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Samsung DeX vs. Microsoft Continuum – und ein paar Worte zum Galaxy S8+

Das Smartphone wie einen PC benutzen – das war der Ansatz, den Microsoft mit Windows 10 Mobile und dem Lumia 950 im Herbst 2015 an den Start brachte. Continuum heißt die Funktion, die nun erstmals Konkurrenz bekommt. Zusammen mit dem Galaxy S8 hat Samsung seine Lösung DeX an den Start gebracht – zusammen mit der DeX Station soll das neue Flaggschiff also einen PC ersetzen können.

Die Demo hatte schon gereicht, um in der ohnehin depressiv gestimmten Windows Mobile Gemeinde die Stimmung noch weiter zu trüben. Es schien, als könne DeX mit Continuum den Boden aufwischen, zumal sich das Microsoft-Feature seit seiner Einführung nicht mehr nennenswert weiterentwickelt hat.

Ich habe DeX nun etwas mehr als eine Woche intensiv getestet und komme zu einem gemischten Eindruck. Die Lösung hat gegenüber Continuum zweifellos Vorteile, gleichzeitig aber auch gravierende Nachteile. Gemeinsamkeit besteht nur in einem Punkt. Sowohl Continuum als auch DeX sind in ihrem gegenwärtigen Stadium als “Proof of Concept” zu bezeichnen. Beide Lösungen deuten an, was möglich ist, ohne das Versprechen jedoch wirklich einzulösen.

Samsung DeX – der Start
Sobald man das Galaxy S8 in die DeX Station steckt, startet DeX automatisch und zeigt einen Desktop an, der dem von Windows ähnelt, was ganz sicher kein Zufall ist. Es gibt ein Startmenü, eine Taskleiste, einen Info-Bereich mit diversen Schnellzugriffen unten rechts, und es finden sich ein paar Icons zum Start von Programmen.

Tatsächlich hat DeX in diesem Moment schon einige Pluspunkte gegenüber Continuum gesammelt. Das Windows-Feeling ist hier in der Tat aus dem Stand ausgeprägter als beim “Original”. Zu den Flyouts, die über den Bereich unten rechts zugänglich sind, gehört neben einem Schnellzugriff auf diverse Einstellungen (siehe oben) auch ein Benachrichtigungs-Center, welches ihr im folgenden Screenshot sehen könnt.

Die Performance ist durchaus beeindruckend. Selbst wenn mehrere Apps gleichzeitig und übereinander geöffnet sind, geht die Bedienung noch immer flüssig von der Hand. Gelegentlich springt der in der DeX Station verbaute Lüfter an, den ich im Gegensatz zu einigen anderen Reviews, die ich hierzu schon gelesen habe, als deutlich wahrnehmbar beschreiben würde. Wirklich störend ist das allerdings nicht.

Ich benutze sowohl Continuum als auch DeX an einem 4k Bildschirm, beide Lösungen unterstützen derzeit aber maximal FullHD. Das hat in beiden Fällen zur Folge, dass die Qualität der Darstellung leidet und insbesondere die Schrift verwaschen dargestellt wird. DeX interpoliert einen Tick besser, “schön” ist das aber in beiden Fällen nicht.

Ein weiterer Pluspunkt für DeX ist: Es funktionieren alle Apps. Zwar müssen die Apps speziell angepasst werden, um die Vorteile von DeX auszureizen, unabhängig davon lässt sich aber jede App starten und die Größe der Fenster lässt sich frei einstellen. Einige Android-Apps sind schon recht gut auf unterschiedliche Bildschirmgrößen vorbereitet, die sehen dann auch ohne Anpassung selbst im Vollbildmodus noch passabel aus. Es bleibt aber durchaus eine Erfahrung mit gemischten Eindrücken. Man kann auf jeden Fall problemlos ein Fenster-Chaos wie an einem richtigen Windows-PC anrichten.

Continuum kann das bekanntermaßen bis dato nicht. Ein Fenstermodus und ein damit einher gehendes verbessertes Multitasking war für das Creators Update versprochen, wurde aber nicht geliefert. Dass sich nicht für Continuum optimierte Apps gar nicht erst starten lassen, war eine bewusste Design-Entscheidung. Ich hatte vor einigen Monaten eine Vorschlagsliste mit Verbesserungen für Continuum veröffentlicht und mir gewünscht, Microsoft solle in diesem Punkt über seinen Schatten springen. Nachdem ich DeX ausprobiert habe, hat sich dieser Wunsch nochmals verstärkt.

Das DeX-Startmenü hat einen eigenen Bereich für die Apps, die bereits optimiert wurden. Hier finden wir von Microsoft Skype, Excel, Word, PowerPoint, OneDrive und Wunderlist, dazu noch TripAdvisor, eBay und ein paar andere Apps. Man kann aber ohne Übertreibung sagen, dass Microsoft in Punkto Produktivität der aktuell engagierteste “Sponsor” von DeX ist.

Zusammenfassend lässt sich tatsächlich feststellen, dass DeX sich derzeit mehr nach Windows anfühlt als Continuum mit Windows 10 Mobile, auch weil sich Samsung ziemlich schamlos vom Windows Look&Feel “inspirieren” lässt…

Die Nachteile von Samsung DeX
Bis hierhin zieht Continuum gegenüber DeX eindeutig den Kürzeren. Allerdings hat DeX auch Nachteile, und einer davon ist wirklich gravierend: Sobald das Galaxy S8 in die Dex Station gesteckt wird, ist es “tot”. Der Bildschirm geht aus und das Telefon kann nicht mehr verwendet werden. Dicker Pluspunkt für Continuum, denn hier kann ich das Telefon parallel dazu weiter verwenden und es auch als virtuelles Touchpad verwenden.
Geht während des DeX-Betriebes ein Anruf ein, kann man diesen über ein Bluetooth-Headset annehmen (ein kabelgebundenes Headset funktioniert nicht, weil der Audio-Anschluss unten ist und somit blockiert wird, wenn das S8 in der Station steht). Hat man kein solches, muss man das Telefon aus der Station nehmen. Genau wie Continuum bedeutet das: Die Session wird beendet und alle Apps werden geschlossen. Steckt man das S8 nach dem Anruf wieder zurück in die Station, findet man einen leeren Desktop vor. Die Unbenutzbarkeit des Telefons während des Desktop-Betriebs ist für mich ein echtes K.O.-Kriterium.

Das Einsetzen in die Station ist etwas fummelig und dürfte bei häufiger Nutzung nicht ohne optische Folgen rund um die USB-C Buchse bleiben. Die DeX Station verfügt übrigens neben zwei USB-Anschlüssen noch über einen 100 Mbit LAN-Port und einen HDMI-Anschluss. Die Audio-Ausgabe über diesen zu aktivieren, ist gut in den Einstellungen versteckt, außerdem nützt das nur etwas, wenn man einen Monitor mit eingebauten Lautsprechern besitzt. Ansonsten erfolgt die Soundausgabe über den Lautsprecher des Telefons, externe Boxen können nicht angesteuert werden. Wieder ein Punkt, bei dem Continuum die Nase vorn hat.

Anders als Continuum funktioniert DeX übrigens nicht drahtlos.

Fazit
Die Antwort auf die Frage, ob DeX oder Continuum in der Lage sind, den PC zu ersetzen, lautet in beiden Fällen eindeutig Nein. Mit beiden Lösungen wollte ich nicht den kompletten Arbeitstag verbringen.

DeX hat softwaremäßig die Nase deutlich vorn, disqualifiziert sich aber durch die Tatsache, dass man zwischen Smartphone- und Desktop-Betrieb wählen muss. Auch ansonsten wirkt DeX auf der Hardware-Seite nicht wirklich durchdacht. Wenn Samsung in diesem Punkt nachbessert, haben sie eine durchaus interessante Hybrid-Lösung geschaffen, die bei der “Generation Smartphone” durchaus den Gedanken auslösen könnte, ob denn wirklich noch ein PC nötig ist.

Microsoft wiederum sollte sich an die Arbeit machen und echtes Windows-Feeling unter Continuum realisieren, dann kann man durchaus mithalten.

Was beide Lösungen außerdem benötigen, ist eine breitere Software-Unterstützung, da stehen die Chancen bei Samsung bzw. Android durchaus besser, so lange wir nur über Apps reden. Bringt Microsoft irgendwann die x86-Anwendungen mit auf die Spielfläche, ist Continuum im produktiven Umfeld natürlich vorerst unschlagbar.

Ich bin gespannt, wie die Reise weiter geht. Dass ich in diesen Konzepten die Zukunft des Arbeitens sehe, habe ich ja schon oft genug betont. Ich nehme Wetten darauf an, dass eines Tages auch Apple mit einem “Continuum-Klon” um die Ecke kommen wird.

Noch ein paar Takte zum Galaxy S8+
Ich spare mir ein ausführliches Review zum Galaxy S8+, das sollen lieber die auf Android spezialisierten Seiten übernehmen, was sie ja auch schon zahlreich getan haben.
Es ist ein wirklich tolles Smartphone. Es sieht phantastisch aus, liegt prima in der Hand, die Performance ist überragend und das Display ist eine Augenweide. Nach wie vor finde ich die abgerundeten Ecken jedoch unmöglich, sie verkleinern die effektiv nutzbare Displayfläche und mich stört es extrem, dass man immer den Eindruck hat, die ersten und letzten Buchstaben einer Zeile würden “vom Display fallen”.
Der Designer, der sich die Position des Fingerabdruck-Sensors neben der Kamera ausgedacht hat, sollte fristlos entlassen werden. Was für ein Unsinn.
Nichtsdestotrotz: Mit dem Always On Display, drahtlosem Laden, Iris-Scanner und einer mit Double Tap to Wake vergleichbaren Funktion (man muss etwas kräftiger auf den virtuellen Home-Button auf dem Display drücken) ist das Galaxy S8 das Android-Smartphone mit den meisten Lumia-Features. Aufgrund des gesalzenen Preises und dem mir persönlich unsympathischen Edge-Display bleibt das Huawei Mate 9 jedoch meine Nummer 1 unter den Androiden.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 16 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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