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Mark Shuttleworth: Respekt für Windows, Abrechnung mit der Free Software-Bewegung

Mark Shuttleworth gehört sicherlich zu den umstritteneren Persönlichkeiten innerhalb der OSS-Bewegung. Nachdem er im Jahr 2004 das Unternehmen Canonical gegründet und damit den Grundstein für die Linux-Distribution Ubuntu gelegt hat, geriet der Südafrikaner immer wieder ins Kreuzfeuer von Anhängern der OpenSource- und Free-Software-Bewegung. Ganz unbegründet war das in so manchem Fall sicherlich nicht, weil Canonical nicht nur einmal einen Alleingang gewagt hat, wo innerhalb der Linux-Community bald ein anderer Konsens herrschte. Das betraf den Displayserver (Mir statt Wayland) genauso wie das Init-System (Upstart statt Systemd) und das neue universelle Paketformat (Snap statt Flatpak).

Im Rahmen des Frühjahrsputzes, bei dem Canonical unter anderem das Ende von Unity 8 verkündet hat, äußerte sich Shuttleworth auch nun etwas weitgehender zu seinen persönlichen Beweggründen, rechnete aber vor allem auch mit der Community ab. Nachdem er sie in früheren Zeiten schon als „OpenSource Tea Party“ bezeichnete, nannte er sie nun kürzlich antisoziale Menschen. Vor allem ihre feindselige Haltung gegenüber dem Display-Server Mir habe ihn angewidert und seine Haltung gegenüber der Community grundlegend verändert.

Lobende Worte für Windows
Im Rahmen dessen nahm Shuttleworth auch Windows in Schutz. Wie Microsofts Betriebssystem Mainstream war, wurde es von den Leuten aus der Community gehasst. Dabei machte Windows viele Sachen gut und verdiene deswegen auch Respekt. Wie Canonical dann für die Linux-Gemeinte Mainstream wurde und zu einer der führenden Distributionen aufstieg, wurde seinem Unternehmen der gleiche Hass zu Teil.

Shuttleworth kritisiert dabei vor allem die politisch aufgeladene und ideologisch vergiftete Sichtweise, die die sachliche Auseinandersetzung lähmt und Innovationen und das Angehen zentraler Probleme behindere. Er schließt mit den Worten, dass die Community letztlich alles ablehnt, was Mainstream ist, und prangert außerdem eine ausgeprägte Doppelmoral an, wo die Leute einerseits den fehlenden Wettbewerb von iOS und Android beklagen, es andererseits aber schlimm ist, wenn Canonical genau deswegen in die entsprechenden Bereiche investiert.

Das Wort zum Dienstag
Grundsätzlich hat Mark Shuttleworth mit Vielem, was er anprangert, auch Recht. Zur Wahrheit gehört aber auch dazu, dass Canonical das Scheitern der Convergence, die zusammen mit Unity 8 kommen sollte, maßgeblich selbst zu verantworten hat. Wir sehen ja bei uns heute selber, dass Continuum, obwohl ein Kernpunkt bei Windows 10, kein Feature für den Massenmarkt ist, obwohl dahinter immer noch das mächtigste Betriebssystem auf dem Desktop steht. Diesen Vorteil hatte Ubuntu nie und wenn Canonical seine Ambitionen in all den Jahren bis heute nicht in irgendeiner Form auf die Straße bekommt, ist es nur die logische Folge, wenn die Ergebnisse zum tatsächlichen Release dann schon halbwegs „dead on arrival“ gewesen wären.

Für Ubuntu gilt in dem Zuge das Gleiche, was Martin seinerzeit auch schon bei Windows 10 Mobile gesagt hat. Den Kampf auf dem Smartphone-Markt haben iOS und Android gewonnen und hier gibt es im klassischen Segment auch nicht mehr viel zu holen. Das ist für den Endnutzer, besonders für den Consumer, extrem unbefriedigend, aber wenn man die Dinge so halbherzig angeht wie Canonical (obwohl sie es im Gegensatz zu Microsoft wenigstens einigermaßen ernsthaft versucht haben, das muss man zu ihrer Verteidigung sagen…), dann kann da am Ende auch kein echter Wettbewerb mehr entstehen, sofern er überhaupt möglich gewesen wäre.

Mein Senf dazu
Auch wenn ich diese Nackenschelle grundsätzlich teile, muss man zwei Dinge besonders hervorheben. Zum einen ist Freie Software, allen Unkenrufen zum Trotz, ein wichtiger Bestandteil der heutigen Softwarewelt. Jeder Entwickler, der sich bei seiner Arbeit mit Git auseinandersetzt, kann das bestätigen. Zum anderen wird auch für Linux auf dem Desktop immer noch ein Platz vorhanden sein. Der Markt am Desktop ist nicht homogen und hinter Windows, macOS und Linux folgen noch Vertreter wie Solaris, die BSD-Systeme, AmigaOS, Morph OS, Haiku OS, React OS, Redox OS, OpenIndiana oder FreeDOS, die zwar selber kaum Relevanz, dafür aber meistens eine beständige Community hinter sich haben.

Meine persönliche Einstellung gegenüber der entsprechenden Community hat sich im letzten Jahr auch stark verändert. Früher war das Interesse in Linux als Zweitsystem neben Windows bei mir sehr groß und ich habe viele Eigenarten der OSS-Gemeinde nicht sonderlich in Frage gestellt. Mittlerweile ist das auch anders. Zum Teil liegt es daran, dass Microsoft/Windows und das Thema OpenSource einfach keine Widersprüche mehr sind und die beiden eigenständigen Welten, die mir früher für sich viel bedeutet haben, zu einer verschmolzen sind. Der Hauptgrund ist aber genau dieser ideologisch vergiftete Eifer, den zumindest ein besonders lauter Teil (nicht alle, das ist mir sehr wichtig) der entsprechenden Communities an den Tag legt und der mich hier zu einem großen Teil auch, einige Lieblingsprojekte/-entwickler und den ursprünglichen Grundsatz ausgenommen, auf Distanz haben gehen lassen.

Ich war schon immer ein Gegner von ideologischen Grabenkämpfen, wie ich sie auch mal in einem Gastartikel bei MobileGeeks angesprochen habe, denn sie bringen uns der Lösung zentraler Probleme in der heutigen digitalen Welt keinen Schritt näher. Damit meine ich auch ausdrücklich unsere Community, in der es, wie in jeder anderen Community auch, ebenfalls Leute gibt, mit denen der Umgang bei bestimmten Themen nicht immer einfach ist. Ich kann für mich selber aber auch festhalten, dass es für mich außer persönlichen Vorlieben oder Überzeugungen keinen einzigen Grund mehr gibt, Linux auf dem Desktop als Alternative zu Windows 10 (oder macOS) in Erwägung zu ziehen. Windows war schon immer mein Lieblings-Betriebssystem und gerade Windows 10 bietet mir alles, was ich brauche.

Wie denkt ihr darüber?
Natürlich sind wir in aller Regel überzeugte Windows-Nutzer, mich eingeschlossen. Mich würde aber mal sehr interessieren, was ihr über die Worte von Mark Shuttleworth denkt und wie ihr auch mit diesen verhärteten Ideologien umgeht, die ja nicht nur bei Linux beheimatet sind. Wie immer gilt: Bleibt dabei bitte sachlich. Hier geht es wirklich um einen sachlichen Austausch und nicht um einen verbalen Boxkampf.

via WinFuture und The Register

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Über den Autor

Kevin Kozuszek

Kevin Kozuszek

Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und Microsoft Edge zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.