Aus dem Nähkästchen: Die Suche nach einer besseren Pipeline
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird im Journalismus zu einem zunehmend heißen Thema und einzelne Medienhäuser wie Axel Springer setzen teilweise ihre ganze Hoffnung in den aktuellen Trend, um ihre Profitabilität zu steigern und ggf. auch Negativentwicklungen wie sinkende Printauflagen auszugleichen. Aber auch bei kleineren Projekten wie uns kam schon die Frage auf, ob wir KI im Alltag einsetzen. Ein gutes Momentum, um das einfach mal an einem konkreten Beispiel zu zeigen.
Momentan unterziehe ich die Pipeline, die meiner Berichterstattung hinter den Kulissen zuarbeitet, einer Generalüberholung, um sie effizienter zu machen und letztlich die gleiche Qualität bei geringerem Aufwand beibehalten zu können. Dass sich in den letzten Monaten bei mir was tut, habt ihr inhaltlich ja schon daran gesehen, dass u.a. die Entwickler Rundschau im August 2025 zurückgekehrt ist. Aber der Grund für die Änderungen liegt tiefer.
Hintergründe
Dass ich hier überhaupt Hand anlege, hat gesundheitliche Gründe. Normalerweise sind für die Mitarbeit bei Dr. Windows maximal 15 Wochenstunden veranschlagt, wobei sich das bei größeren Events wie der Ignite oder BUILD auch mal ausdehnen kann. Während der Corona-Zeit wurde ich dann pflegender Angehöriger und neben der Dauerbeschallung in den Medien über die aktuellen Inzidenzen haben mich Sachen rund um die Pflege öfter nah an meine Grenzen gebracht. In der Zeit war Dr. Windows oft die einzige wirkliche Ablenkung, wobei die Arbeitszeit auch mal wochenlang weit jenseits der 35 Wochenstunden lag und ich mich damit quasi betäubt hatte.
Dass sowas nicht gesund ist, wenn man parallel auch nicht genug Schlaf bekommt und sich sonst kaum erholen kann, muss ich niemandem sagen. Jedenfalls hat mir mein Körper im letzten Jahr die dunkelorangene Karte gezeigt und es gibt sowohl mit meiner sozialpsychiatrischen Assistenz als auch mit dem Team hier die klare Kommunikation, dass ich was verändern muss. 2024 war noch ein Übergangsjahr, wo ich überhaupt erstmal trauern und mich wieder spüren lernen musste, und 2025 ging es um sehr konkrete Schritte, weil ich mir einerseits Dr. Windows erhalten (mir ist das Projekt zu wichtig und es gibt mir auch Stabilität) und zum anderen wieder an meinen eigenen Zielen arbeiten wollte.
Wichtig ist in dem Kontext, dass KI durchaus ein Teil des Gesamtproblems war. Ich unterscheide ja gerne zwischen der technischen und der algorithmischen Ebene. Letztere hat noch zusätzliches Öl ins Feuer gegossen und letztlich dazu geführt, dass ich mich von Netzwerken wie X und Bluesky vollständig zurückgezogen und hier nur noch Mastodon behalten habe. Wenn Künstliche Intelligenz auf der technischen Ebene bei mir integriert werden sollte, hätte immer eine Implementierung vorrang, die meine mentale Gesundheit berücksichtigt. Näheres dazu weiter unten.
Künstliche Intelligenz
Grundsätzlich gibt es verschiedene Szenarien, wo der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ohnehin ausgeschlossen wäre. Wenn wir zum Beispiel Vorabmaterial bekommen, welches unter NDA (Non Disclosure Agreement) behandelt wird und erst zu einem festgelegten Zeitpunkt veröffentlicht werden darf, wäre das Risiko, dass durch eine fehlgeleitete KI versehentlich Informationen abfließen, für mich viel zu groß. Das kann uns als Projekt ziemlich auf die Füße fallen und entsprechend werden hier weiterhin grundsätzlich nur traditionelle Methoden zum Einsatz kommen.
Gleichzeitig hätte eine Künstliche Intelligenz in meinem Schreib- und Rechercheprozess nichts verloren. In beiden Bereichen ist es alleine schon so, dass ich da für mich etablierte Verfahren und Methoden habe, die für mich bis heute sehr gut funktionieren und wo KI ein Problem lösen müsste, was überhaupt nicht vorhanden ist. Speziell beim Schreiben würde ich es aber ohnehin grundsätzlich ablehnen. Was ich heute rhetorisch kann, habe ich in den über 30 Jahren, die ich auch gerne kreativ schreibe, verinnerlicht und dieser Stil zeichnet mich als Menschen eben aus.
Mit der KI wäre es da wie bei der Urkundenfälschung: Man kann einen Betroffenen und einen Betrüger in einen Raum setzen und die gleiche Unterschrift leisten lassen, trotzdem würde der Graphologe beim Betrüger die feinen Unterschiede finden, weil beide Gehirne einfach unterschiedlich verdrahtet sind und der Betrüger den Betroffenen nur bis zu einem gewissen Punkt imitieren kann.
Gleichwohl ist es so, dass ich ab dem kommenden Jahr weniger Ressourcen in dieses Projekt stecken kann und werde, weil sich die größeren Prioritäten in meinem Leben zunehmend auf andere Bereiche verschoben haben und es weiterhin tun. Deswegen habe ich mir auf der technischen Ebene keine Denkverbote auferlegt, um die Pipeline an sich effizienter zu machen.
Traditionelle Methoden
Bevor ich mich aber überhaupt mit KI beschäftigt habe, lag die oberste Priorität und naheliegenste Maßnahme darin, auf traditionellem Wege Sachen zu verbessern und hier vor allem auf Vereinfachung und Bündelung zu setzen. Nachfolgend gebe ich euch mal einige Beispiele, was ich hier gemacht habe.
- Der VLC media player wurde aussortiert, zumal er ohnehin nur für eine Funktion tatsächlich vorgehalten worden ist: Wenn ich ein Video oder Netzwerkstream öffne, kann ich das Ganze anhalten und von dem Standbild dann aus dem Programm heraus einen Screenshot machen. Das wurde von mir aber ohnehin fast nie verwendet und mit den zunehmenden Restriktionen von YouTube hinter den Kulissen rentiert sich das auch nicht mehr. Da reicht eine Playlist und die Einbindung des Videos an sich.
- Die Werkzeuge zur Bildbearbeitung wurden vereinfacht. Mittlerweile konzentriert sich das eigentlich komplett auf das Snipping Tool und Krita, wobei vereinzelt auch Paint zum Einsatz kommt, wenn ich nur die Bildgröße anpassen muss. Womit ich noch kämpfe, ist die Frage, wie ich die Vorschau gestalte. Voraussichtlich wird mit ImageGlass hier wieder ein minimaler Bildbetrachter zurückkehren, weil mir diese Option gegenüber QuickLook oder Peek aus den PowerToys mehr zusagt.
- Für schnelle Übersetzungen verwende ich mittlerweile weitgehend Firefox Translations in der lokalen Maske, die über „about:translations“ aufgerufen werden kann. Firefox ist wegen der Keywordsuche eh schon im Einsatz, da macht eine Bündelung Sinn.
- Mit die wichtigste Maßnahme war die Integration von Vivaldi, der mittlerweile als redaktionelles Recherchezentrum fungiert. Neben vielen Funktionen für die Organisation hat er auch noch anderes wie Notizen, RSS-Feeds und mehr integriert, was ihn für diese Aufgabe wirklich ideal macht.
Ich möchte hier nicht zu viel nennen, weil in den nächsten Tagen noch ein zweiter Beitrag in einem etwas anderen Kontext kommt, der aber auch hierauf einzahlt. Erwähnt sei aber noch, dass Dr. Windows an sich sowieso in meine reguläre Organisationsstruktur vollständig integriert ist und nur wenige unabhängige Änderungen durchschlagen. Wenn ich also etwas an meiner digitalen Skillsbox verbessere, zahlt das meistens indirekt auch schon hier ein.
Wie könnte KI zum Einsatz kommen?
Allgemein strebe ich bei Künstlicher Intelligenz eine Integration an, wie ich sie auch bei den Clouddiensten seinerzeit vorgenommen habe. Mit OneDrive verwende ich im Einzelfall zwar eine klassische Cloud, aber die Datenmigration an sich ist auf eine lokalere Umsetzung unter meiner Kontrolle ausgelegt. Ähnlich wird das auch bei KI der Fall sein, wo ich mich aktuell mit GPT4all und Ollama beschäftige und mir auch Mozilla Lumigator anschaue, mit dem man KI-Modelle für lokale Projekte validieren kann. Eine lokale Integration ist für mich auch bezogen auf meine mentale Gesundheit der bessere Weg, ohne auf die neuen Möglichkeiten verzichten zu müssen.
Wenn ich auf meine Pipeline blicke, könnte damit vor allem eine Problemstellung besser gelöst werden. Mein Themenzuschnitt sorgt leider dafür, dass ich eine Summe von unterschiedlichsten Quellentypen gleichzeitig überwachen muss. Neben Berichten in anderen Medien und offiziellen Blogposts umfasst das auch noch Podcasts, YouTube-Videos, offizielle Streams, Bugtracker wie Bugzilla, offizielle Diskussionsforen und Repositories von einzelnen Projekten. Hier stößt selbst Vivaldi mit seinen Möglichkeiten an Grenzen und eine Künstliche Intelligenz, die in einer isolierten Umgebung unter meiner Kontrolle läuft, könnte das Monitoring unter Umständen deutlich erleichtern. Eine solche Implementierung würde auch etwaige Algorithmen außenvor halten.
Generell gibt es ähnlich wie bei OneDrive auch bei der KI reguläre KI-Assistenten, die ich in meinem Arsenal habe. Für deren Einsatz habe ich mir aber klare und strenge Leitlinien auferlegt. Die Wichtigste davon ist für mich die doppelte Quellenprüfung. Einerseits wird Copilot noch von mindestens einer weiteren KI – aktuell Le Chat von Mistral AI aus Frankreich – flankiert und diese Gegenproben werde ich vielleicht noch ausbauen. Zum anderen muss das, was die KI ausgibt, noch einer händischen Prüfung standhalten. Das ist quasi mein Vier-Augen-Prinzip und sorgt dafür, dass mögliche Fehler möglichst abgefangen werden.
Aber ähnlich wie OneDrive bei der Cloud nur in Einzelfällen von mir verwendet wird, bleibt auch der Einsatz von regulären KI-Assistenten bei mir dem Einzelfall und in streng begrenzten Bereichen vorbehalten. Die Ähnlichkeit geht soweit, dass wie bei der Cloud auch hier das Thema Sicherheit den Hauptgrund bildet, weil ich Problemen wie Prompt Injections von Beginn an vorbeugen möchte.
Schlusswort
Für mich ist bei einer neuen Technologie immer die Differenzierung zwischen einem konkreten Produkt und einem zugrunde liegenden Konzept dahinter extrem wichtig. Einerseits bin ich niemand, der über jedes Stöckchen springt, das mir ein Entwickler vor die Füße hält, aber eine angemessene Implementierung – z.B. die lokale Nextcloud statt OneDrive – des Konzepts kann trotzdem sinnvoll sein. Darum geht es auch hier wieder.
Künstliche Intelligenz kann und wird bei mir persönlich allgemein nur dann funktionieren, wenn eine sichere Implementierung gefunden wird, mit der ich auch meiner mentalen Gesundheit Rechnung trage, und wenn sich KI und traditionelle Methoden in einer gegenseitigen Koexistenz sinnvoll ergänzen. Funktioniert letzteres nicht, verpasst man auf der einen Seite eine Möglichkeit, wo traditionelle Maßnahmen an ihre Grenzen stoßen, und auf der anderen Seite würde KI dann in Bereiche eingreifen, wo bereits ein funktionierendes System vorhanden ist, was keine Änderung verlangt oder braucht. Das ist insgesamt der Punkt, den ich sowohl bei der Pipeline für Dr. Windows als auch in meiner allgemeinen Organisation erreichen möchte.
Vielleicht konnte ich euch mit diesem Beitrag mal einen guten Eindruck davon verschaffen, wie ich mit diesem polarisierenden Thema umgehe und wie ich das bei Dr. Windows als konkretem Beispiel handhaben möchte. Schreibt gerne mal eure Meinung in die Kommentare und lasst uns auch gerne diskutieren. Ich bin gespannt.
Themen:
- Editorial
- Künstliche Intelligenz
Über den Autor

Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und den Entwicklerthemen zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.


