Android Apps unter Windows 10 – die andere Sichtweise

Android Apps unter Windows 10 - die andere Sichtweise

Vergangene Woche kam die Meldung auf, dass Microsoft unter dem Codenamen „Project Latte“ daran arbeitet, Android-Apps auf Windows 10 zu bringen. Technisch soll das auf dem Windows Subsystem for Linux basieren, welches seinerzeit aus dem „Project Astoria“ hervor ging, mit dem Microsoft damals Android-Apps auf Windows 10 Mobile bringen wollte.

Als ich die Nachricht vernahm, stellte ich mir die gleiche Frage wie vermutlich viele andere Leser auch: „Warum?“ Wozu soll das gut sein, wozu braucht Windows 10 Android-Apps? Ich konnte keine Antwort auf diese Frage finden.

Mit ein paar Tagen Abstand bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich historisch vorbelastet bin. Ich war dabei, als Microsoft die Android-Bridge unter dem Namen „Project Astoria“ angekündigt hat, ich saß sogar live in der Keynote der BUILD-Konferenz in San Francisco und war als damaliger großer Fan von Windows 10 Mobile vermutlich noch ein bisschen mehr geflasht als viele andere Nutzer. Auch wenn Microsoft damals von „Brücken“ sprach, so waren es doch viel mehr Stützpfeiler, die man einzurammen versuchte, um das Gebäude vor dem Einsturz zu retten. Project Astoria hätte zu einer Existenzgrundlage von Windows 10 Mobile werden können.

Dazu kam es bekanntermaßen nicht, aber die Eindrücke von damals verleiteten mich dazu, die Berichte um das „Project Latte“ gedanklich höher aufzuhängen, als Microsoft es vermutlich selbst tut. Ich habe die Fragestellung „Warum?“ nun ganz einfach durch ein „Warum nicht?“ ersetzt. Kevin hat in seinem Artikel zwar sauber herausgearbeitet, warum es für Windows wesentlich bessere Technologien gibt, auf die es sich zu setzen lohnt. Aber man kann ja das Eine tun, ohne das Andere zu lassen.

Ich gehe nicht davon aus, dass Microsoft jenes „Projekt Latte“ allzu groß ankündigen wird, sondern es als das verkauft, was es dann auch tatsächlich ist: Eine zusätzliche Option. Wer möchte, kann seine Android-App mit dem Paketformat msix auch auf Windows zur Verfügung stellen.

Vor einigen Tagen habe ich die aktuellen Statistiken zur Verbreitung von Betriebssystemen ausgewertet. Plattformübergreifend ist Android das populärste Betriebssystem der Welt mit einem Anteil von fast 39 Prozent, Windows liegt mit 32 Prozent dahinter.

Verteilung der Betriebssysteme im November 2020

Wenn das zweitpopulärste Betriebssystem mit den Programmen für das populärste Betriebssystem kompatibel ist, dann ist das doch zumindest kein Schaden. Man muss ja nicht gleich so tun, als würden die Karten deshalb neu gemischt, zumal wir auch von völlig unterschiedlichen Formfaktoren sprechen.

Was grundsätzlich gegen Android Apps unter Windows spricht ist der Umstand, dass die allerwenigsten Android Apps für größere Bildschirme geeignet sind. Sie dort zu benutzen, macht wenig bis keinen Spaß. Seit Jahren versucht Google, die Entwickler dazu zu bringen, ihre Android Apps dahingehend zu optimieren, bislang in den meisten Fällen ohne Erfolg – weil es sich nicht lohnt. Android-Tablets haben eine zu geringe Verbreitung, als dass dieser Aufwand gerechtfertigt wäre. Eine eventuelle Android-Kompatibilität von Windows würde daran zwar grundsätzlich nichts ändern, aber sie könnte in einigen Fällen zu einer grundsätzlichen Veränderung führen.

Nehmen wir als ganz einfaches Beispiel die To Do App von Microsoft. Die gibt es für iOS, Android und Windows. Drei Plattformen, drei Mal Entwicklungsaufwand. Wenn Windows mit Android-Apps kompatibel ist, dann kann die native Windows-Version weg. In diesem konkreten Beispiel müsste in die Android-Version nicht mal mehr zusätzlicher Aufwand gesteckt werden, die meisten Microsoft Apps für Android sind nämlich bereits für die Verwendung auf größeren Bildschirmen angepasst.

Es gibt eine Menge Apps, auf die das obige Beispiel passt. Unter dem Strich könnte eine Android-Kompatibilität von Windows die Entwickler entlasten. Sie müssten zwar in die eine Plattform ein bisschen mehr investieren, würden auf der anderen Seite den Aufwand für eine komplette Plattform einsparen.

Man könnte ideologisch argumentieren, dass Microsoft damit die Bedeutung von Windows schwächt, aber dieses Argument verpufft – die Entwickler tun doch heute schon nur das Allernötigste, um Windows zu unterstützen, und hören wir bitte auf, davon zu träumen, dass sich dieser Trend noch einmal umkehren lässt.

Das war aber jetzt auch nur ein Gedankenspiel. Bis wir Handfestes zu dem Thema hören, bleibe ich dabei, mich nicht „Warum?“ zu fragen, sondern eben „Warum nicht?“ Auf diese Frage gibt es nämlich ebenfalls keine Antwort.

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Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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