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Windows 10 Mobile Reboot mit CShell und neuer Hardware – Aufarbeitung und Einschätzung der Gerüchte

Lange Zeit war es sehr ruhig um das Thema Windows 10 Mobile geworden, was in Anbetracht der allgemeinen Lage sicher auch nicht verkehrt war. Seit einigen Wochen ist aber wieder Bewegung in das Thema gekommen. Zwar spricht Microsoft selbst nach wie vor nicht konkret über die Zukunft des Systems, durch Leaks und Microsofts Missgeschick – dem Release der Build 16212, die eigentlich nur für interne Zwecke bestimmt war – sind aber neue Informationen ans Licht gekommen.

Es begann am 22. Mai mit meiner exklusiven Story darüber, wie Microsoft seine neue Mobilstrategie bei den Business-Kunden verkauft.
In der Woche drauf befand ich mich im Urlaub, da kamen die Gerüchte um einen „Reboot“ von Windows 10 Mobile auf, inklusive Demos der neuen CShell und der Meldung, dass die Silverlight Apps nicht mehr unterstützt werden. Alle diese Meldungen bestätigten, was ich zuvor geschrieben hatte, und fügten neue Informationen hinzu. Ich hatte danach versprochen, diese Geschehnisse noch aufzuarbeiten und meine Einschätzung dazu abzugeben, was ich nun tue. Außerdem füge ich noch meine neuesten Infos zu verschiedenen Themen ein.

Mir ist in erster Linie wichtig, die Informationen in die richtige Perspektive zu setzen, auch und vor allen Dingen, weil viele Leute daraus sofort wieder große Hoffnungen abgeleitet haben. Es tut mir leid, wenn ich da die Spaßbremse spielen muss, aber es ist wichtig, dass man realistisch bleibt.

Das Ende der Silverlight Apps
Gustave, Entwickler der Interop Tools für Windows Mobile, postete am 2. Juni auf Twitter einen Screenshot, auf dem eindeutig zu sehen ist, dass Silverlight-Apps unter Windows 10 Mobile nicht mehr unterstützt werden – die Folge waren heftige Spekulationen bis hin zu Clickbait-Headlines wie „Windows Phones bald ohne WhatsApp“.

Dazu ist zu sagen: Der Screenshot stammte aus der versehentlich veröffentlichten Build 16212. Dies war, wie schon gesagt, eine interne Version, und Silverlight war, wie ich inzwischen herausgefunden habe, „einfach mal raus genommen worden“. Eine konkrete Produktplanung steckte da noch gar nicht dahinter.

Wann Silverlight endgültig raus fliegt, ist aktuell noch überhaupt nicht entschieden. Fest steht, dass es passieren wird, weil es passieren muss. Silverlight ist tot und das alte Zeug muss raus. Die Gelegenheit ist günstig, weil „quasi niemand mehr“ ein Windows Phone benutzt. Ohne den treuen Nutzern hier allzu heftig vor’s Schienbein treten zu wollen: Ihr müsst leider realisieren, dass es keine Rolle mehr spielt, wie lange ihr noch bei der Stange bleibt. Etwaige negative Auswirkungen, die sich aus dem „Ausbau“ von Silverlight ergeben, werden für Microsoft keine Rolle spielen, weil man bei Null Komma irgendwas Marktanteil auf rein gar nichts mehr Rücksicht nehmen muss. Die wahrscheinlichste Variante ist aber ohnehin jene, dass alle Geräte, die heute auf dem Markt sind, den Silverlight-Support behalten werden, im Gegenzug aber von der weiteren Entwicklung abgehängt sind.

CShell – jetzt wird es kompliziert
Wesentlich spannender war die Tatsache, dass die Build 16212 bereits die CShell enthält – jene neue Komponente, welche die universelle UI für alle Windows 10 Editionen beinhaltet und die in der Folge auch jede Menge neue Funktionen für Continuum bringt – wie einen Fenstermodus für Apps, einen richtigen Desktop und noch so Einiges mehr. Bisherige Gerüchte gingen davon aus, dass erste Bestandteile davon es noch ins „Feature2“-Release von Windows 10 Mobile schaffen. Oder besser gesagt: Es ist der einzige Grund, warum es dieses Feature2-Release überhaupt gibt.

Ich verstehe technisch zu wenig davon, aber mehrere Leute, die es wissen müssen, bestätigten mir, dass „ein bisschen CShell“ für Windows 10 Mobile nicht möglich ist und es noch eine ganze Weile dauern wird, ehe sie auf kleinen Displays wirklich einsatzfähig ist. Die geleakten Videos bestätigen das auch, was man da gesehen har, ist von der Serienreife noch meilenweit entfernt. Dass die „Altgeräte“ noch mit auf diese Reise genommen werden, ist zumindest auf dem offiziellen Weg nahezu ausgeschlossen.

Das ist der Punkt, an dem die Geschichten noch nicht so richtig zusammen passen. Wenn „feature2“ wirklich nur noch aus ein paar Bugfixes besteht, gibt es keinen objektiven Grund, warum man sich diese Mühe überhaupt noch macht. Irgendwo in der Zukunft müssen dieses ominöse „feature2“ und das „neue“ Windows 10 mit CShell also wieder zusammenfinden.

Ich hörte übrigens, dass die 16xxxer-Builds im Laufe des Jahres durchaus noch ins Insider-Programm für Windows 10 Mobile kommen werden. Wenn ich alle Puzzle-Teilchen zusammensetze, dann komme ich zu der Vermutung, dass man für die HP-Geräte (das HP Elite x3 und dessen „kleiner Bruder“, der auf dem MWC gezeigt, inzwischen aber auf den Herbst verschoben wurde) eine Sonderlösung bauen wird, damit die auf Continuum bauende 3in1-Story noch am Leben bleibt.

Mit Blick auf Microsofts Historie, was den Umgang mit ausgelaufenen Geräten angeht, gehe ich davon aus, dass man die Lumias nicht mehr anfassen wird. Verbucht es ausdrücklich als Prognose, dass die Lumias genau auf dem Stand bleiben werden, auf dem sie heute sind. Alles, was wirklich neu ist, wird auch neue Hardware voraussetzen, zumal Microsoft ja auch aktiv auf eine Stilllegung der Altgeräte hinarbeitet. Dafür wurde ja unter anderem das Märchen vom schlechten Feedback erfunden, um die Versorgung mit Updates auf immer weniger Lumias einzuschränken.

Zurück zu HP: Wenn die Trennung von CShell und dem „alten“ Windows 10 Mobile wirklich so radikal ist, wie mir gesagt wurde, dann fragt man sich natürlich, wie Microsoft eine solche Lösung für HP zaubern will. Da können wir uns nur überraschen lassen. Ließe man das Elite x3 auf dem aktuellen Stand, wäre HP bei all seinen Kunden unten durch, denen man eine mehrjährige Update-Garantie gegeben hat. Und weil HP der wichtigste, weil letzte Partner von Microsoft ist, muss da ein gangbarer Weg gefunden werden.

Die Zukunft liegt in Szenarien
Kommen wir zur vielleicht wichtigsten Botschaft dieses Beitrags. Die Berichte über einen Reboot der mobilen Sparte sowie die geleakten Demos zu CShell und Continuum haben die Phantasie vieler Fans wieder beflügelt, und einige sehen die Plattform mit diesen Änderungen und Dank Windows 10 on ARM schon wie Phönix aus der Asche empor steigen. Ich will niemandem die Laune verderben, aber ich sehe es auch als meine Pflicht an, darauf hinzuweisen, dass genau das nicht passieren wird. Die Geschichte von Windows 10 Mobile als Smartphone-OS ist zu Ende und wird auch nicht neu geschrieben werden. Das ist eine seit über einem Jahr bekannte Tatsache, auf die man aber offenbar immer wieder hinweisen muss. Und flüchtet euch bitte auch nicht in Träume, dass da etwas kommt, was viel toller ist, weil Microsoft vage Andeutungen macht.

Die Zukunft liegt in Szenarien wie zum Beispiel jenem bei der Polizei im Saarland. Durch spezielle Features und spezielle Software werden spezielle Einsatzgebiete bedient, und das war’s. Alles andere sind feuchte Träume, die nicht in Erfüllung gehen werden. Wer sich in der Hoffnung an sein Lumia 950 klammert, dass es so lange hält, bis Microsoft wieder durchstartet, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit enttäuscht.

Ich bleibe trotzdem weiterhin gespannt. Es mag lächerlich klingen, aber aus rein technischer Sicht erleben wir die vielleicht spannendste Entwicklung eines mobilen Windows aller Zeiten. Ich gehe eben nur davon aus, dass ich das zwar technisch hochinteressant finden werde, es aber nichts ist, mit dem ich etwas anfangen könnte.

Bis zu Microsofts „ultimativem Mobilgerät“ wird es ganz sicher noch länger dauern, und selbst wenn es kommt, wird es zwar ein kleiner PC, aber immer noch ein Smartphone ohne marktrelevantes Softwareangebot sein. Wer mir was von der Erschaffung einer neuen Geräteklasse erzählen möchte, der soll mir auch bitte erklären, wie man das machen will, wenn man die Szenarien, die man anders abbilden will, gar nicht bedienen kann. Das ist der wesentliche Unterschied zu dem, was Microsoft mit dem Surface geschafft hat. Das war „nur“ eine neue Geräteklasse, das Ökosystem dafür war da.

Gleichwohl steht für Ende 2017/Anfang 2018 tatsächlich ein neues Mobilgerät aus Redmond auf der Roadmap. Ich bin ganz besonders gespannt, wie viel vom „neuen Geist“ wir darin schon sehen werden. Ich hoffe, es wird anders genug sein, dass niemand mehr auf die Idee kommt, es mit einem iPhone oder Androiden zu vergleiche, denn diese Nummer ist definitiv abgehakt.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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