Am Puls von Microsoft

Das B in Big Tech steht für Bequemlichkeit: Auf die Trägheit der Nutzer ist Verlass

Das B in Big Tech steht für Bequemlichkeit: Auf die Trägheit der Nutzer ist Verlass

Die großen Technikkonzerne sind zu mächtig. Das wissen wir alle schon seit vielen Jahren, und niemandem gefällt das. Dennoch haben es sich die meisten von uns in einzelnen oder mehreren Ökosystemen gemütlich gemacht. So ganz allmählich dämmert es aber auch den Letzten, dass wir uns aus dieser Abhängigkeit befreien sollten. Das größte Hindernis hierbei ist allerdings nicht technischer Natur.

Vorweg: Ich halte nichts davon, in Guerillamanier alles über Bord werfen zu wollen, was man über Jahre hinweg genutzt hat. Einen vollständigen Boykott aller Unternehmen, die zur „Big Tech“-Familie gehören, halte ich ebenso nicht für sinnvoll. Gleichwohl beneide ich jeden, der das vollumfänglich schafft.

Mea culpa!

Ich habe diese Seite hier anno 2007 unter dem Namen „Dr. Vista“ als Anlaufstelle für alle eingerichtet, die so ihre Probleme mit dem damals neuen Windows hatten. Wenn ich je in meinem Leben ein Gespür für den perfekten Zeitpunkt hatte, dann an jenem Samstag im März.

Über die Jahre und mit Microsofts wachsendem Ökosystem entwickelte sich Dr. Windows, wie die Seite seit 2009 heißt, zu einer…ja, sprechen wir es ruhig offen aus: Fanseite. Hier versammelten sich die Fans von Windows Phone, Xbox, Groove Music und so weiter. Und ich gab nur allzu gerne den Anführer, der vor Begeisterung sprühte und Kritikpunkte gerne mal unter den Tisch fallen ließ.

Ich verdanke es sozusagen Microsofts katastrophalem Versagen im Privatkundenbereich, dass ich heute nicht in einem Ökosystem eingeschlossen bin. Dennoch bin auch ich ein williges Opfer von Big Tech. Microsoft, Google, Amazon und noch ein paar mehr – ich bin mit vielen Diensten bei den Marktführern daheim.

Dass es nicht gut ist, wenn ein Unternehmen einen bestimmten Markt beherrscht, wusste ich selbstverständlich. Aber ich wollte auch nicht der Erste sein, der daran etwas ändert.

Zeitenwende

Amazon, Apple, Google, Microsoft und Meta, um ein paar der ganz großen Player zu nennen, haben eine Sache gemeinsam: Sie haben ihren Sitz in den USA. Eine der Ausreden, mit denen man sich selbst die zu große Macht dieser Konzerne schönredete, war bislang, dass sie geopolitisch auf der „guten Seite“ standen.

Ich weiß selbst, dass sich das Bild nicht so einfach schwarz/weiß malen lässt. Jetzt erleben wir aber, wie sich die USA vor den Augen der Welt radikal verändern. Ich will an dieser Stelle nicht zu politisch werden, aber es ist offensichtlich, dass man diesem Land und seinem Präsidenten nicht mehr trauen kann. Gesetze und Regeln sind nichts mehr wert.

Die Big Tech Konzerne liefern sich in dieser Entwicklung ein Wettrennen, wer es in Trumps Rektum am weitesten nach oben schafft. Diese Unternehmen haben keinen moralischen Kompass, sondern interessieren sich nur für Geld. Die „America First“-Strategie verspricht ihnen ganz viel davon. Sie werden auch in Zukunft jedes noch so fragwürdige Handeln mittragen, da darf man sich keinen Illusionen hingeben.

Als Trump von den Unternehmen verlangte, ihre Programme für Inklusion und Diversität einzustellen, strich Microsoft gehorsamst und postwendend die vor einigen Jahren geschaffenen Stellen. Das weiß ich aus erster Hand, weil ich die in Deutschland davon betroffene Person kenne. Während letzterer Umstand weniger bekannt ist, sorgte die Sperre des E-Mail-Kontos von Karim Khan, dem Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, für deutlich mehr Aufsehen.

Für die Zukunft muss klar sein: Wie willkürlich, unmoralisch oder gar ungesetzlich es auch sein mag: Wenn Trump befiehlt, stehen die Big Tech-Unternehmen stramm und gehorchen aufs Wort.

Krise als Chance

Weil ich in allem immer das Positive zu sehen versuche, sehe ich diese Entwicklungen als Chance. Europa kann die Versäumnisse der letzten 50 Jahre nicht über Nacht aufholen. Aber es ist an der Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Für Unternehmen ist das eine besondere Herausforderung, und teilweise sind die Abhängigkeiten so groß, dass sich die Zeit, die man benötigen würde, um sich aus diesen zu befreien, nicht einmal seriös abschätzen lässt.

Privatkunden sind da deutlich besser dran. Sie können mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen auf alternative Lösungen setzen. Wir müssen es einfach nur tun.

Das große B

Es gibt da allerdings eine Sache, auf die sich die Big Tech-Unternehmen mehr verlassen können als auf alles andere, und das ist unsere gottverdammte Bequemlichkeit. Wir haben es uns in dieser digitalen Welt gemütlich gemacht und uns von dem gebotenen Komfort in den Schlaf wiegen lassen.

Die Alternativen sind da. Auf sie umzusteigen und den bislang genutzten Browser, das gewohnte E-Mail-Programm, die vertraute Office-Suite, den Cloudspeicher oder gar das Betriebssystem zu wechseln, ist jedoch mit Aufwand verbunden. Teils mehr, teils weniger. Digitale Souveränität und Selbstbestimmung sind nicht nur schöne Schlagwörter, die in diesen Zeiten gerne genutzt werden. Sie in die Tat umzusetzen, ist vor allen Dingen auch Arbeit. Richtig viel Arbeit.

Angesichts der vielen Baustellen, die sich auftun, wenn man konsequent darüber nachdenkt, ist man schnell geneigt, die Flinte ins Korn zu werfen. Ich zähle mich zu genau dieser Fraktion. Es ist halt alles so furchtbar bequem. Da ist der Weg zu dem resignierenden Gedanken „und was kann ich als Einzelner da schon bewirken?“ nicht mehr weit. Das ist das Fundament, auf dem die Macht der großen Tech-Unternehmen aufbaut.

Lasst uns kleine Schritte machen

Jede große Reise beginnt mit dem ersten Schritt, hat der weise Laotse einst gesagt. Und so ist das auch hier. Man ist nicht einmal gezwungen, sich auf die ganz große Reise zu begeben. Man kann für sich selbst frei entscheiden, wie weit man gehen möchte. Wie eingangs erwähnt: Wenn man das Thema mit Dogmatismus angeht, ist das Scheitern vorprogrammiert.

Mein Kollege Kevin ist da schon sehr viel weiter als ich, sowohl gedanklich als auch was den Überblick über mögliche Alternativen betrifft. Schaut unbedingt in seinen letzten Artikel hierzu, falls noch nicht geschehen.

Ich bin gerade erst dabei, die Scheuklappen abzunehmen und mir Gedanken zu machen. Dabei bin ich schon mehrfach in die Falle getappt, vor der ich weiter oben selbst gewarnt habe: Ich habe mich gedanklich verrannt, indem ich angefangen habe, mir eine Strategie zu überlegen. So funktioniert das nicht, ich muss chaotischer werden. Einfach irgendwo anfangen und schauen, was passiert. Die kleinen Schritte müssen nicht immer vorwärts gehen. Rechts, links und auch mal zurück sind ausdrücklich erlaubt. Wichtig ist nur, sich in Bewegung zu setzen und in Bewegung zu bleiben.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 19 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige