Am Puls von Microsoft

Nach Nadellas "Drohung": Warum man sich um Windows Phone keine Sorgen machen muss

In einem Rundschreiben an die Belegschaft hat Microsoft CEO Satya Nadella von bevorstehenden harten Entscheidungen gesprochen, die man dort treffen müsse, wo die Dinge nicht funktionieren. Es gibt vermutlich kaum jemandem, dem beim Lesen dieser Zeilen nicht sofort das Stichwort „Windows Phone“ durch den Kopf schoss. Viele Mails von besorgten Windows Phone Nutzern haben mich dazu schon erreicht, und auch in unserer Meldung von gestern wird heftig spekuliert.

Der Gedanke ist ja auch mehr als naheliegend. Fast fünf Jahre nach seinem Start dümpelt Windows Phone immer noch vor sich hin und bei der Auslegung der Marktanteile hat man zwischen „Achtungserfolg“ und „Bedeutungslosigkeit“ die freie Auswahl.

Und trotzdem muss man sich keine Sorgen machen, davon bin ich fest überzeugt. Nadella wird einen Teufel tun und das mobile Windows beerdigen. Gleichwohl sehe ich aber durchaus die Möglichkeit, dass es in der Lumia-Sparte Veränderungen geben wird, die erneut einen umfangreichen Jobabbau zur Folge haben könnten. Gehen wir die Punkte der Reihe nach durch.

Windows 10
Windows 10 Mobile nähert sich der Fertigstellung. Außerdem wird Windows 10 von Microsoft als das eine System für alle Geräte propagiert. Wie dumm wäre es, ausgerechnet für den derzeit populärsten Formfaktor, nämlich das Smartphone, kein Windows mehr anzubieten? Das wäre das falscheste Signal, welches man überhaupt senden kann.

Die neuen Lumias sind schon fertig
Die neuen Lumia-Flaggschiffe mit den mutmaßlichen Namen Lumia 940 und Lumia 940 XL sind fertig. Sie sollten eigentlich im Sommer auf den Markt kommen, müssen jetzt aber auf die Fertigstellung von Windows 10 Mobile warten. Mit dem Surface Mini hat Microsoft zwar schon im letzten Jahr ein fertig entwickeltes Gerät eingestampft, bei den Lumias wird das aber nicht passieren.

Es gibt keine OEM-Story für Smartphones mit Windows
Es sind zwar schon eine ganze Menge Windows Phones auf den Markt gekommen, die nicht von Microsoft stammten, aber sie alle hatten etwas gemeinsam: Sie wurden vollständig ignoriert. Die paar Geräte, deren Namen man sich gemerkt hat, lassen wir als Ausnahmen stehen, die die Regel bestätigen. Fakt ist: Es gibt keine OEM Story. Windows Phone ist Lumia und sonst nichts. Wäre es anders, dann wäre der nachfolgende Punkt vielleicht eine Option.

Konzentration auf „Signature Devices“?
Mit dem Surface hat Microsoft es vorgemacht, wie man Hardware bauen kann, ohne mit den OEMs in direkte Konkurrenz zu treten. Mit den Lumias wäre Ähnliches denkbar, dazu müssten aber Partner da sein, die bereit wären, die Modellpalette aufzufüllen. Und schon sind wir wieder beim obigen Punkt. Wer sollte sich dieses, für den Anfang garantiert verlustbringende Geschäft antun wollen?

Trotzdem halte ich es für möglich, dass die Lumia-Auswahl deutlich eingedampft wird und man sich auf zwei bis drei Modelle beschränkt. Und das muss gar keine schlechte Idee sein, im Gegenteil.

Nadella achtet nicht auf Marktanteile, aber Windows Phone braucht sie
Satya Nadella hat mehrfach anklingen lassen, dass Marktanteile ihm nicht so wichtig seien. Das glaube ich ihm sogar, und das wäre ein weiterer Grund, die bezuschussten Billig-Lumias auslaufen zu lassen, die bestenfalls ein bisschen Marktanteil bringen, aber kein Geld.
Die Crux: Mit den derzeitigen Marktanteilen ist das mobile Windows nicht dauerhaft überlebensfähig. Wenn sich an der App-Front nicht bald ein entscheidender Fortschritt einstellt, wird die Plattform beginnen auszubluten. Und ohne Marktanteile werden auch Dinge wie die Portierung von Android-Apps auf Windows 10 nicht in Schwung kommen.

Windows 10 Mobile in der Nische?
Eine weitere Option wäre es, dass es sich Windows 10 Mobile in einer Nische bequem macht wie einst Blackberry. Nadellas Fokus liegt klar auf Produktivität und Business-Anwendungen. Ein im Business-Bereich starkes mobiles Windows, welches bei Consumern keine Rolle mehr spielt, halte ich für durchaus denkbar. Dann würde sich nicht nur namentlich der Kreis zum guten alten Windows Mobile schließen.

Prognose: Das Zubehör entfällt
Ein Bereich, von dem sich Microsoft relativ schmerzfrei verabschieden könnte, wäre das Zubehör wie Akkus, Lautsprecher und dergleichen für die Lumias. Es kostet Geld und Ressourcen, trägt aber praktisch nichts zum Geschäftserfolg bei. Und für die Zukunft der Lumias insgesamt ist verfügbares Zubehör irrelevant. Daher prognostiziere ich einfach mal, dass man sich aus diesem Markt verabschiedet.

Das Verschlanken der Lumia-Modellpalette und das Einstampfen des Zubehörs eröffnet die Möglichkeit, das Personal weiter zu reduzieren, und auch da bin ich mir relativ sicher, dass es so kommen wird.

Fazit:
Windows Phone bzw. Windows 10 Mobile wird weiter leben, daran gibt es für mich keinen Zweifel. Mit welchen Geräten und für welche Zielgruppe – das bleibt spannend.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige