Datenschutz in Windows 10: Gut genug für das US-Militär, aber die Schwaben zögern noch

Datenschutz in Windows 10: Gut genug für das US-Militär, aber die Schwaben zögern noch

Windows 10 und der Datenschutz – eine Diskussion, die offenbar niemals so richtig enden möchte, obwohl Microsoft seit der Veröffentlichung im Sommer 2015 bereits zahlreiche Verbesserungen vorgenommen hat, um das Thema transparenter zu machen. Nach wie vor stelle ich mir die Frage, ob diese Diskussionen überhaupt entstanden wäre, hätte es in den Windows 10-Einstellungen nie eine entsprechende Rubrik gegeben (meine subjektive Antwort auf diese Frage lautet „Nein, nicht mal im Ansatz“).

Sei’s drum. Aktuell fallen mir zwei Meldungen vor die Füße, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da wäre zum einen der Umstand, dass das US-Militär die geplante Umstellung auf Windows 10 offenbar wie geplant zum 31. März abschließen kann, lediglich bei der Marine wird der Abschluss der Umstellung noch bis Juni dauern.  Es wurden bestehende PCs aktualisiert, außerdem wurden im Rahmen des Upgrades 500.000 Systeme ersetzt oder neu beschafft. Nicht nur einfache Verwaltungs-PCs wurden auf Windows 10 aktualisiert, sondern auch solche, auf denen hochsensible Informationen gespeichert sowie Strategien geplant und taktische Einsätze vorbereitet werden. Die stärkste und leider auch fleißigste Streitkraft der Welt scheint sich im Zusammenhang mit Windows 10 also nicht um die Sicherheit seiner Daten zu sorgen.

Stefan Brink, der baden-württembergische Landesdatenschutzbeauftragte, sieht den Sachverhalt allerdings anders, wie heise berichtet. Er fordert von Microsoft „schleunigst Nachbesserungen“ im Bereich der ungeklärten Daten-Transfers, außerdem spricht er von „bekannt gewordenen Sicherheitslücken“, in beiden Fällen wird aber leider nicht näher ins Detail gegangen. Was ihm also genau Sorge bereitet, wird aus dem Statement nicht klar, und ich hätte mir gewünscht, dass heise da etwas konkreter nachfragt. So bleibt leider nur der Tenor, dass der baden-württembergische Datenschutz offenbar besondere Bedenken hat, nachdem andere Bundesländer Windows 10 bereits bescheinigt haben, dass es unternehmenskonform eingesetzt werden könne.

Mit Blick auf die europäische Datenschutz-Grundverordnung, die Ende Mai verbindlich wird, sagt Brink: „Ein Dienstleister, der diesen Anforderungen nicht genügen kann oder will, scheidet künftig aus dem Kreis derjenigen aus, mit denen ein datenschutzrechtlich Verantwortlicher kooperieren kann.“ Da hat er zweifelsfrei Recht, und in einem Punkt wird er dabei auch konkret: „Jeder Nutzer von Windows 10, wie auch anderen Betriebssystemen und Anwendungen, muss die volle Kontrolle über seine Daten haben. Er fordert „volle Transparenz bezüglich der übertragenen Daten herrschen und der Anwender muss jede Übertragung deaktivieren können“.

Da stimme ich ihm zu. Windows 10 macht einen Unterschied zwischen der Home- und der Enterprise-Version. Firmenkunden ist es möglich, z.B. die Übertragung von Telemetrie-Daten vollständig zu deaktivieren. Heimnutzer dürfen das nicht, und auch wenn ich die Telemetrie-Daten für grundsätzlich unkritisch halte, frage ich mich: Wozu diese Unterscheidung? Das schafft doch nur einen unnötigen Angriffspunkt für Kritiker und nährt den Verdacht, dass in der Home-Version irgendetwas nicht ganz koscher ist. Dem geht man aus dem Weg, wenn man für alle Nutzer die selben Einstellungen anbietet. Die meisten Heimanwender sind damit ja ohnehin überfordert und übernehmen die Standardeinstellungen.

Letzteres ist ein ganz schwieriger Punkt: „Volle Transparenz“, wie von Brink gefordert, würde vermutlich zu „voller Überforderung“ führen, zumindest bei den meisten Nutzern. Da er an alle Betriebssysteme die selben Anforderungen stellt, frage ich mich, wie lange es wohl dauern würde, ein Gerät betriebsbereit einzurichten, wenn man jedes Detail explizit erklärt bekommt und bestätigen muss. Die Kritiker, die vermuten, dass dennoch heimlich Daten abgegriffen werden, würden aber auch dann nicht verstummen.

Am Ende führt der ganze Deal nur über Vertrauen. Viele liebgewonnene Funktionen sind ohne die Übertragung auch sensibler Daten an die Server des Dienste-Anbieters nicht realisierbar. Wer von Datensparsamkeit wie vor zehn Jahren träumt, der muss im Gegenzug auch bereit sein, funktional auf dem Stand von vor zehn Jahren zu arbeiten. Es geht nur entweder oder.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat schon vor Jahren gesagt, wir leben in der „Nach-Datenschutz-Ära“. Die aktuelle Affäre rund um Facebook beweist, dass er Recht hat, und das betrifft sowohl sein Unternehmen als auch die Nutzer. Ein Ausweg aus diesem Dilemma? Ganz ehrlich, ich kenne keinen, außer konsequenten Verzicht.

Zurück zu Windows 10: Was die Datenschutz-Einstellungen und die Transparenz angeht, so ist es das beste Betriebssystem der Welt. Kein anderer Hersteller kommt da auch nur in die Nähe. Darum bin ich sicher: Dort, wo noch Bedenken geäußert werden, hört Redmond zu und bessert gegebenenfalls weiter nach. Mit dem Redstone 4 Update wird beispielsweise der „Diagnostic Data Viewer“ eingeführt, der einen tiefen Einblick in die Telemetrie-Daten gewährt und bei dem die meisten Nutzer nur Bahnhof verstehen werden. Trotzdem ist es natürlich gut, dass es ihn gibt.

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Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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