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Der Status von Windows on ARM: Ist Qualcomm zu spät aufgewacht?

Der Status von Windows on ARM: Ist Qualcomm zu spät aufgewacht?

Mit dem Snapdragon X Elite scheint Qualcomm ein großer Wurf gelungen zu sein. Die Leistungsdaten des neuen ARM-Chips für den Desktop sind vielversprechend und könnten für einen Durchbruch sorgen. Die Ernte könnten am Ende aber womöglich andere einfahren, und dafür wäre Qualcomm zu einem großen Teil selbst verantwortlich.

Rollen wir aber zunächst die Geschichte von hinten auf und schauen auf Microsoft. Dass die x86-Plattform womöglich nicht das Heilmittel für die Ewigkeit ist, hat Microsoft schon vor über zehn Jahren erkannt. Als Reaktion auf den Erfolg des iPad hob man Windows RT aus der Taufe und gründete eine eigene Hardware-Abteilung unter der Leitung von Panos Panay, die Apple das Fürchten lehren sollte.

Basierend auf der Überheblichkeit und Arroganz, die sich Microsoft in Zeiten der Windows-Dominanz angeeignet hatte, machte man aber so ziemlich alles falsch. Die Entwickler von Desktop-Applikationen wurden gezielt ausgeschlossen. Microsoft machte eigene Desktop-Programme wie Office mit Windows RT kompatibel, alle anderen durften ausdrücklich nicht mitspielen.

Man wollte nur Apps im neu eröffneten Windows Store haben und ging fest davon aus, dass Entwickler und Kunden in Scharen angelaufen kommen, wenn Microsoft eine Alternative zu Apple und dem iPad bietet.

Das Ende ist bekannt: Die Entwickler kamen nicht, dementsprechend war das System auch für die Kunden uninteressant und die ARM-basierten Surface RT-Tablets mit Nvidia Tegra CPU lagen wie Blei in den Regalen. Das führte zu einer gigantischen Abschreibung von 900 Millionen US-Dollar. Es folgte zwar noch eine zweite Generation des Surface RT, dann war das ARM-Abenteuer aber zu Ende.

Die Erinnerung an dieses Fiasko war noch vergleichsweise frisch, als Microsoft im Jahr 2016 erneut ein “Windows on ARM” aus der Taufe hob, entsprechend argwöhnisch waren die Reaktionen. Man hatte in Redmond jedoch keine andere Wahl, denn die Vorteile der ARM-Plattform lagen weiterhin auf der Hand und Microsoft konnte es sich keinesfalls leisten, diese zu ignorieren. Dazu kam, dass das Verhältnis zu Intel alles andere als gut war und man händeringend Auswege aus dieser Abhängigkeit suchte.

Man benötigte außerdem ein Druckmittel, um Intels Entwicklungen im eigenen Sinne zu beeinflussen. Windows RT war mit ausschlaggebend dafür, dass Intel die Atom-Plattform entwickelte, um erstmals dünne und lüfterlose Geräte mit x86-Technologie zu ermöglichen.

Vor allem aber wollte man bei der “Neuauflage” von Windows on ARM den vorherigen Fehler nicht wiederholen. Das Ziel war nun nicht mehr eine Spezialversion von Windows, stattdessen wollte man eine absolute Gleichberechtigung zwischen x86 und ARM herstellen.

Hardware-Partner bei diesem Neustart war Qualcomm. Eine Wahl, die eigentlich keine war, denn nur der Marktführer hatte die nötigen Ressourcen für ein solches Projekt. Man hielt es für eine gute Idee, sich für mehrere Jahre exklusiv an Qualcomm zu binden, denn so wären die Investitionen geschützt und Qualcomm würde entsprechend motiviert ans Werk gehen. Dachte man. Es kam allerdings anders.

Für Qualcomm war Windows on ARM eine Art “Zweitverwertung” für die mobilen Snapdragon-Chips, die man leicht modifizierte, zu Desktop-CPUs erklärte und dafür teures Geld verlangte. Der Snapdragon 8cx war in der dritten Generation zwar praxistauglich, im Preis-/Leistungsvergleich mit x86-Prozessoren aber immer noch viel zu teuer.

Den Beweis, dass ARM-Prozessoren für Desktop-Computer mehr als nur eine Alternative sind, erbrachte schließlich Apple mit den Möglichkeiten, wie sie eben nur Apple hat. Wer Hard- und Software kontrolliert, kann einen solchen Kurswechsel entsprechend leichter vollziehen.

Spätestens mit dem Erfolg der M-Reihe von Apple war man bei Qualcomm endgültig aufgerüttelt. Die Zeiten der unendlich wachsenden Smartphone-Verkäufe sind außerdem vorbei, man benötigt bei Qualcomm zusätzliche Standbeine für eine stabile Zukunft.

Der Snapdragon X soll der Aufbruch in diese Zukunft sein, allerdings befindet sich Qualcomm immer noch in Goldgräberstimmung. Der Snapdragon X Elite wird sich zunächst nur in hochpreisigen Geräten wiederfinden, zudem ärgert Qualcomm seine Partner mit einer fragwürdigen Absatzstrategie. Wer den neuen Chip haben will, muss obendrein auch die zwingend benötigten PMIC-Chips bei Qualcomm kaufen, obwohl es günstigere Alternativen gäbe.

Selbst wenn der neue Chip also in der Praxis das Leistungsversprechen einlöst, wonach es auf Basis erster Erkenntnisse aussieht, wird der Erfolg aufgrund der zu erwartenden “saftigen Preise” sicherlich kein Selbstläufer.

Insgesamt acht Jahre hatte Qualcomm Zeit, sich auf Basis der vertraglich vereinbarten Exklusivität in eine Position zu bringen, von der man sie nicht mehr so leicht vertreiben kann. Ende 2024 läuft der Vertrag aus, erst auf den letzten Metern wird Handfestes geliefert.

Berichten zufolge arbeiten Samsung, AMD und Nvidia ebenfalls an ARM-Chips für den Desktop und somit für Windows. Da Microsoft nun ebenfalls CPUs entwickelt, ist es nicht völlig abwegig, dass dabei auch ARM-Prozessoren für die hauseigenen Surface-Geräte entstehen.

Um das Verhältnis zwischen Microsoft und Qualcomm soll es dem Vernehmen nach nicht mehr besonders gut bestellt sein, auf beiden Seiten hatte man sich von dieser Partnerschaft wesentlich mehr versprochen.

Microsoft hat ganz sicher auch seinen Anteil daran, dass Windows on ARM nach sieben Jahren noch immer nicht vom Fleck kommt. Nach wie vor kann niemand zuverlässig vorhersagen, ob es jemals durchstarten wird, zumal Windows seit Kurzem unter einer neuen Leitung steht, die vielleicht wieder ganz neue strategische Prioritäten setzt.

Ich rechne damit, dass ARM weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Hier lauert viel Potenzial, das noch nicht gehoben wurde. Offenbar sehen das viele Chip-Hersteller ebenso, und Microsoft wird sie mit offenen Armen empfangen, wenn der “Ehevertrag” mit Qualcomm ausgelaufen ist.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 16 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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