Die Frage der europäischen Abhängigkeit

Die Frage der europäischen Abhängigkeit

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China dauert nun schon mehrere Jahre und hat mit der Zeit auch einen zunehmend technischen Faktor bekommen. Die bekannteste Auswirkung ist sicherlich der Bann von Huawei, der aufgrund der fehlenden Android-Lizenz durch Google letztlich auch einen globalen Einfluss hat. Es gibt aber auch andere Beispiele wie der Streit um die App Grindr, die das chinesische Unternehmen Kunlun Tech, denen auch die Mehrheit am heutigen Opera gehört, auf Druck der USA wieder verkaufen musste.

Mittlerweile spitzt sich die Lage weiter zu und laut Außenminister Mike Pompeo denkt die US-Regierung auch darüber nach, populäre Apps aus China wie TikTok in den USA zu sperren und damit dem Beispiel von Indien zu folgen. Während uns dieses Vorgehen sicherlich eher egal sein kann, stellt sich trotzdem immer mehr die Frage, ob die Abhängigkeit Europas von den USA im digitalen Bereich nicht zu einem zunehmenden Problem wird. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Entscheidungen der USA für uns unmittelbare Folgen haben (können), sondern auch darum, dass sie, wie Nord Stream 2 gezeigt hat, gewillt sind, die europäischen Länder notfalls auch mit massiven Sanktionen unter Druck zu setzen.

Das Beispiel Mobilfunk

Der Bannstrahl gegen Huawei war ein deutlicher Warnschuss, die Liste der möglichen Kandidaten ist aber deutlich länger: Xiaomi, Realme, Oppo, ZTE, Nubia, OnePlus, TCL/Alcatel und nicht zuletzt auch Lenovo mit seinen Töchtern wie Medion oder Motorola sind weitere Kandidaten, die davon in Zukunft betroffen sein können. Das Ganze zieht sich dann bis zu Beteiligungen chinesischer Unternehmen an internationalen Software-Unternehmen, zu denen neben Opera auch andere große Vertreter wie Foxit Software oder Epic Games gehören, die den Publisher Tencent im Rücken haben.

Der Einfluss Chinas im Technologiebereich ist also immens, zumal auch klar ist, dass die USA hier ein hausgemachtes Problem haben. Motorola und Epic Games sind genau wie einst Grindr eigentlich US-amerikanische Unternehmen, die entweder chinesischen Unternehmen gehören oder durch starke Beteiligungen dieser gestärkt werden. Vor allem aber können beide Supermächte ohnehin nur miteinander, denn die seltenen Erden, wo China eine große Vormachtstellung hat, sind für die in den USA so enorm wichtige Technologiebranche unverzichtbar.

Für Europa, und damit auch für Deutschland, besteht die große Gefahr darin, in diesem Handelskonflikt zwischen den beiden Supermächten aufgerieben zu werden. Der Druck bei Nord Stream 2 hat gezeigt, dass die USA auch auf die europäischen Länder und ihre Unternehmen im Notfall massiven Druck ausüben würden, und wenn die USA den Europäern einen echten Schlag versetzen wollen würden, müssten sie nur bei den Technologieunternehmen ansetzen. Ohne Microsoft, Facebook, Amazon, Google oder Apple, um nur einige Beispiele zu nennen, geht in Europa (fast) nichts. Umso wichtiger ist es, dass in Zukunft eine dritte, eine europäische Säule neben der amerikanischen und der fernöstlichen entsteht.

Das digitale Europa

Wenn man das so liest, kann man verstehen, wenn einige Menschen dabei erstmal lachen müssen. Deutschland hat bis heute Probleme mit Funklöchern und beim Breitbandausbau, möchte mit den europäischen Partnern gleichzeitig aber mehr denn je OpenSource pushen und mit Projekten wie Gaia-X, Galileo oder Bergamot in die eigene Souveränität investieren. Tatsächlich existieren in Europa aber etliche Unternehmen, die auch international zu den absoluten Schwergewichten gehören. Gleichzeitig gab es auch in der Vergangenheit schon klangvolle Namen wie Opera, Skype oder Wunderlist, die in Europa ihre eigentliche Heimat haben.

Betrachtet man die Gegenwart, denkt man natürlich an andere Unternehmen. Zu den heutigen Schwergewichten gehören zum Beispiel Spotify beim Musikstreaming, JetBrains bei den Entwicklerwerkzeugen, TeamViewer in der Fernwartung oder Ubisoft und CD Projekt Red bei den Gaming-Publishern. Vor allem ist Europa aber die Heimat vieler großer OpenSource-Projekte. Die Liste ist denkbar lang: LibreOffice mit der Document Foundation mit Sitz in Berlin, die Krita Foundation und Blender Foundation mit Sitz in den Niederlanden, das VideoLAN-Projekt aus Frankreich oder natürlich die großen europäischen Linux-Distributionen wie Manjaro, openSUSE, Ubuntu oder Mageia.

Das sind nur einige Beispiele, aber es zeigt auch, dass die europäische Technikszene von den politisch Verantwortlichen zumindest teilweise bisher unter Wert verkauft wurde. Es geht dabei nicht nur um internationale Schwergewichte, zu denen sicherlich auch SAP oder Siemens weiterhin zählen, oder die starke OpenSource-Community, sondern auch die kleineren Unternehmen. Deutschland hat mit DeepL nachweislich einen der besten Übersetzungsdienste überhaupt und zumindest bei Behörden, der Polizei und ähnlichen Institutionen bestünde eigentlich kein Grund, sich von iOS und Android derart abhängig zu machen, würde man zum Beispiel Sailfish OS aus Finnland in diesem Bereich in Erwägung ziehen.

Eigene Konsequenzen

Natürlich bin ich nicht so naiv und denke, dass die Abhängigkeit von den USA oder anderen Ländern in einer globalisierten Welt wirklich jemals verschwinden wird. Alleine das Beispiel WhatsApp mit seinen rund 60 Millionen Nutzern in Deutschland zeigt schon, wie stark diese tatsächlich ausgeprägt ist. Gleichzeitig mache ich mir in den letzten Monaten aber auch zunehmend Gedanken darüber, ob es für mich nicht sinnvoll wäre, neben den beiden Schwerpunkten Microsoft und OpenSource-Software in Zukunft mehr Geld in Produkte aus anderen Regionen wie eben Europa oder auch Japan oder Südkorea zu stecken. Ich bin als einzelner Nutzer sicherlich ein kleines Licht, aber auch so kann man die Auswirkungen durchaus spüren.

Das Thema Smartphone ist so ein Beispiel, wo ich persönlich eine Überraschung wie mit Huawei gerne vermeiden möchte und mich bei anderen Herstellern wie Samsung oder Nokia umsehe. Gerade Nokia ist für mich auch eine Option, weil HMD Global abgesehen davon, dass die Firmenzentrale immer noch im finnischen Espoo ist, ansonsten weitgehend eine deutsche Angelegenheit ist. Es gibt mit Florian Seiche nicht nur einen deutschen CEO, sondern vor allem die Android-Entwicklung für Nokia findet auch noch im heimischen Ratingen in Nordrhein-Westfalen statt.

Abgesehen davon spiele ich auch an anderen Stellen mit dem Gedanken, gewisse Sachen zu verändern. Dazu gehören unter anderem ein möglicher Wechsel von Trello zu Zenkit bei der Projektplanung oder auch die zusätzliche Integration von GOG Galaxy, um neben Steam, Xbox, Origin und uPlay eine weitere Alternative bei den Gaming-Plattformen zu haben. Letztlich sind das auch nur Beispiele für kleine Schritte, aber wenn man bedenkt, wie unmittelbar die Nutzer den Bannstrahl gegen Huawei zu spüren bekommen haben und dass weitere Überraschungen nicht auszuschließen sind, wuchs in mir auch irgendwann der Gedanke und der Wunsch, mehr auf Sicht und Sicherheit zu fahren. Das heißt natürlich nicht, dass ich mich isolieren will oder Microsoft in Frage stelle, aber es bedeutet, dass es für mich persönlich sinnvoll ist, mich doch breiter aufzustellen.

Schlusswort

Betrachtet man in diesem Handelskonflikt das große Ganze, wird eigentlich klar, dass die USA im Techniksektor in der defensiveren Position sind. China kann im Zweifelsfall gut ohne die USA auskommen, aber umgekehrt herrscht wegen der Vormachtstellung bei den seltenen Erden, der Auslagerung an Auftragsfertiger wie Foxconn oder dem Einfluss großer chinesischer Unternehmen wie Tencent eine große Abhängigkeit der USA bei China vor. Unabhängig davon stellt sich für uns Europäer die Frage, ob die Rolle als Pufferzone zwischen den beiden Supermächten auf lange Sicht wirklich so gesund ist oder ob es nicht besser wäre, die eigene Technologiebranche besser zu unterstützen und hier eine dritte Säule aufzubauen.

Man wird gerade beim klassischen Consumer die große Abhängigkeit zu den US-Konzernen nicht abschwächen können und vielleicht ist das auch gar nicht sinnvoll, aber es wäre ein richtiger Schritt, wenn gerade die kritischen Infrastrukturen im Hintergrund komplett mit europäischen Technologien laufen würden. MariaDB statt MySQL, SAP Hana im Business-Umfeld, Ubuntu oder SUSE als Server-Distribution – die Technologien dafür haben wir allesamt. Gleichzeitig sollten in den Behörden und Institutionen vielleicht nicht unbedingt quelloffene, aber doch europäische Projekte den Vorzug bekommen, um hier keine unnötigen Risiken oder Abhängigkeiten zu generieren. Das kann Sailfish OS als mobiles Betriebssystem für Dienst-Smartphones und -Tablets sein, das kann aber auch in kleinerer Form mit Vivaldi als Browser, den Entwicklerwerkzeugen von JetBrains oder DeepL/Bergamot bei den Sprach- oder Übersetzungstechnologien stattfinden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Generell ist das für einen Microsoft-Blog ein besonderes, aufgrund der aktuellen Situation aber auch ein wichtiges Thema, weswegen mich hierzu auch mal eure Meinung interessieren würde. Brauchen wir neben der amerikanischen und der fernöstlichen auch eine europäische Säule als dritte Kraft, wenn es um den Technologiesektor geht? Schreibt eure Meinung dazu gerne in die Kommentare und lasst uns darüber diskutieren. Ich bin gespannt!

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Über den Autor
Kevin Kozuszek
  • Kevin Kozuszek auf Twitter
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden, daneben schlägt mein Herz aber auch für die OpenSource-Welt, wo mein besonderes Interesse der Mozilla Foundation gilt. Wenn ich mich mal nicht mit Technik beschäftige, tauche ich gerne in die japanische Kultur mit all ihren Facetten ab oder widme mich einem meiner zahlreichen anderen Hobbies.
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