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Das zweckentfremdete Windows Softwareentwicklungskit 2023 im Praxistest: Die ersten Tage mit dem ARM-PC

Das zweckentfremdete Windows Softwareentwicklungskit 2023 im Praxistest: Die ersten Tage mit dem ARM-PC

Seit gut einer Woche steht Microsofts ARM-PC mit dem holprigen Namen „Windows Softwareentwicklungskit 2023“ auf meinem Schreibtisch. Ich nutze das Gerät zweckentfremdet, denn Microsoft vermarktet es nicht an Endkunden, sondern an Entwickler (gleichwohl kann es von jedermann für 699 Euro bei Microsoft gekauft werden). Ich entwickle damit aber keine Software, sondern nutze ihn als Office-PC für meine tägliche Arbeit.

Im Beitrag Ausgepackt und aufgeschraubt: Microsofts ARM-PC ist eingetroffen hatte ich euch meine allerersten Eindrücke bereits geschildert. An den Aufrufzahlen sowie an den Reaktionen in den sozialen Medien kann ich ablesen, dass die Microsoft-Community dieses Gerät ebenso spannend findet wie ich. Mich haben auch schon viele Leute angeschrieben und gefragt, ob ich das Gerät denn generell empfehlen kann.

Nun, damit tue ich mich schwer, wer aber generell neugierig auf Windows on ARM ist, dem kann ich bereits eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Möglicher „Fallstricke“ muss man sich bewusst sein, auch wenn mir bislang noch keine solchen aufgefallen sind. Dazu aber weiter unten noch ein paar Sätze.

Eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt wurde, lautete: Ist da eigentlich ein ganz normales Windows drauf?

Dabei ging es weniger um Windows on ARM, sondern darum, ob hinter dem „Windows Softwareentwicklungskit 2023“ vielleicht auch eine in irgendeiner Form veränderte Windows-Version steckt. Die Antwort darauf lautet Nein. Die Inbetriebnahme läuft wie üblich, es ist die reguläre „Out of the Box Experience“, wie man sie an jedem neuen Windows 11 PC durchläuft. Nach Abschluss der Ersteinrichtung findet man ein „stinknormales“ Windows 11 vor.

Es ist Windows 11 in Version 22H2 vorinstalliert, in dieser Version wurde die Offline-Inbetriebnahme nochmals eingeschränkt und der Microsoft-Kontozwang verschärft. Diese Methode zur Umgehung der Kontopflicht sollte weiterhin funktionieren, ich rate allerdings davon ab, denn man sollte so viele Programme wie möglich aus dem Microsoft Store beziehen, denn so stellt man sicher, dass man auch die für ARM optimierte Version erhält (auch wenn es davon nach wie vor nur sehr wenige gibt).

Noch ein Hinweis zur Inbetriebnahme: Der DisplayPort Anschluss erweist sich als „zickig“. Ich hatte ein etwa vier Jahre altes DP auf HDMI Kabel, das noch nicht der DisplayPort 1.4 Spezifikation entspricht. Damit war dem Gerät kein Bild zu entlocken, ich musste erst ein aktuelles Kabel besorgen und bis dahin den USB-C Anschluss verwenden. Über DisplayPort und Daisy Chain soll man zwei 4k-Bildschirme gleichzeitig ansteuern können, was ich allerdings in Ermangelung eines zweiten Bildschirms nicht ausprobieren kann.

Kommen wir zur Software und der Frage nach der Kompatibilität. Folgende Programme habe ich bislang installiert:

  • Office (Outlook, OneNote, Word, Excel, PowerPoint)
  • Microsoft Edge
  • Netflix
  • Enpass Password Manager
  • Notepad++
  • IrfanView
  • iTunes
  • Audacity
  • Microsoft To Do
  • Microsoft Teams
  • WinSCP
  • Total Commander
  • Telegram
  • WhatsApp
  • SnagIt 2023
  • WinRAR
  • HWiNFO64
  • CrystalDiskMark

Office, Teams und Microsoft Edge laufen als native ARM-Versionen, der Rest sind klassische x86-Anwendungen, die dementsprechend emuliert werden.

Kompatibilitätsprobleme sind mir bislang keine untergekommen, alle Programme funktionieren einwandfrei. HWiNFO64 zeigt nur „Murks“ an und glaubt einen AMD Athlon zu erkennen, aber das dürfte schlicht daran liegen, dass der Snapdragon 8cx nicht in der programminternen Datenbank hinterlegt ist.

OneDrive war seltsamerweise nicht vorinstalliert, und hätte ich nicht gewusst, dass mein alter Freund Hans Brender auf seinem Blog die Downloads aller OneDrive-Clients anbietet, dann hätte ich ein echtes Problem gehabt, denn auf den Microsoft-Seiten wurde ich nicht fündig.

Ein kurzes Wort noch zur Peripherie – kurz deswegen, weil nur zwei Geräte angeschlossen sind, und zwar der Multifunktionsdrucker Brother MFC-L3770CDW sowie die Webcam Logitech Brio 4k, die ich auch für die Anmeldung per Windows Hello nutze.

Kommen wir damit zu dem Punkt, auf den mutmaßlich alle Leser am meisten gespannt sind und der mit Worten schwer zu beschreiben ist: Performance.

Das vorläufige Fazit hierzu, das es vielleicht am einfachsten beschreibt: Ich habe bereits vergessen, dass ich an einem ARM-PC arbeite.

Soll heißen: Ich setze mich hin, mache meine Arbeit und habe dabei nicht das Gefühl, in irgendeiner Weise eingebremst zu werden oder eingeschränkt zu sein. Das ist freilich eine subjektive Einschätzung, die sich auf meine Arbeitsabläufe und mein persönliches Software-Setup bezieht.

Outlook startet in etwa drei Sekunden, Excel in etwas mehr als einer, alle kleineren Programme wie IrfanView, Notepad++ oder WinSCP sind quasi augenblicklich arbeitsbereit. Selbst der „Endgegner“ iTunes ist in knapp fünf Sekunden gestartet, auf meinem „Haupt-PC“ mit einem AMD Ryzen 7 5800X geht das auch nicht viel schneller.

Ich hatte ja bereits geschrieben, dass ich mit dem ARM-PC meinen Intel NUC mit einem Intel Core i5 ablösen möchte. Dieser Punkt ist bereits abgehakt, der NUC ist schon verkauft. Das Dev Kit ist mindestens ebenbürtig, ich würde sogar behaupten, es läuft insgesamt ein wenig flotter.

Den größten Unterschied habe ich beim Programm SnagIt bemerkt. Bei meinem letzten ARM-Versuch mit dem Snapdragon 8cx Gen2 unter Windows 10, also noch ohne 64 Bit-Emulation, musste ich die 32 Bit Version des Programms nutzen und das machte bisweilen nur wenig Spaß. Nach dem Drücken des Hotkey für eine Bildschirmaufnahme dauerte es mitunter 6-8 Sekunden, ehe die Aufnahme erfolgte. Unter Windows 11 läuft die 64 Bit Version von SnagIt zwar immer noch über den Emulator, allerdings ohne spürbaren Leistungsverlust.

Verschweigen will ich nicht, dass man beim Schneiden eines Videos mit Clipchamp und dem Encodieren einer mp3-Datei mit Audacity durchaus merkt, dass die CPU limitiert ist, aber es funktioniert und ob es am Ende 30 oder 45 Sekunden dauert, ist für mich sekundär. Die gefühlte Arbeitsgeschwindigkeit gibt für mich den Ausschlag, und die ist prima. Wenn man überlegt, dass der Snapdragon 8cx im Grunde schon drei Jahre alt ist, auch wenn ihn Qualcomm mit der „Gen3“ nochmals optimiert hat, ist das sogar schon beinahe sensationell.

Auf meiner To Do-Liste habe ich noch ein paar offene Punkte, so will ich beispielsweise Google Chrome, Firefox und evt. andere Browser sowie das Xbox-Gamestreaming testen. Sofern es sich nicht um Software handelt, die ich erst kaufen müsste, dürft ihr mir auch gerne in den Kommentaren oder an martin at drwindows.de schreiben, was ich sonst noch so auf Kompatibilität und Performance testen könnte.

Schlusswort für heute: Den integrierten Lüfter höre ich nach wie vor nie. Ein einziges Mal habe ich es geschafft, ein Betriebsgeräusch zu erzeugen, das war bei einem Benchmark mit Cinebench. Die Ergebnisse haben mich nicht interessiert, ich wollte einfach nur, dass die CPU über einen längeren Zeitraum an die Grenze gebracht wird. Den Lüfter selbst habe ich auch da nicht gehört, sondern nur den erzeugten Luftzug. Diese Geräusche zu beschreiben ist immer schwer, ich würde es am ehesten mit einem Ausatmen durch die Nase vergleichen, auf jeden Fall kein unangenehmes Zischen, wie das ansonsten bei den kleinformatigen Geräten gerne mal der Fall ist. Aus 80cm Entfernung ist es gerade so wahrnehmbar. Insofern würde ich sagen wollen, das Gerät arbeitet „praktisch lautlos“.

Ich werde die Zweckentfremdung fortsetzen und das Gerät auch weiterhin als meinen Standard-Arbeits-PC benutzen. Mal sehen, welche Erkenntnisse sich noch so ergeben.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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