Am Puls von Microsoft

Apple: Ich glaube, ich hab das Gaspedal gefunden!

Als Mitglied der Microsoft-Community, der grundsätzlich ein Freund von Windows, Office und Visual Studio ist, bekommt man ja schnell den Eindruck, dass in Redmond ein guter Winterschlaf zur Philosophie des Unternehmens gehört. Schon oft genug hat Microsoft Entwicklungen am Markt erst viel zu spät aufgegriffen und teilweise dann auch noch mit Ansage in den Sand gesetzt. Dass das aber nicht nur bei der Truppe von Satya Nadella der Fall ist, hat auch das Unternehmen aus Cupertino immer wieder bewiesen.

Vor zwei Jahren hat Craig Federighi von Apple auf der WWDC frenetisch gefeiert, dass Safari auf dem Mac endlich Tabs anpinnen konnte – eine Funktion, die schon zum damaligen Zeitpunkt für Firefox, Opera und Chrome mehr als nur ein alter Hut war. Im vergangenen Jahr sprang Apple dann erstmals über seinen Schatten und stellte seine neue Programmiersprache Swift unter eine quelloffene Lizenz. Und in diesem Jahr stattet man seine Karten-App endlich mit erweiterten Navigationsfähigkeiten aus – 4 Jahre nach Navigon, wie ein Nutzer unter einem Artikel bei Apfeltalk dazu anmerkte.

HomePod
Gestern machte Apple nun den nächsten Schritt und kündigte auf der WWDC den HomePod an, der gegen Jahresende in den USA erhältlich sein soll. Das neue Gerät soll dabei in erster Linie als auf Musik fokussiertes Device mit Herstellern wie Sonos konkurrieren, verfügt aber auch über eine Integration von Siri und tritt damit de facto in direkte Konkurrenz zu Google Home, Amazon Echo und Invoke mit Cortana. Dessen späte Verfügbarkeit und US-Exklusivität relativiert die Kritik an Microsoft zum entsprechenden Thema zwar etwas, bildet aber noch nicht den Kernpunkt der Problematik.

Das große Thema, was sich Apple neben der umweltfreundlichen Produktion seiner Hardware mittlerweile angeeignet hat, ist die Privatsphäre. Auch beim HomePod hat Phil Schiller dies wieder groß hervorgehoben. Der wesentliche Punkt bleibt aber, dass auch der HomePod, damit er richtig funktionieren kann, entsprechende Informationen aus der Umgebung, vom Machine Learning und nicht zuletzt auch aus der Cloud zusammensetzen muss. Inwieweit Apple den Mythos vom großen Datenschutz, der nebenbei gesagt auch von Mitgliedern der Linux-Community durchaus gefeiert wird, dabei noch aufrecht erhalten kann, wird die Zeit zeigen müssen.

Die Betriebssysteme
Bei Apples Plattformen stand die WWDC zumindest bei watchOS, tvOS und macOS im Zeichen von Verfeinerungen, die aber eigentlich durch die Bank wenig beeindruckend waren. Alleine iOS macht in diesem Jahr einen großen Sprung und hier sollte man fairerweise anerkennen, dass Apple hier im Bereich der Produktivität diverse Mängel ausgemerzt hat, die das mobile Betriebssystem bisher hatte. Die Neuerungen umfassen dabei zwar oft Sachen wie einen neuen Dateimanager, die eigentlich in der heutigen Zeit normal sein sollten, aber immerhin wird iOS dadurch wieder ein Stück moderner.

Besagter Dateimanager umfasst dann auch die einzige Neuerung, die für die Microsoft-Community, wenn überhaupt, dann von wirklichem Belang sein dürfte. In diesen können sich nämlich auch entsprechende Clouddienste integrieren, zu denen zum Start auch OneDrive gehören wird. Ansonsten sind wir diesmal nahezu leer ausgegangen.

Das Trauerspiel um Swift
Ein Projekt, was in der gestrigen Keynote leider völlig fehlte, war Apples Programmiersprache Swift. Noch in diesem Jahr soll eigentlich die neue Version 3.0 davon erscheinen, weswegen alleine aus diesem Grund eine Demo davon auf der Keynote Sinn gemacht hätte. Swift gehört aber auch zu den Beispielen, woran man merkt, dass man in Cupertino noch immer nicht in der heutigen Zeit angekommen ist. Auch wenn die Sprache grundsätzlich OpenSource ist, existiert neben der Version für macOS nur noch ein Port für Ubuntu-basierte Linux-Distributionen.

Es geht nicht darum, dass man unbedingt etwas von Apple auf allen Plattformen haben will. Es widerspricht aber der grundsätzlichen Entwicklung, die momentan am Markt stattfindet. Wir leben in einer Zeit, in der viele neue Sprachen wie Go, Rust, Dart, Kotlin oder TypeScript den Markt betreten und den etablierten Kräften wie Java, C++ oder Pascal Entwickler abjagen wollen. Hieraus ergeben sich zum Teil auch neue Alternativen, die bestimmte Probleme der Altsprachen lösen und Altlasten reduzieren können. Im Rahmen dessen wäre auch Swift, welches nach dem Willen von Apple mittelfristig das alte Objective-C ablösen soll, eine willkommene Abwechslung, die man in Cupertino aber bisher nicht zulässt.

Apple kann Windows langfristig nicht mehr ignorieren
Zugegeben: Niemand in unserer Community wünscht sich ernsthaft, dass Apple mit seinem digitalen Fort Knox in der Zukunft auch die Windows-Plattform im größeren Stil wieder unsicher macht. Tatsache ist aber auch, dass die Bereitstellung von Services für das Unternehmen aus Cupertino immer wichtiger werden wird. Services kennen aber keine Grenzen, weder bei den Plattformen, noch bei den darunter werkelnden Technologien. Das bedeutet nicht nur, dass man sich mehr für andere Plattformen öffnen muss, sondern auch die eigenen Technologien wie HLS, welches sonst nur noch von Microsoft Edge auf Windows 10 unterstützt wird, müssen zurückgefahren werden.

In kleinen Trippelschritten findet diese Öffnung bereits statt. Immerhin gibt es Apple Music auch auf Android, Swift gibt es auch für Ubuntu-basierte Linux-Distributionen, iTunes kommt gegen Jahresende in den Windows Store und über das Web ist auch die iCloud überall verfügbar, sofern man Google Chrome oder ein entsprechendes Derivat als Browser hierfür verwendet. Das alles ist aber noch viel zu wenig, wenn man mit den anderen Unternehmen wirklich konkurrieren möchte. Sieht man Microsoft, Amazon oder Google in diesem Vergleich als modernen Menschen an, ist Apple hier im besten Fall der Neandertaler.

Über mehr Ehrlichkeit und Demut
Derzeit verfügt man in Cupertino weder über Produkte, die in dieser Hinsicht wirklich konkurrenzfähig sind, noch gibt es große Optionen, derzeit etwas daran zu ändern. Einige der wenigen Chancen wären die grenzenlose Verfügbarkeit von Swift auf den großen Plattformen, weitere Portierungen von iMessage oder Facetime, die Integration von Siri in iTunes für bessere Vorschläge bei Apple Music oder anderen Features oder deutliche Verbesserungen bei der iCloud. Damit letztere außerdem zu einer wirklichen Alternative zu OneDrive oder Dropbox wird, muss sie zuverlässiger werden und Pannen wie in der Vergangenheit dürfen nach Möglichkeit auch nicht mehr auftreten.

Wenn ich nun neben der WWDC auch die Keynotes auf der Build Conference und der Google I/O Revue passieren lasse, stelle ich für mich eigentlich nur fest, dass ich unterm Strich in Redmond weiterhin sehr gut aufgehoben bin. Bei Google plätscherte alles eigentlich nur so dahin und es gab nichts, was mich wirklich vom Hocker gerissen hat. Gleiches gilt auch für Apple, wobei es gerade bei iOS schon die eine oder andere Neuerung gab, die ich mochte. Am Ende waren es aber mal wieder die Leute von Microsoft, die mich mit Abstand am Meisten begeistert haben. Sicherlich ist hier auch nicht alles Gold, was glänzt, und man darf nicht verkennen, dass man in Redmond noch viel Arbeit vor und viele Ecken und Kanten bei sich hat. Unterm Strich ist Windows 10 aber die Plattform, die sich aktuell am Besten entwickelt. Zumindest in der Hinsicht bleibt 2017 also weiterhin spannend.

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Über den Autor

Kevin Kozuszek

Kevin Kozuszek

Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und Microsoft Edge zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.

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