Xbox One und Kinect: Wie Trolle eine sachliche Datenschutz-Diskussion verhindern
Die zweite Kinect-Generation, die zusammen mit der Xbox One auf den Markt kommt, wird deutlich mehr können: Bis zu sechs Personen kann der Bewegungssensor dann gleichzeitig erfassen, die Bewegungen deutlich detaillierter verfolgen, sogar von den Lippen lesen sowie Gesichtsausdrücke und damit Stimmungen aufschnappen – ja sogar der Herzschlag einer von Kinect erfassten Person soll sich auswerten lassen.Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten – ruft aber auch Bedenkenträger auf den Plan. Alles, was diese neue Technik so drauf hat, kann natürlich auch für Dinge verwendet werden, von denen der Nutzer nichts weiß und die nicht in seinem mutmaßlichen Interesse liegen.
Sich mit diesem Thema zu beschäftigen und kritische Fragen zu stellen, ist legitim. Ja, es ist sogar wichtig, das zu tun. Verharmlosungen sind da fehl am Platz. Ebenso daneben ist es allerdings auch, ins Sensationshorn zu blasen und ein Szenario von der Stasi-Konsole zu zeichnen, wie es diverse Medien tun. Wieder einmal ganz vorne dabei – wie immer, wenn es um unsachliche Verunglimpfungen in Richtung Microsoft geht: heise, mit der schönen Story Xbox One – Horch und Guck im Wohnzimmer. Was da drin steht ist, um mal bei der gleichen Terminologie zu bleiben – fast ausschließlich Lull und Lall. Wer eine Xbox One im Wohnzimmer stehen hat, wird vermutlich schon bald rund um die Uhr vom Geheimdienst überwacht – allerdings nur so lange, bis Hacker in das System eindringen und die Kontrolle übernehmen.
Man befindet sich beim Lesen solcher Texte immer auf einer schmalen Gratwanderung zwischen Lachkrampf und Fremdscham, nicht selten passiert sogar beides gleichzeitig.
Die Diskussionen, die auf dieser Basis entstehen, laufen immer gleich ab: Da sind die, die das am Pranger stehende Gerät bzw. dessen Hersteller zum bösen Monster hochstilisieren, die in jeder diesbezüglichen Diskussion auftauchenden Paranoiker, aber auch die Fanboys des jeweiligen Lagers und nicht zu vergessen die Totschlagsargument-Fraktion mit Phrasen wie „wer nichts zu verbergen hat…“
Das liefert endlose Kommentarfäden mit teilweise hohem Unterhaltungswert, weckt manchmal aber auch Sehnsüchte, jemand möge doch endlich einen Standard für das „auf’s Maul over IP“-Protokoll entwickeln.
Wenn man dann zu Ende gelacht oder sich wieder abgeregt hat, stellt man fest, dass man so weit ist wie vorher. Was diese sensationsheischenden Artikel nämlich erreichen, ist genau das Gegenteil: Eine wirklich kritische und sachliche Auseinandersetzung mit der Problematik findet gar nicht statt.
Ganz abgesehen davon, dass man die positiven Aspekte – nämlich die Chancen, die dahinter stehen, nicht mehr wahrnimmt, was Caschy in seinem Kommentar kritisiert. Angenommen ich sitze alleine zu Hause vor dem Fernseher und erleide einen Herzinfarkt – wäre es nicht ziemlich cool, wenn meine Xbox jetzt automatisch den Notarzt rufen könnte?
Die Nutzung dieser Techniken ist und bleibt freiwillig. Wie man Kinect mit der Xbox One konfigurieren kann, ob diese „Raumüberwachung“ vielleicht komplett abschaltbar ist – darüber gibt es bislang null Information. Und selbst wenn man das alles nicht abschalten kann, dann bleibt der Kauf der Konsole als Solches auf jeden Fall eine freiwillige Sache.
Es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird, und dass man die Leute zum Nachdenken bringt, welche Schattenseiten eine neue Technologie mit sich bringen kann. Aber gibt es dafür wirklich kein anderes Stilmittel als derart reißerische Artikel?
Über den Autor

Martin Geuß
Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 19 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!



