Am Puls von Microsoft

Microsoft lässt durchblicken: Nokia X wird nach der Übernahme eingestampft

Nun ist es also tatsächlich passiert: Nokia hat mit dem Nokia X, X+ und XL nicht nur eines, sondern gleich drei Android-Smartphones vorgestellt, dabei aber betont, dass diese nichts mit Google zu tun haben, sondern dafür geschaffen seien, den Nutzer ‚in die Microsoft-Cloud‘ zu bringen.
Natürlich wusste man in Redmond, was da kommt, und hat unmittelbar nach der Präsentation ein offizielles Statement veröffentlicht. Und aus diesem kann man zwischen den Zeilen herauslesen: Das Nokia X ist gekommen, um zu sterben. Mit Abschluss der Teilübernahme von Nokia werden die drei Geräte ziemlich schnell auf der Streichliste landen.

Schon gestern wurde Windows Phone Chef John Belfiore die Frage gestellt, was er denn von einem Nokia-Smartphone mit Android halten würde. Er antwortete so deutlich, wie er sich das in seiner Position erlauben kann: „Unsere Freunde bei Nokia tun viele Dinge. Vieles davon finden wir sehr spannend, manches eher nicht.“

Heute nun meldet sich Frank X Shaw von Microsoft im Blogpost Mobile World Congress, Microsoft and Nokia zu Wort, der pünktlich zum Ende von Nokias Pressekonferenz in Barcelona online ging.
Er schreibt darin, dass es natürlich eine Menge Spekulationen darüber gibt, was Nokias heutige Ankündigung denn für die Partnerschaft der beiden Unternehmen zu bedeuten habe. Darum wolle man aus Sicht von Microsoft einige Punkte ‚in den richtigen Kontext setzen‘.

Zunächst betont Shaw, dass Microsoft und Nokia nach wie vor zwei völlig autark arbeitende Unternehmen sind und dies auch so lange bleiben, bis die Übernahme formal abgeschlossen sei, was noch vor Ende des ersten Quartals passieren soll. Die strengen Antitrust-Gesetze würden hier auch gar keine andere Vorgehensweise erlauben.
Heißt ‚übersetzt‘: Microsoft hätte das Nokia X gerne verhindert, konnte es aber nicht.

Es folgt der diplomatische Teil, in dem Shaw schreibt, wie erfreut man darüber sei, dass Dienste wie Skype, OneDrive, Outlook.com und natürlich Bing die primären Services auf diesen Geräten seien. Auf diesem Wege könne man viele Millionen Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern in die Microsoft Familie integrieren.

Schnell schwenkt er dann aber wieder um und erklärt, dass Windows Phone weiterhin die absolute Primärwaffe bleibt und Windows jetzt und in Zukunft die zentrale Entwicklungs-Plattform für Microsoft sei.
Nokia hat auf der Pressekonferenz heute morgen ziemlich offensiv die Android-Entwickler angeflirtet. Und Microsoft stellt im Gegenzug sofort klar: Wir wollen keine angepassten Android-Apps, wir wollen Windows-Entwickler. Punkt.

Und dann kommt der spannendste Teil, den ich deshalb zunächst im Original-Wortlaut zitiere:
It is a fascinating time in the industry today. The rate of improvements in devices, the breadth of services offered, the way consumers and businesses are using devices of all shapes and sizes to do more – it is a reminder to all of us that what is considered status quo in Barcelona this year has the potential to look very different in the rear view mirror a year from now.

Von ‚faszinierenden Zeiten‘ spricht Shaw, weil sich die Geräte und Dienste so rasant weiter entwickeln und weil Konsumenten und Business-Kunden gleichermaßen diese Geräte einsetzen würden, um damit ‚mehr zu erledigen‘.
Das oben fett markierte ‚do more‘ steht da nicht zufällig, mit diesem Slogan bewirbt Microsoft Windows 8 und Windows Phone immer wieder. Und weil sich Microsoft in dieser Entwicklung auf einem guten Weg sieht, schiebt Shaw nach: Was wir aktuell in Barcelona als Stand der Dinge sehen, hat das Potenzial, in einem Jahr ‚im Rückspiegel‘ ganz anders auszusehen.

Das ist eine wohl formulierte, perfekt verklausulierte und dennoch eindeutige Ansage: Microsoft geht selbstbewusst davon aus, dass nächstes Jahr nicht einmal mehr danach gefragt wird, was denn aus dem Nokia X geworden ist.
Dass Microsoft die X-Serie feierlich einstampft, sobald man die Hand am Hebel hat, sollte man nicht erwarten. Schließlich wechselt Stephen Elop zu Microsoft und dann müsste der selbe Mann das Ding für tot erklären, der es heute zum Leben erweckt hat. Dass er sich heute nicht sonderlich wohl in seiner Haut gefühlt hat, konnte man ihm deutlich ansehen.
Microsoft wird eher den Weg gehen, dass Nokia X heimlich, still und leise wieder verschwinden zu lassen.

Frank X Shaw ist Microsofts oberster Kommunikations-Profi. Mit diesem Statement hat er gezeigt, warum er das ist. Es ist einer der diplomatischsten Brandbriefe, die ich je gelesen habe.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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