Review: Microsoft Surface Pro – das Eine für Alles?

Am 31. Mai, also in weniger als einer Woche, geht das Surface Pro von Microsoft in Deutschland an den Start. Vorher durften ein paar Leute, die sich für Experten halten oder dafür gehalten werden, schon mal Hand an das Gerät legen. Zu diesen Auserwählten gehörte auch ich, und so durfte ich das Surface Pro eine Woche lang unter die Lupe nehmen und auf Herz und Nieren prüfen.
Wer hier öfter zu Gast ist, der weiß vielleicht, dass das Surface Pro bei mir mit einer schweren Hypothek antreten musste: Ich habe in der Vergangenheit schon des öfteren anklingen lassen, dass ich für ein derartiges Gerät keine Verwendung sehe – denn das Surface Pro war in meinen Augen weder Tablet noch Notebook. Dass der Vergleich mit dem Surface RT bzw. mit Tablets allgemein keinen Sinn ergibt, habe ich schon nach zwei Tagen erkannt – darum war es mir wichtig, dies in einem separaten Beitrag aufzuschreiben: Surface Pro vs. Surface RT – ein unzulässiger Vergleich.
Es wird im weiteren Verlauf kein Wort mehr über das Surface RT fallen, wir werden nur noch der Frage nachgehen, ob das Surface Pro tatsächlich ein vollwertiger PC-Ersatz sein kann, und was das Gerät als solches taugt.

Design, Verarbeitung, Haptik
In diesem Punkt erwarten sicherlich die wenigsten Leser eine negative Überraschung. Es gibt auch keine. Mit seinem Magnesium-Gehäuse wirkt das Surface Pro gleichermaßen wertig und stabil. Im typischen „Verwindungstest“ mit zwei Händen, wo sich manch andere Geräte dieser Art doch recht bedenklich biegen lassen, rührt sich das Surface Pro kein bisschen. Auch die Verarbeitung ist tadellos – keine scharfen Kanten, es steht nichts über, es wackelt und knarzt nirgends – kurzum, in diesem Punkt ist das Surface Pro das, was man von einem Gerät dieser Preisklasse auch erwarten darf: Perfekt.

Display
Das Surface Pro hat ein FullHD-Display mit einer Auflösung von 1920 mal 1080 Punkten. Dies wird auch bei Tablets mit kleinem Display immer mehr zum Standard und ist auch grundsätzlich in Ordnung, führt aber im Zusammenspiel mit Windows 8 zu mehreren Problemen: Bedienelemente und Schriften werden dadurch zum Teil winzig klein. Die Skalierung auf 150 Prozent einzustellen (ab Werk sind 125 Prozent eingestellt), ist daher beinahe schon Pflicht. Und das wiederum führt zu einem weiteren Problem: Verschiedene Anwendungsprogramme können mit der 150 Prozent Skalierung nicht richtig umgehen bzw. übernehmen sie gar nicht. In der Folge bleiben die Schriften klein oder Menüs erscheinen plötzlich verschoben. Das sieht nicht wirklich schön aus.
Schließt man an das Surface Pro einen externen Monitor an, übernimmt dieser die Skalierung, weil Windows 8 unterschiedliche Skalierungen für verschiedene Monitore nicht unterstützt (mit Windows 8.1 soll sich das wohl ändern). Die Anzeigegröße von 150 Prozent sieht auf einem 24 Zoll Monitor entsprechend bescheiden aus.
An der Bildqualität an sich gibt es nichts zu mäkeln. Ich breche mein Versprechen und erwähne das Surface RT an dieser Stelle nochmals: Im direkten Vergleich ist das Display des Surface Pro einen Tick besser: Stärkerer Kontrast, brillantere Farben und stabiler Blickwinkel (wie viel Grad das sind, interessiert mich nicht – ich betrachte das Gerät aus Perspektiven, wie sie in der Praxis auch tatsächlich vorkommen – und da gab sich das Surface Pro nicht die geringste Blöße).

Performance
Mit 4 GB RAM und Intel Core i5 Prozessor liegt das Surface Pro auf dem Niveau von Business-Notebooks. Im Vergleich zu den anderen Windows 8 Tablets mit Atom-CPU spürt man den Unterschied natürlich deutlich. Ich bin kein Freund synthetischer Benchmarks, für mich ist die gefühlte Arbeitsgeschwindigkeit ausschlaggebend. Hier vergleiche ich das Surface Pro dann mit meinem Asus Ultrabook, auf dem ebenfalls Windows 8 läuft. Da ist beinahe kein Unterschied zu spüren, obwohl im Ultrabook eine i7 CPU steckt. Nicht nur Desktop-Programme, auch die neuen Apps laden rasend schnell. Das liegt auch daran, dass dem Surface Pro eine überaus leistungsfähige Samsung SSD spendiert wurde, die bei den Leseraten sogar die in meinem Desktop-PC verbaute Samsung 840 schlägt. Um das zu ermitteln, musste dann natürlich doch ein Benchmark-Tool herhalten:

Für Gamer ist das Surface Pro freilich keine Option. Der Intel HD4000 Grafikchip vollbringt keine Wunder. Die entscheidende Frage aber – nämlich die, ob das Surface Pro leistungsmäßig als Notebook-Ersatz taugt – kann durchaus positiv beantwortet werden.
Unter Belastung wird das Gehäuse spürbar warm, bleibt aber im Rahmen des Erträglichen. Der integrierte Lüfter ist im Normalbetrieb nur wahrnehmbar, wenn man sein Ohr direkt an das Gerät hält. Lediglich unter Volllast ist ein leises Surren zu vernehmen.

Akkulaufzeit
Das Versprechen des Herstellers im Bezug auf die Akkuleistung wird eingelöst – und das ist die schlechte Nachricht. Mit „bis zu vier Stunden“ gibt Microsoft die Laufzeit des Surface Pro an, und die Praxis zeigt: Mehr ist tatsächlich nicht drin. Diese vier Stunden werden auch nur bei durchschnittlicher Belastung, also gewöhnlicher Office-Nutzung erreicht. Sobald die vorhandene Leistung tatsächlich abgerufen wird, geht es mit dem Akku rapide bergab. Beispiel: Das Spiel „Guns 4 Hire“ raubte dem Akku binnen 20 Minuten 13 Prozent seiner Ladekapazität.
Selbst die aktuelle Ultrabook-Generation macht hier fast durchweg eine bessere Figur. Wer mit dem Surface Pro viel unterwegs ist, der wird bald wissen, wo es überall Steckdosen gibt, denn er wird ständig nach einer solchen suchen müssen.

Der Stift

Dem Surface Pro liegt ein Eingabestift bei. Ich erwähne ihn in diesem Review, weil er dazu gehört, räume aber ehrlicherweise gleich ein, dass ich kein Freund dieser Dinger bin und daher auch ein schlechter Tester. Immerhin kann ich sagen, dass der Stift tadellos funktioniert, wenn der Umgang damit auch ein wenig Übung erfordert. Die Handschrifterkennung funktionierte bei mir bestenfalls durchschnittlich, jedoch gehe ich davon aus, dass dies mit entsprechender Übung deutlich besser werden würde.
Was ich trotzdem negativ anmerken muss ist der Umstand, dass ich des öfteren mit dem Handballen ungewollt irgendwelche Aktionen ausgelöst habe. Da es bei der Stiftbedienung nicht ausbleibt, dass man die Hand auf dem Gerät ablegen muss, werte ich das als Minuspunkt.

Verstaut wird der Stift nicht im Gehäuse, sondern magnetisch an der Stelle, wo auch das Ladekabel angeschlossen wird. Während man das Surface Pro also lädt, muss man den Stift woanders deponieren. Außerdem sieht diese Befestigung zwar auf dem Foto gut aus – in der Praxis genügt jedoch eine leichte Berührung, und der Stift fällt runter. Ich hoffe, dass man den Stift als Ersatzteil bekommt, denn ich bin sicher, dass sie alleine wegen der unpraktischen Halterung reihenweise verloren gehen werden.

Ich muss mein Versprechen bezüglich des Surface RT nochmals brechen, aber weil die Frage mit Sicherheit aufkommen wird: Nein, der Stift funktioniert auf diesem nicht.

Sonstiges
Von den 128 GB internem Speicher, über die das Testgerät verfügte, waren rund 30 GB belegt. Allerdings muss ich dazu anmerken, dass zu dem Zeitpunkt, als ich das überprüft habe, schon zwei oder drei Apps sowie alle aktuellen Windows Updates installiert waren. Crapware sucht man auf dem Surface Pro glücklicherweise vergeblich. Lediglich die Dateien für die Installation von Office 2013 werden auf dem Surface Pro vorgehalten. Nachdem ich den Produktschlüssel zur Aktivierung eingegeben hatte, war Office sofort einsatzbereit.
Der Klang des Surface Pro ist ok – nicht mehr und nicht weniger. Für meinen Geschmack dürfte er etwas lauter sein, vor allen Dingen in etwas lauteren Umgebungen wie z.B. einem Großraumbüro könnte es da schnell eng werden. Aber da setzt man ja ohnehin besser ein Headset auf.

Fazit und Einschätzung
Woran macht man ein Fazit nun fest? Das ist beim Surface Pro wirklich schwer, denn man weiß nicht, in welche Schublade man es stecken soll. Für ein Tablet ist es zu dick, zu schwer, zu kurzatmig und vor allen Dingen auch zu teuer (879,- (64 GB) bzw. 979,- Euro (128 GB), damit das auch noch erwähnt ist). Aber eigentlich passt dieser Vergleich auch überhaupt nicht, weshalb ich diesem Testbericht das hier vorausgeschickt habe:
Surface Pro vs. Surface RT – ein unzulässiger Vergleich.
Betrachtet man es von der anderen Seite, wird eher ein Schuh draus: Wer mit dem kleinen Display und dem durch den Kickstand fixen Neigungswinkel leben kann, für den taugt das Surface Pro durchaus als Notebook-Ersatz. Wenn Windows 8.1 das Problem mit der Skalierung löst und es eine gute Docking-Station gibt (die zusätzlichen Kontakte am Tastaturanschluss unten lassen es erahnen), dann ließe sich das Surface Pro außerdem als Büro-PC nutzen. Und ohne angedockte Tastatur kann es dann auch trotzdem noch mit auf die Couch. Das Surface Pro ist also in der Tat „Eines für Alles“ – wenn man bereit ist, entsprechende Kompromisse zu machen.

Einen ganz entscheidenden Nachteil hat das Surface Pro dann aber trotz Allem: Es kommt viel zu spät, denn die darin steckende Technik ist bereits veraltet. Intels Haswell-Plattform steht schon in den Startlöchern, und die darauf basierenden Ultrabooks werden das Surface Pro in allen Disziplinen abhängen. Ein Kauf käme deshalb für mich nicht in Frage – vermutlich wird Microsoft ja in einem Monat selbst schon den Nachfolger vorstellen. Der könnte dann in der Tat das Zeug zum Überflieger haben.

Technische Daten des Microsoft Surface Pro:

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Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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