EA mit sämtlichen Sport-Games und aufgebohrter Grafik zum Konsolen-Launch bereit. Aber auch Star Wars Battlefront 2 soll spielerisch sowie grafisch neue Maßstäbe setzen. Mit Red Dead Redemption 2 hat Rockstar wohl das heißeste (Schieß) Eisen zum Start der Scorpio im Feuer, doch „leider“ sind es Multiplatform Titel und somit auch auf der PS4 Pro und dem PC erhältlich.

Es bleibt abzuwarten ob auf der E3 2017 tatsächlich noch echte „only Xbox One“ Spiele vorgestellt werden. Denn mit Play Anywhere (so toll ich es auch finde), wandern Spiele, die es bislang exklusiv nur für die Xbox One gab, auch auf den PC. Besitzer von potenten Gaming-PCs reiben sich selbstverständlich die Hände, so kamen diese zuletzt in den Genuss, mit Halo Wars 2 einen ehemaligen „only for Xbox“ Titel auf ihrer Hardware zu spielen. Auch Forza Motorsport 7 wird als Play Anywhere Titel auf den PC kommen.

Microsoft beschreitet einen durchaus riskanten Weg. Auf der einen Seite wird die mühevoll aufgebaute Marke Xbox aufgeweicht und auf Windows 10 PCs ausgeweitet, und auf der anderen ist das Risiko groß, den Fans den Reiz der Konsole zu nehmen. Immerhin haben ja doch Viele einen einigermaßen leistungsfähigen PC zu Hause stehen.

Die Zukunft wird jeden Tag neu geschrieben und man kann im Moment wirklich nur abwarten, wie Microsoft und das Xbox-Team die Zukunft der Marke Xbox gestalten werden. Microsoft lässt sich nicht in seinen „Masterplan“ (ich hoffe sehr, dass sie einen haben) schauen, jedoch steht mit Phil Spencer einer der meines Erachtens fähigsten Menschen der Branche auf der Bühne. Wäre er für den Launch der Xbox One verantwortlich gewesen, so wäre die Konsole damals mit den Features auf den Markt gekommen, die auch geplant waren, davon bin ich überzeugt. Jetzt heißt es warten, bangen und hoffen, dass Project Scorpio das wird, was versprochen wurde. Eben eine Premium-Konsole für jeden, der Wert auf Leistung und HighEnd-Grafik legt und für die Zukunft gerüstet sein will.

Über den Autor

Dirk Ruhl

Dirk Ruhl

Microsofts Fliesenwelt ist mein Zuhause, egal ob Windows 10 auf Desktop, Tablet, Phone oder Xbox One...es muss kacheln. Der schönste Urlaubsort für mich wären die Microsoft Research Labs. Ich danke meiner Familie und meinem Arbeitgeber, ohne deren Unterstützung könnte ich mein Hobby nicht leben!

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