Cortanas langes Leiden: Warum fällt Microsoft das Aufgeben so schwer?

Cortanas langes Leiden: Warum fällt Microsoft das Aufgeben so schwer?

Zum Start dieses Beitrags drehen wir die Uhr ein wenig zurück, und zwar um fast fünf Jahre: Satya Nadella schreibt im Frühsommer 2015 an seine Mitarbeiter und kündigt an, dass man „überall dort harte Entscheidungen treffen müsse, wo Dinge nicht funktionieren“. Jeder denkt sofort an Windows Phone, trotz der Erfolglosigkeit der mobilen Plattform scheint es aber unvorstellbar, dass sich Microsoft aus diesem strategisch so wichtigen Bereich verabschieden könnte. Darum schreibe ich in dieser Zeit einen Artikel, der zweifellos zu den Top 5 meiner eklatantesten Fehleinschätzungen zählt: Nach Nadellas Drohung: Warum man sich um Windows Phone keine Sorgen machen muss.

Wir wissen, wie die Sache ausging, und seither zeigte sich Microsoft in der Tat ein ums andere Mal konsequent, wenn es darum ging, erfolglose Produkte einzustampfen, ein ums andere Mal auch sehr zum Leidwesen der (wenigen) Kunden, die sich dafür  begeisterten.

Microsofts Sprachassistentin Cortana ist zweifellos ein solch erfolgloses Produkt. Irrelevant vom ersten bis zum heutigen Tag. Als Nadella das Scheitern der eigenen Smartphone-Plattform eingestand, kündigte er gleichzeitig an, bei der nächsten großen Welle persönlicher Technologie mit dabei sein zu wollen. Die Welle kam in Form der smarten Assistenten, und Microsoft war wieder nicht dabei.

Wie es kommen würde, ahnte ich schon sehr früh, darum kommen wir an dieser Stelle zu einem Artikel, den ich zu meinen Top 5 der korrekten Vorhersagen zähle: Cortana: Das Windows Phone unter den digitalen Assistenten? Ich will nicht angeben, aber ich finde es beinahe schon erschreckend, wie genau das alles eingetreten ist.

Microsoft hatte mit Cortana die richtige Idee, scheiterte aber an der Umsetzung, weil man einerseits halbherzig agierte (man denke nur an die Lokalisierung, die so schlecht war und ist, dass es besser wäre, es gäbe sie überhaupt nicht) und andererseits nicht in der Lage war zu erkennen, wie man das Produkt bei den Menschen so platziert, dass sie es haben wollen.

Dieses Scheitern hat Microsoft nun immerhin endgültig eingesehen und das Ende aller Funktionen, die man mit Cortana verband, offiziell angekündigt. Die wenigen Smart Home Skills, Musik-Integration und alle anderen Consumer-Funktionen fallen weg, aus dem Microsoft Launcher für Android wird Cortana ebenfalls ausgebaut.

Mit anderen Worten: Cortana ist endgültig tot. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, den Namen Cortana endgültig zu begraben und ihn langsam aber sicher in Vergessenheit geraten zu lassen.

Das tut Microsoft aber nicht. Sie kündigen an, dass Cortana künftig ein Produktivitätsassistent in Windows 10 werden soll. Mit diesem Schlagwort wirft man schon seit gut einem Jahr um sich, aber auch der aktuelle Blogpost bleibt konkrete Antworten darauf schuldig, was denn dieser Produktivitätsassistent denn nun im Detail leisten soll, es bleibt bei unverbindlichen PR-Plattitüden.

Dass Windows 10 einen „Produktivitätsassistenten“ bekommen soll, den man primär per Maus und Tastatur und bedient, wie an einem PC üblich, ist eine großartige Sache. Dass Sprache auch noch hinzu kommt, ist ebenso großartig. Letztlich reden wir aber über eine Funktion von Windows 10, und dafür braucht man keinen eigenen Namen.

Warum in aller Welt also hält man sich so verzweifelt an dem Begriff „Cortana“ fest? Warum verwendet man ihn als Bezeichnung für eine Funktion, die mit dem eigentlichen Produkt rein gar nichts mehr zu tun hat? Warum tut man sich so schwer damit, einen Namen hinter sich zu lassen, der ein Synonym für Scheitern und Versagen ist? Ich verstehe es  nicht.

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Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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