Am Puls von Microsoft

Apples Augmented Reality: Lächerlich primitiv und unverschämt clever

Zu den Neuerungen, die Apple anlässlich seiner Entwicklerkonferenz WWDC vorgestellt hat, gehört auch das ARKit, welches den Einstieg in die Welt der künstlichen Realitäten markiert. Viel war darüber im Vorfeld spekuliert worden, auch von einem eigenen Headset war die Rede. Auf ein solches verzichten die Leute aus Cupertino vorerst, stattdessen realisiert man Augmented Reality mittels iPhone und iPad.

Was da gezeigt wurde, ist in technischer Hinsicht eine Lachnummer, aber gleichzeitig so genial, dass man sich tief verneigen muss. Die Frage, wer beim Thema AR schon bald die mit weitem Abstand größte Nutzerbasis haben wird, ist seit Montagabend beantwortet. Hunderte Millionen Besitzer eines iOS-Geräts besitzen plötzlich auch AR-Hardware – ohne dass sie dafür etwas Neues kaufen müssen (nicht mal einen Adapter *scnr*). Und das ist deshalb so wichtig, weil das für die AR-Entwickler eine riesige Zielgruppe ist, mit der sich Geld verdienen lässt.

Wer es verpasst hat – bei Cnet gibt es ein Video der AR-Demo. Im Wesentlichen geht es darum, dass künstliche Objekte in das Livebild der Kamera integriert werden. Gezeigt wurde das nur am Beispiel einer glatten Fläche, und weil weder iPhone noch iPad irgendwelche Tiefen-Sensoren oder andere Ausstattungsmerkmale von VR/AR-Headsets besitzen, werden die Möglichkeiten immer limitiert bleiben.

Stichwort Limitierung: Die ist sozusagen by Design und damit geht Apple auch einigen anderen Diskussionen elegant aus dem Weg, zum Beispiel der Frage nach dem Sichtfeld. Das beträgt 100 Prozent. Zwar nur 100 Prozent des iPhone oder iPad-Displays, aber bei diesem Szenario wird niemand auf die Idee kommen, dass es zu wenig sei – denn mehr geht ja nicht.

Schaut man auf die Mixed Reality Plattform in Windows 10 oder gar auf die HoloLens und setzt das in Relation zu Apples ARKit oder dem, was Google auf seiner Entwicklermesse I/O angekündigt hat, dann bleibt festzustellen, dass Microsoft technisch meilenweit voraus ist und das auf absehbare Zeit auch bleiben wird. Für spezielle Anwendungen wird kein Weg an Microsoft vorbei führen, aber Mixed Reality wird eben nicht dieses große Ding werden, von dem Microsoft immer träumt. Zumindest nicht, so lange man sich dafür einen albernen Helm aufsetzen muss. 3D TV ist daran gescheitert, dass die Leute sich keine simple Kunststoffbrille aufsetzen wollten, bei AR oder VR liegt die Hürde noch viel höher. Die Menschen über ein Gerät an die Technologie heran zu führen, welches sie schon besitzen, ist sehr viel schlauer. Weil sie dann auch tatsächlich damit herumspielen und vielleicht auf den Geschmack kommen.

Apple hat nicht darüber nachgedacht, wie man die technisch beste Lösung baut. Sie haben überlegt, wie man es angehen muss, damit die große Masse die Technik auch tatsächlich nutzt. Und so kamen sie auf die beste Idee, die man derzeit haben konnte. Das verschafft ihnen die zahlenmäßige Marktführerschaft und gleichzeitig viel Zeit, an „echter virtueller Realität“ zu arbeiten. Wie ich schon sagte, das war geradezu unverschämt clever.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige