Bericht: Microsoft arbeitet mit Project Latte an neuer Android Runtime für Windows 10

Bericht: Microsoft arbeitet mit Project Latte an neuer Android Runtime für Windows 10

Erinnert ihr euch noch dunkel an Project Astoria? Diese Technologie gehörte neben Project Westminster (Webanwendungen), Project Islandwood (iOS) und dem immer noch relevanten Project Centennial (Win32-Apps) zu den vier Desktop-Bridges und sollte die einfache Portierung von Android-Apps zu Windows ermöglichen, um so den Windows Store und Windows 10 Mobile zu stärken. Was daraus wurde, ist bekannt, aber nun scheint Microsoft mit Project Latte an einem geistigen Nachfolger zu arbeiten, der mit der Version 21H2 im Herbst 2021 zu den Nutzern kommen soll, wenn man dem Bericht von Windows Central glauben möchte.

Glaubt man den diversen Berichten, die auch ansonsten schon zu dieser Technologie in den Medien rumgeistern, wird sich Project Latte die Möglichkeiten von WSL 2 zunutze machen und eine ähnlich gelagerte Android Runtime in Windows 10 integrieren. Entwickler sollen ihre Apps dann nahezu ohne weitere Anpassungen als MSIX-Paket in den Microsoft Store bringen können, allerdings wird die Unterstützung für die Google Play Services nicht dabei sein. Genau hier würde sich die Katze bereits in den Schwanz beißen. Schon Huawei und Amazon haben ihre Probleme, die Entwickler von ihren eigenen Appstores im großen Stil zu überzeugen, und selbst Google ist mit Android-Apps auf dem Desktop weitgehend gescheitert. Unter Chrome OS sollen diese nach und nach durch Progressive Web Apps ersetzt werden, wo das bereits möglich ist.

Grundsätzlich wäre eine Android Runtime unter Linux keine Neuigkeit mehr. Unter Linux gibt es mit Anbox bereits ein entsprechendes Projekt, welches auch von Projekten wie UBports genutzt wird. Die Installation der Google Play Services ist hier zwar auch möglich, allerdings befindet man sich ähnlich wie mit dem Aurora Store oder MicroG, was von einigen Android-Distributionen wie /e/ verwendet wird, in einer rechtlichen Grauzone. Die sicherste Möglichkeit wäre auch für Project Latte die Installation von Apps aus F-Droid. Dass aber gerade die Entwickler von Apps, die in der Regel auch als freie Software zur Verfügung stehen, die große Lust haben, Microsoft zu unterstützen, darf durchaus angezweifelt werden.

Es reicht aber eigentlich schon der Hinweis, dass es allgemein bereits wesentlich bessere Technologien gibt, um mehr Apps zu Windows 10 zu bringen. Microsoft investiert seit gut zwei Jahren sehr viel in Microsoft Edge Chromium und die Progressive Web Apps und hat auch ansonsten neue Möglichkeiten mit React Native UWP und Neuerungen in .NET geschaffen. Daneben gibt es aber auch Technologien, die unabhängig vom jeweiligen Betriebssystem eine konvergente Entwicklung erlauben und trotzdem native Apps für jede Plattform hervorbringen. Unter Qt ist das von KDE entwickelte Kirigami-Framework ein gutes Beispiel, aber Microsoft selbst hat von Google auch entsprechende Avancen bekommen und treibt jetzt gemeinsam mit ihnen das Flutter-Toolkit weiter voran. Damit wäre auch eine Alternative für das von vielen ungeliebte Electron-Framework gegeben.

Vergleicht man Project Latte mit anderen Möglichkeiten wie Blazor, Flutter oder React Native UWP, mutet dieser Ansatz immer mehr als Flickwerk an und dürfte von den meisten Entwicklern wie sein Vorgänger Project Astoria schlichtweg ignoriert werden. Interessant wird außerdem die Frage, welche Rolle Your Phone spielen wird, wenn Project Latte es tatsächlich zu Windows 10 schaffen sollte. Klar ist, dass die Möglichkeiten der App auch aufgrund der Teil-Exklusivität bei Samsung für die Allgemeinheit begrenzt sind und die Spiegelung der Android-Apps auch mehr wie ein Taschenspieler-Trick anmutet. Gleichzeitig dürfte eine große Erweiterung auf andere Android-OEMs auf absehbare Zeit ausgeschlossen sein, denn auch Joe Biden gilt nicht unbedingt als China-freundlich und von anderen OEMs wie Sony, Nokia oder LG wurde bisher kein wirkliches Interesse vermeldet.

Wir dürfen außerdem nicht vergessen, dass auch der Rechtsstreit zwischen Google und Oracle noch nicht ausgestanden ist. Wie weit Microsoft mit Project Latte also rechtssicher gehen könnte, ist aktuell sowieso offen. Selbst wenn die Redmonder den Ansatz also wirklich realisieren sollten, wäre meine persönliche Meinung, dass sie lieber weiter an den Möglichkeiten der PWAs und Microsoft Edge arbeiten und gleichzeitig andere Frameworks neben .NET wie Flutter zu erstklassigen Optionen im Microsoft-Ökosystem machen sollten, wo am Ende auch wirklich native Apps bei rauskommen. Was das am Ende für Your Phone bedeuten würde, steht auf einem anderen Blatt.

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Quelle: Windows Central

Über den Autor
Kevin Kozuszek
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Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden, daneben schlägt mein Herz aber auch für die OpenSource-Welt, wo mein besonderes Interesse der Mozilla Foundation gilt. Wenn ich mich mal nicht mit Technik beschäftige, tauche ich gerne in die japanische Kultur mit all ihren Facetten ab oder widme mich einem meiner zahlreichen anderen Hobbies.

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