Der Geist von Longhorn: Wenn sich Geschichte von Windows wiederholt
Windows 11 macht aktuell keine leichte Zeit durch. Bereits vor einigen Wochen habe ich in einem längeren Beitrag einen Vergleich zu Windows 8 gezogen und begründet, warum Windows 11 in seiner aktuellen Entwicklung, die sich ein wenig hinter den Agentic OS-Geschichten versteckt, seinen Moment im Stil von Windows 8.1 erlebt. Es gibt in der früheren Vergangenheit aber ein Beispiel, was noch besser als Referenz in die heutige Zeit passt: Windows Longhorn.
Gemeint ist damit nicht das Longhorn, was letztlich seine Basis auf Windows Server 2003 SP1 bekam und wenige Jahre später als Windows Vista in die heimischen Wohn- und Arbeitszimmer flatterte. Stattdessen geht es um Longhorn, wie es eigentlich mal geplant war. Diese Beitrag ist auch von einem Video des ehemaligen Microsoft-Entwicklers Dave Plummer inspiriert, der noch an Longhorn mitgewirkt hat. Ich binde es euch an dieser Stelle mal mit ein.
Das Vermächtnis von WinFX
Die Grundlage vom ursprünglichen Longhorn bildete der WinFX-Stack und bestimmte Elemente davon haben wir neben Aero als Oberfläche in Form der Windows Presentation Foundation bzw. WPF (aka Avalon) und Windows Communication Foundation bzw. WCF (aka Indigo) auch tatsächlich bekommen. Die Ideen von Microsoft gingen zu dieser Zeit aber noch deutlich weiter. Beispielhaft dafür war WinFS (Windows Future Storage), welches das Dateisystem NTFS mit einem Datenbank-basierten Ansatz ergänzen oder ersetzen und so etwa die Dateisuche deutlich verbessern sollte.
Auch im Kleinen wurden Elemente, die wir in späteren Windows-Versionen kennen gelernt haben, erstmals thematisiert. Die Live Tiles etwa wären in ihrer Urfassung in einer separaten Seitenleiste beheimatet gewesen und glichen damals noch eher den Widgets, die dann tatsächlich mit Windows Vista kamen. Insgesamt war Longhorn in seiner ersten Fassung also schon ein guter Fingerzeig, wohin Microsoft mit seinem Betriebssystem langfristig gehen wollte.
Windows 11
Ähnlich wie bei Longhorn setzte Microsoft auch bei Windows 11 zu einem größeren Sprung an, der wiederum an der Basis ansetzt. Mit ReFS gibt es ein neues fortschrittliches Dateisystem, was NTFS zwar (noch?) nicht in der Breite beerbt, mit seiner Einführung bei Windows 10 Pro for Workstations aber erste Hürde genommen hat. Auch bei den Treibern und anderen Kernel-nahen Bausteinen wird über die Secure Future Initiative und die Neuentwicklung in Rust Hand angelegt, womit die Idee der Integration von .NET als neuer Plattform weiterentwickelt wird. Während dessen führt WinUI 3 das Vermächtnis von WPF als neues modernes UI-Toolkit fort.
Interessant werden die Parallelen dann, wenn wir tatsächlich auf die Bemühungen rund um das Agentic OS schauen. Bereits WinFS hätte die Zusammenführung von Informationen über traditionelle Ansätze wie Tags oder Verbindungen ermöglicht, bei den modernen Iterationen übernehmen Funktionen wie Recall, Copilot Vision oder Click-to-do diese Aufgabe mittels Künstlicher Intelligenz. Der ganze Ansatz wird durch die zusätzliche Nutzung des Model Context Protocols (MCP) noch aufgebohrt, womit eine Vielzahl verschiedener Datenquellen zusammengeführt werden können.
Aber auch im Kleinen sehen wir diese Parallelen wieder. Exemplarisch möchte ich hier die Windows Widgets aufgreifen. Hatte Longhorn bereits eine Seitenleiste mit Live Tiles, welches entsprechende Informationen bereitstellte, verfügt Windows 11 über ein geteiltes Widget Board, welches einerseits das Anpinnen von Widgets wie bei Windows Vista erlaubt und zum anderen konkrete Nachrichten und Informationen darstellen kann, die in absehbarer Zukunft von Copilot aufgebohrt werden sollen. Auch die Taskleiste und das Startmenü wurden ähnlich wie bei Longhorn neu gedacht.
Der große Unterschied
Bevor der Kreis in diesem Beitrag geschlossen wird, ist es wichtig, auf die unterschiedlichen Entwicklungen hin zum jeweiligen Standard aufzuzeigen. Die Lehren aus Longhorn wurden am Ende in zwei großen Wellen gezogen, welche uns auch zwei der besten Windows-Versionen beschert haben, die wir kennen. Der erste Schwung mündete in Windows 7, welches von Plummer auch als „Longhorn done right.“ bezeichnet wurde, die zweite Welle mit den Live Tiles kam letztlich in Form von Windows 10 zu den Nutzern.
Das Dilemma von Windows 11 geht dagegen auf mehrere Teilentwicklungen zurück, die wir innerhalb von Windows 10 hatten. Ideen, wie Windows den Sprung in die Zukunft schaffen könnte, zeigten sich einerseits in Cortana als erster KI-Assistentin und zum anderen in gesonderten Windows 10-Ablegern wie Windows 10X und Windows Core OS. Letztlich sind diese dann kumulativ in Windows 11 zusammengelaufen, inklusive aller Probleme, die wir heute sehen.
Geteiltes Leid
So unterschiedlich die Wege zu dem jeweiligen Dilemma auch waren, so sehr kann man heute sehen, dass Microsoft wieder in die alten Muster zurückgefallen ist. Viele Eckpunkte, die schon Longhorn vor 20 Jahren in die Parade gefahren sind, machen Windows 11 heute wieder zu schaffen.
- Große Sprünge bei den Systemanforderungen belasteten das Verhältnis zu ihren direkten Vorgängern. Bei Windows XP führte das zu einem exorbitant langen Supportzeitraum von 13 Jahren, bei Windows 10 zeichnen sich zumindest schon Probleme am Horizont ab.
- Performance und Stabilität erwiesen sich als große Probleme. Bei Longhorn mussten die internen Tester bei Microsoft oftmals WinFS direkt abschalten, um überhaupt irgendwelche Leistung aus dem System zu gewinnen. Ebenso gibt es Beispiele wie den Mailclient Outlook Express, der testweise auf WinFS umgestellt wurde und bei einem Absturz die ganzen Inhalte mit sich in den Abgrund schickte. Auch bei Windows 11, wo zumindest gefühlt halbgare Implementierungen möglichst schnell aus der Tür geschickt werden, häufen sich technische Probleme wieder.
- Sicherheit war eine wachsende Frage, sowohl im Vorlauf als auch langfristig. Bei Longhorn betraf es Sicherheitsprobleme bei Windows XP, die zur Ressourcenverlagerung auf das dortige SP2 führte und langfristig neue Funktionen wie die Benutzerkontensteuerung in Vista und später brachte. Bei Windows 11 ziehen wir immer noch die Lehren aus Lücken wie Meltdown und Spectre und selbst bei der möglichst sicheren Implementierung der Agenten unter Windows warnt Microsoft weiterhin vor möglichen unerwünschten Nebenwirkungen und Sicherheitsproblemen wie Prompt Injections.
- Dogfooding inkl. dem entsprechenden internen Druck wird bei Microsoft wieder zur Regel. Schon während Longhorn waren die Preview Builds von Windows, sofern sie überhaupt erstellt werden konnten, oft kaum benutzbar und sorgten in der täglichen Arbeit bei Microsoft laut Plummer zunehmend für Frust. Bei Windows 11 ist der Druck auf Sparten wie Xbox, Outlook oder allgemein mit der verpflichtenden KI-Nutzung in der Belegschaft nochmal ungleich größer. Das Problem von Longhorn, dass Entwickler neue Funktionen schneller aus der Drehtür schickten, als sie stabilisiert werden konnten, finden wir auch bei Windows 11 wieder.
- Die Arroganz gegenüber den Consumern hat wieder alte Höhen erreicht. In einem Interview von Dave Plummer mit Dave Cutler, dem Vater von Windows NT, sagte dieser, dass Microsoft der Ansicht war, dass Consumer nicht die gleiche Stabilität wie Server-Kunden erwarten würden und die Entwicklung deswegen aufgespaltet wurden. Eine ähnliche Einschätzung zeigt sich heute in konkreten Äußerungen als auch in konkreten Aktionen wie beim Windows Insider Program. Dass der Privatnutzer ohnehin keinen leichten Stand hat, kommt noch dazu.
Crunchtime
Das Ende von Longhorn in seiner bisherigen Vision, welches auch in der internen Entwicklung laut Plummer für absolutes Chaos sorgte, kam letztlich dadurch, dass Ingenieure wie Dave Cutler sich ein Herz gefasst und gegenüber dem Management, was unabhängig davon, ob es einen Bedarf gab oder nicht, bisher alles abgenickt hatte, eindringlich gesagt haben, dass es so nicht weitergehen konnte. Die Situation war vergleichbar mit Windows 11 heute: Der Windows-Client war eine komplett verbuggte Codebase, während Windows Server dank dem langsameren und methodischen Entwicklungsansatz von Cutler und seinen Leuten immer noch stabil genug war. Erst im Jahr 2004 lernte es Microsoft dann auf die harte Tour und drückte trotz interner Schockwellen den Resetknopf bei Longhorn.
Worin sich die heutige Situation von der damaligen unterscheidet, ist die Richtung, aus der die Warnungen kommen. Blickt man von außen auf die heutige Microsoft-Führungsriege, sind vergleichbare Leute wie Cutler bis auf wenige Ausnahmen wie Phil Spencer kaum sichtbar und man bekommt eher den Eindruck, es bewegt sich meist zwischen Ja-Sagern wie Microsoft AI-Chef Mustafa Suleyman und völlig von dem Nutzerbedarf abgekoppelten Persönlichkeiten wie Microsoft-CEO Satya Nadella. Stattdessen sind es neben Leuten aus der Microsoft-Community nicht zuletzt auch herausragende Journalisten wie Brad Sams, Paul Thurrott oder Jez Corden, die ähnlich wie wir immer wieder den Finger in die Wunde legen.
Eines muss dabei klar sein: Die Konsequenz aus den aktuellen Verfehlungen darf nicht bedeuten, dass Copilot und andere KI-Funktionen gar nicht kommen. Ohne Künstliche Intelligenz hat Windows im Rückzugsgefecht, was es ohnehin schon führen muss, einen zusätzlichen Wettbewerbsnachteil, denn die alte Microsoft-Weisheit „Build it and they’ll come.“ zählt nicht mehr. Die Frage ist aber, wie, wo und in welcher Form diese implementiert werden und ob andere ebenso wichtige Initiativen wie die Reimplementierung bestimmter Core-Funktionen in Rust oder der Abschluss der Migration von der Systemsteuerung zu den Einstellungen dafür unter die Räder kommen. Kein Entweder…oder, sondern ein Sowohl…als auch.
Windows Insider
Dass Microsoft eine ähnlich brachiale Entscheidung wie bei Longhorn treffen wird, können wir ausschließen, immerhin wäre das auch gegenüber den direkten Konkurrenten ein zu schmerzhaftes Eingeständnis und würde die Redmonder im aktuellen Wettkampf zur Lachnummer werden lassen. Dass sie die „Partnerschaft“ mit den Enthusiasten aber besser können, haben sie in der Vergangenheit gezeigt, sowohl vor einigen Jahren wie beim verbuggten Sync von Edge als auch in der jüngeren Zeit, als Recall nach dem ersten Desaster nochmal komplett zurückgezogen und grundlegend überarbeitet wurde. Trotzdem darf man nicht naiv sein, das Insider Program ist in seiner Funktion schlicht zu kaputt und mit dem Continuous Innovation Model im stabilen Kanal auch weitgehend wertlos geworden.
Gleichzeitig läuft es anderen Aussagen zuwider, wenn jemand wie Suleyman vor allem die junge Generation erreichen möchte oder Phil Spencer weiterhin eine erstklassige Gaming-Erfahrung bieten möchte. Alles schließt weiterhin ein, dass Windows so gut wie möglich werden muss, was es auch auf den verfügbaren Handhelds wie der ROG Xbox Ally derzeit nicht ist – das ist nichts anderes als ein klarer Wettbewerbsnachteil, den Microsoft und seine Partner gegenüber SteamOS und anderen in Kauf nehmen. Und selbst beim normalen Desktop-Ableger verlieren sich Verantwortliche wie Windows-Chef Pavan Davuluri in etwaigen Visionen, nur um hinterher nach einem Shitstorm noch zurückrudern zu müssen. Gute Kommunikation ist was anderes.
Tausche Promille KI-Schnaps gegen Prozent Qualität
Fasst man die aktuelle Situation zusammen, scheint es, als ob Microsoft die richtigen Schlüsse, die sie aus dem Desaster von Longhorn gezogen haben, mittlerweile wieder vergessen hat. Dass sie intensiv im Rennen um Künstliche Intelligenz mitmischen, ist richtig und für die weitere Zukunft von Windows von Bedeutung. Dass die Qualität dafür unter die Räder kommt und die Kommunikation in anderen wichtigen Bereichen, die ausnahmsweise auch mal abseits der Künstlichen Intelligenz stattfinden, kaum noch passiert, ist ein schwerer Fehler.
Das Problem ist nicht, dass sie Copilot in verschiedene Produkte bringen, sondern es liegt darin, dass sie die Balance zwischen Aufdrängen und Überzeugen komplett verloren haben. Wenn es irgendwann ein Windows 12 geben wird, darf es nicht von irgendwelchen abgehobenen Visionen getragen sein, sondern muss ähnlich wie Windows 7 und Windows 10 die richtigen Prioritäten auch neben der KI setzen. Bis es soweit ist, kann man nur hoffen, dass Windows 11 zumindest einigermaßen durch den anstehenden und andauernden Sturm kommt.
Themen:
- Editorial
- Windows 11
- Windows Vista
Über den Autor

Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und den Entwicklerthemen zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.


