Am Puls von Microsoft

PRISM: Bitte keine Aufklärung mehr, ich will nichts mehr hören!

Täglich erreichen uns neue Meldungen zum PRISM Überwachungsskandal. Eine neue Enthüllung hier, ein neues Statement da. Ich hoffe inständig, das Thema verschwindet bald wieder aus den Schlagzeilen – denn ich kann den Mist, der da erzählt wird, nicht mehr ertragen.
Was wir zu lesen bekommen, sind entweder Halbwahrheiten, Lügen oder scheinheilige Betroffenheits- und Transparenz-Beteuerungen. Kein Mensch braucht so was. Die Wahrheit wird ziemlich sicher nirgends berichtet werden, aber das wird auch nicht nötig sein – wir können sie uns ja sowieso denken.

Als Whistleblower Edward Snowden vor und zehn Tagen an die Öffentlichkeit ging, habe ich die Enthüllungen zwar für grundsätzlich möglich gehalten, hatte aber gleichzeitig durchaus Zweifel, ob hier vielleicht nicht ein wenig übertrieben wird. Diese sind inzwischen restlos verflogen, und dafür haben vor allen Dingen die Unternehmen gesorgt, denen die Kooperation mit der NSA nachgesagt wird. Deren halbgare Statements lassen keinen Zweifel mehr zu, dass alles haargenau so stimmt, wie Snowden behauptet. Vermutlich ist es sogar noch schlimmer.

PRISM? Nie gehört! Und wenn es so etwas tatsächlich gibt, dann machen wir da nicht mit. So oder so ähnlich äußerten sich neben Microsoft auch z.B. Google und Facebook. Man verwies auf seine Transparenzberichte, in denen ja alles darüber stehe, welche Daten man an die Behörden weitergibt und unter welchen Umständen.
Wenige Tage später erklärten die selben Unternehmen: Unsere Transparenzberichte sind einen Dreck wert, denn da steht nur das drin, was uns die amerikanische Regierung hinein diktiert hat.
Gleichzeitig bat man scheinheilig darum, ein wenig offener werden zu dürfen. Am Wochenende legten Microsoft und Facebook weitere Zahlen zu weitergegebenen Daten vor. Ich spare mir, sie hier zu nennen, sie sind ja sowieso falsch.
Nach zähem Ringen hätten die US-Behörden die Veröffentlichung erlaubt, hieß es dazu.
Ich ‚übersetze‘ mal: Tagelang haben die Unternehmen und die NSA sich irgendwas ausgedacht, was schön klingt und uns beruhigen soll.

Ich spreche ungern für andere, daher frage ich aus der Ego-Perspektive: Sorry, aber für wie bescheuert haltet ihr mich eigentlich? Denkt Ihr im Ernst, ich würde auch nur eine Sekunde überhaupt darüber nachdenken, ob ich das glauben soll?
Ihr habt mir mit Euren Transparenzberichten ins Gesicht gelogen, und jetzt soll ich irgendwelche schöngefärbten Zahlen fressen und mich wieder sicher fühlen?
Nein, die Nummer ist durch – mein Vertrauen ist zerstört. Ich sage nicht, dass Ihr es niemals wiederherstellen könnt, aber ich sehe im Moment tatsächlich nicht, wie das funktionieren soll. Mit der Wulff-Strategie, nämlich immer gerade so viel zuzugeben, wie sich sowieso nicht mehr leugnen lässt, wird es ganz sicher nicht klappen.

Ich bin ja eigentlich jemand, der dazu mahnt, ernste Themen wie dieses mit der nötigen Sachlichkeit anzugehen. Betrachtet man die Statements der Unternehmen aber mal mit einer gewissen Portion Zweifel, dann kann man sie auch frei interpretieren.
„Wir haben keine Daten verschickt“ kann ja auch bedeuten „sie wurden abgeholt“.
Und „wir bewegen uns im Rahmen der rechtlichen Bestimmungen“ schließt nicht aus, dass es eine geheime Richtlinie gibt, die unbegrenzten Zugang auf restlos alle Daten verlangt. Selbst die Aussage „keinen Datenherausgabe ohne gerichtliche Anordnung“ ist nichts wert – denn die kann einerseits sehr weit gefasst sein, und andererseits kann man längst irgendwo einen elektronischen Richter installiert haben, der die Beschlüsse zeitgleich mit den Anfragen automatisiert generiert.

Egal, welche Beteuerungen und Erklärungen wir dazu noch hören werden – ich gehe bis auf Weiteres davon aus, dass restlos alles, was ich im Internet tue, protokolliert wird. Vielleicht reicht ja dieser Beitrag schon aus, um auf der Liste potenzieller Staatsfeinde zu landen.

Ich mag den beteiligten Unternehmen nicht vorwerfen, dass sie sich mit der NSA ins Bett gelegt haben. Sie hatten vermutlich keine andere Wahl. In dem Wissen darum, dass die Kunden ausgesaugt werden, aber noch aktiv dafür zu werben, so viel Daten wie nur irgend möglich in die Cloud zu beamen – das hat dann schon fast Verschwörungs-Charakter. Ich habe es oft betont, ein Cloud-Mensch zu sein. Mich davon zu verabschieden, ist mit einigem Komfort-Verlust verbunden und würde auch einige Zeit in Anspruch nehmen, aber ich denke ernsthaft darüber nach, es zu tun. Denn das Thema Cloud als Datenspeicher sollte in Anbetracht der Tatsachen eigentlich für lange Zeit absolut tabu sein.
Vermutlich bringt es nichts, meinen SkyDrive-Speicher zu leeren, weil er sowieso längst auf die NSA-Server gespiegelt wurde. Es wäre aber eine Art zu zeigen, dass ich eben nicht bereit bin, mich mit seichten Besänftigungen abspeisen zu lassen und so zu tun, als sei nichts passiert.

Denn darüber hinaus bleibt ja wirklich nur noch die Resignation. Die totale Überwachung ist Realität, und sie wird in Zukunft noch weiter ausgebaut werden. Mit dieser Tatsache muss man sich abfinden, sobald man sich mit dem Internet verbindet.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige