Connected Roadtrip: MINI “always connected” im Test – Teil 1

Connected Roadtrip: MINI “always connected” im Test – Teil 1

Ein Premium-Auto in der Polo-Klasse, wie soll das denn funktionieren? So war wohl die Reaktion, nicht nur der Fachpresse, sondern auch von so manchem Manager in der Auto-Industrie, als BMW im Jahr 2001 den ersten New MINI auf den Markt brachte.

Bis dahin war das Fahrzeugsegment unterhalb des beliebten Golf eine reine Veranstaltung relativ kostengünstiger, unspektakulärer Wagen. Doch BMW wollte das ändern. Anfang der 1990er Jahre hatte man die Rover-Group aufgekauft und war im Besitz der britischen Marken Rover, Land Rover, Triumph und MINI. Nach einigen Jahren zog BMW allerdings einen Schlussstrich. Man war unzufrieden mit den Produkten und Verkaufszahlen und stieß fast alle aufgekauften Marken ab – bis auf den Kleinwagen-Hersteller MINI (und die Markenrechte an Triumph).

Unter anderem durch den Auftritt in der TV-Serie „Mr. Bean“ ist der Kleinwagen Kult und der Münchner Autokonzern wollte den Geist des von Sir Alec Issigonis 1959 erfundenen Fahrzeugs wiederbeleben. Dazu fußt die BMW-Idee vor allem auf folgenden Standbeinen: Design inklusive Individualisierung und Fahrfreude dank eigens entwickelter direkter Lenkung und aufwendiger Fahrwerkssysteme. Im ersten New MINI steckte – wegen einer engen Zeitplanung, und weil BMW bis dato keinerlei Fahrzeuge mit Frontantrieb und quer eingebautem Motor hatte – ein wildes Sammelsurium an Teilen. Bei der zweiten Generation, die zwischen 2006 und 2014 verkaufte wurde, war bereits erheblich mehr Technik aus München im Fahrzeug, beispielsweise eine neu entwickelte Lenkung, Fahrwerk und Infotainmentsysteme von BMW.

Die seit 2014 erhältliche dritte Generation MINI basiert komplett auf Technologien der Bayerischen Motorenwerke. Im März dieses Jahres gab es ein Update mit einigen neuen Features, technisch wie optisch. Unter Anderem werden nun eine neue Generation Infotainmentsysteme, neue Scheinwerfer-Technologie und intelligentere Getriebe verbaut. Ich hatte die Gelegenheit, die zweite Generation (intern R56 genannt) mit der aktuellen dritten Generation (intern F56 genannt) zu vergleichen. Was hat sich in den Jahren von 2006 bis 2018 in Sachen Assistenzsysteme getan?

Im R56 waren vier Assistenzsysteme optional erhältlich. Es gab für einen Aufpreis in Höhe von 120 Euro einen automatischen Licht- und Regensensor. Zudem konnten für 1.320 Euro Bi-Xenon-Scheinwerfer mit adaptiven Kurvenlicht bestellt werden. Zur Unterstützung beim Parken gab es Parkpiepser für hinten (350 Euro extra). Wer ein Sport-Lederlenkrad mit Multifunktionstasten für 510 Euro erwarb, bekam außerdem noch einen Tempomat dazu. Mehr war nicht verfügbar.

Zwölf Jahre später hingegen ist ein Tempomat samt Sport-Lederlenkrad serienmäßig in jedem MINI verbaut. Der Regensensor samt Fahrtlichtsteuerung kostet immer noch 120 Euro extra. Nun gibt es Parkpiepser, die sowohl vorne als auch hinten den verfügbaren Raum vermessen (inklusive Park-Assistent für 790 Euro), auf Knopfdruck kann der MINI selbständig in Parklücken rückwärts einparken.

Das funktioniert im Test gut. Als Fahrer hat man dann die Aufgabe, Gas zu geben bzw. zu bremsen sowie nach Aufforderung auf dem Control Display den Vorwärts- oder Rückwärtsgang einzulegen. Voraussetzung ist, dass der Parkplatz mindestens einen Meter länger ist als der MINI. Auch wenn man selbst in kleinere Parklücken manövrieren kann, so ist der Park Assistant nützlich, denn dank ihm werden unterhalb von 35 km/h die Parksensoren aktiviert und vermessen während der Fahrt, ob die Parklücke parallel zur Fahrbahn passend ist – einfach eine zusätzliche Sicherheit. Zukünftig könnten diese ermittelten Infos auch – anonymisiert – anderen Fahrern mit BMW- oder MINI Connected Navigationssystem zu Gute kommen. Diese Online-Parkinfos gibt es derzeit aber nur für BMW-Fahrer.

Statt Bi-Xenon-Scheinwerfer sind bei der seit März erhältlichen Ausführung der dritten Generation MINI adaptive LED-Scheinwerfer für 1.520 Euro erhältlich. Diese verfügen einerseits über ein Kurven- und Abbiegelicht, andererseits wird das Fernlicht automatisch gesteuert. Dabei macht man sich die verbaute Kamera hinter dem Innenspiegel zunutze, mittels Mustererkennung werden andere Verkehrsteilnehmer erkannt. Um diese nicht zu blenden, wird bei einem Scheinwerfer das Fernlicht abgeschaltet, während der andere es weiterhin aktiv lässt. Ich muss gestehen, dass mich die verfügbare Sichtweise nachhaltig beeindruckt hat, mehrere hundert Meter kann man so auch nachts gut sehen. Die automatische Abblendfunktion arbeitet zuverlässig gut, allerdings dauert es immer ein paar Sekundenbruchteile, ehe abgeblendet wird. Zusätzlich zur Kamera wird auch noch die aktuell gefahrene Geschwindigkeit berücksichtigt, um sicherzustellen nicht innerorts mit aktiviertem Fernlicht zu fahren.

Der Testwagen hatte auch noch das mit 1.330 Euro zusätzlich vergütete Driving Assistant-Paket an Bord. Hierbei wird neben dem Regensensor und der automatischen Fahrtlichtregulierung auch eine Kamera samt Software verbaut.

Die Kamera wird für verschiedene Assistenten genutzt. Zunächst werden damit Verkehrszeichen erkannt und auf das kleine Display unterhalb des analogen Tachometers bzw. ins Head-Up-Display eingespielt. Neben Tempobeschränkungen werden auch Überholverbotsschilder erkannt. Allerdings kann die Software leider nicht unterscheiden, ob es ein Tempobegrenzungsschild ist, das z.B. an eine bestimmte Uhrzeit gekoppelt ist. Wenn es erkannt wird, wird es einfach dargestellt. Hier wäre eine Erkennung der Zusatzbeschränkungen wünschenswert, was allerdings sehr aufwendig ist, da es ja in jedem Land der Welt anders aussieht und gehandhabt wird.

Außerdem wird die Kamera genutzt, um andere Verkehrsteilnehmer zu erkennen und notfalls eine Bremsung einzuleiten, falls der Abstand nicht passt und ein Auffahrunfall droht. Dies geschieht in mehreren Stufen. Zunächst wird ein rotes Autosymbol im Head-Up-Display eingeblendet sowie zeitgleich ein Warnton über die Lautsprecher ausgegeben. Reagiert der Fahrer immer noch nicht, indem er ausweicht oder verzögert, so bremst der MINI selbständig leicht ab. Das funktioniert allerdings nur im Stadtverkehr, leider kann das System keine Vollbremsung ausführen. Die Erkennungsrate ist indes gut. Der Notbrems-Assistent ist – so er im Auto verbaut wurde – standardmäßig immer aktiv. Via Schalter über dem MINI Centre Instrument kann man die Warnstufe einstellen, damit er sich auch wirklich nur im Notfall meldet und dem Fahrer nicht auf die Nerven geht. Dies ist ein nützliches Helferlein, doch noch mehr beeindruckt hat mich die aktive Geschwindigkeitsregelung.

Dabei erkennt die Kamera ein vorausfahrendes Auto und hält den vorab eingestellten Abstand zu diesem Vehikel ein. In der Standardeinstellung wird automatisch der empfohlene Sicherheitsabstand – die „halber Tacho-Regel“ – eingehalten. Auf Knopfdruck am Volant kann aber auch ein anderer Abstand definiert werden. Neben dem Abstand wird dabei auch die vom Fahrer vorgegebene Geschwindigkeit eingehalten – insofern es die Distanz nach vorne zulässt. Ist ein motorisierter Verkehrsteilnehmer erkannt, wird im Bordcomputer ein Symbol abgebildet – ein orangenes Auto innerhalb von zwei Fahrspuren.

Ich habe besonders auf der Autobahn in Baustellen den adaptiven Abstandstempomaten schätzen gelernt. Denn einmal am Lenkrad mit zwei Knopfdrücken aktiviert, kann man sich als Fahrer darauf konzentrieren, die Fahrspur zu halten. Ist die Engstelle dann vorüber, genügt ein Tipp am Lenkrad und man kann wieder vollkommen selbständig fahren – ohne Geschwindigkeitsregelung. So hat die Person links vorne alles unter Kontrolle und wird trotzdem assistiert: Ein angenehmes System, das übrigens auch bei Regen funktioniert.

Im Nebel allerdings hat die Kamera so Ihre Probleme. Ebenfalls Vorsicht geboten ist beim Einfädeln anderer Verkehrsteilnehmer, denn es kann sein, dass es einen kurzen Moment dauert, ehe die Kameralinse das gerade einscherende Vehikel erkennt. Erst wenn die Verifizierung geklappt hat, kann der definierte Abstand wieder eingehalten werden. Sollte die Erkennung nicht funktioniert haben, informiert der Bordcomputer jedoch den Fahrer darüber. Es erscheint kein oranges Auto-Symbol zwischen zwei Fahrspuren mehr im Bordcomputer, sondern nur noch zwei „leere“ Fahrspuren. Der Fahrer sollte deshalb also immer auch nach wie vor selbst das Verkehrsgeschehen beobachten. Die aktive Geschwindigkeitsregelung funktioniert bei Geschwindigkeiten bis maximal 140 km/h.

Bei MINI aktuell nicht erhältlich sind ein kamerabasierter Fahrspur-Assistent, der auch korrigierende Lenkbewegungen tätigt, und ebenso wenig ein Toter-Winkel-Warner. Beide Assistenten bleiben derzeit den größeren BMW-Modellen vorbehalten. (Teil-)Autonome Fahrassistenten gibt es bei MINI auch noch nicht käuflich zu erwerben.

Fazit

In zwölf Jahren hat sich eine Menge Positives getan! Die LED-Scheinwerfer und auch das Driving Assistant-Paket (samt kamerabasierter Verkehrszeichenerkennung und Abstands- und Geschwindigkeitsregelung) erweisen sich als absolut empfehlenswerte Unterstützung. Wer ab und zu längere Autobahn-Etappen fährt, sollte sich definitiv Beides bestellen. Es kommt aus dem BMW-Technikregal und bringt definitiv einen Sicherheitsgewinn.

Ich bin gespannt, was da so in den nächsten Jahren noch alles passiert. Wünschenswert wäre auf jeden Fall ein Toter-Winkel-Assistent. Bis es (teil-) autonome Fahrfunktionen bei MINI gibt, werden wahrscheinlich auch noch ein paar Jahre Entwicklungsarbeit vonnöten sein, zumal immer zu bedenken ist, dass für (teil-) autonome Fahrsysteme ab Level 3 (die verschiedenen Stufen des autonomen Fahrens siehe hier) auch deutlich höhere Aufpreise aufgrund der komplexeren Technik (höherer Rechenaufwand, mehr Kameras und Sensoren sind zwingend notwendig) zu entrichten sein werden. Ehe das dann auch einigermaßen kosteneffizient bei Fahrzeugen der Klein- und Kompaktklasse verfügbar gemacht werden kann, wird es dauern. Zunächst werden die größeren Fahrzeuge von BMW (teil-)autonom fahren können. Dennoch zeigt sich schon jetzt, was alles mit einer Kamera und Software möglich ist.

Gute Assistenzsysteme sind ein echter Gewinn für die Sicherheit, selbst wenn diese keine (teil-) autonomen Fahrfunktionen übernehmen können. Das hat auch die europäische Organisation EuroNCAP erkannt. Um die vollen fünf Sterne im EuroNCAP-Crash-Test zu bekommen, müssen seit 2009 auch diverse Kamera (und/oder Radar)-basierte Assistenzsysteme für die jeweilige Modellreihe erhältlich sein. Der Notbrems-Assistent muss sogar serienmäßig ohne Extrakosten verbaut werden, um auch eine hohe Wertung im Punkt „Sicherheitssysteme“ und somit volle Sternenanzahl zu bekommen (siehe hier und hier). Daher hat der MINI (F56) auch „nur“ vier Sterne bekommen (siehe hier). Meiner Meinung nach, sollte diese Bestimmung auch für die kamerabasierte adaptive Abstands- und Geschwindigkeitsregelung gelten, denn es gibt viel zu häufig Unfälle auf Autobahnen aufgrund von zu geringem Sicherheitsabstand.

In Teil zwei erfahrt Ihr, was es mit der Festeinbau-LTE-SIM-Karte auf sich hat. Dazu gebe ich mein Fazit zur MINI Connected Navigation.

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Über den Autor
Claus Ludewig
Ich bin mit Windows 98 aufgewachsen und habe seitdem jede Windows- und Office-Version genutzt. Zum Entspannen dient die Xbox. Neben der engen Verbundenheit zu Microsoft-Produkten, schaue ich auch gerne mal über den Tellerrand hinaus in die weite Welt. Ich interessiere mich für alles, was vier Räder hat. In diesem Sinne nehme ich Euch gerne zu einer Spritztour mit.
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