Die Nächsten bitte: Mozilla stellt Firefox Voice und Voice Fill ein – Update 1

Die Nächsten bitte: Mozilla stellt Firefox Voice und Voice Fill ein - Update 1

Das Streichkonzert bei Mozilla geht in eine neue Runde. Wie das Unternehmen im eigenen Discourse-Forum mitgeteilt hat, hat man den Mozilla Speech Proxy Server am vergangenen Donnerstag abgeschaltet. Als Konsequenz werden damit auch die Projekte Voice Fill sowie Firefox Voice beendet. Die Erweiterungen zur Sprachsteuerung innerhalb von Firefox werden sich am 19. Februar 2021 selbst deinstallieren und können dann auch nicht mehr in Firefox aufgerufen werden.

Kleine Ergänzung: Die Einstellung des Dienstes wurde bereits vor rund 5 Monaten angekündigt und die Einstellung der entsprechenden Erweiterungen sowie die weiteren Folgen sind jetzt nur der Abschluss des Prozesses. Danke an Sören Hentzschel für den Hinweis

Die beiden Projekte reihen sich damit in eine mittlerweile lange Liste von Projekten ein, die Mozilla entweder eingestellt, an die Community übergeben oder an andere Organisationen wie die Linux Foundation abgetreten hat. Besonders bei Firefox Voice ist das in meinen Augen aber keine gute Entscheidung, denn hier wird eine Chance vertan, das Ganze direkt in den Browser zu integrieren und damit die Barrierefreiheit von Firefox nochmal sehr deutlich zu verbessern.

Dass Mozilla Geld verdienen und sich auch unabhängiger von den Einnahmen durch Suchmaschinen, die zum Großteil immer noch von Google kommen, machen möchte, ist grundsätzlich erstmal verständlich. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch dazu, dass man dabei nicht ständig die Mozilla Foundation als Muttergesellschaft und Non-Profit-Organisation vor Augen hat. Das ist zwar richtig, aber die Hauptarbeit bei Firefox unter dem Dach geht letztlich von der Mozilla Corporation aus, die ein ganz normales OpenSource-Unternehmen ist. Außerdem geht es hier auch nicht um irgendwelche Spenden, sondern neue Services wie Mozilla VPN, Firefox Relay, Mozilla Hubs oder auch etablierte wie Pocket Premium sind ganz klar Abomodelle, und spätestens hier darf man Mozilla nicht mehr anders oder wohlwollender behandeln als andere Unternehmen, die sich hier dem Wettbewerb stellen.

Das Problem sind zudem die fehlende Perspektive und Entscheidungen, die teilweise für manche einfach unverständlich sind. Mozilla hat momentan deutlich wichtigere Probleme als das Design von Firefox, wo mit Proton an dem Nachfolger von Photon gearbeitet wird. Gleichzeitig werden neuere Entwicklungen wie die Progressive Web Apps, die vor allem von Microsoft und Google derzeit sehr gepusht werden, nicht mehr umgesetzt und aus dem Desktop-Browser entfernt. Die Tatsache, dass frühere Services und Experimente von Mozilla wie Firefox Hello, Firefox Notes und Firefox Send ebenfalls sehr schnell wieder in der Versenkung verschwunden sind, fördert zudem nicht gerade das Vertrauen.

Klar ist, dass Mozilla mit Diensten wie Firefox Premium und Hubs Cloud auch ein Auge auf Unternehmenskunden geworfen hat, und aus Projekten wie Mozilla VPN oder Pocket lassen sich ebenfalls entsprechende Enterprise-Ableger formen. Gegenüber dem klassischen Consumer muss Mozilla aber mittelfristig eine klare Perspektive aufzeigen. Es wäre sicherlich kein Fehler, wenn man Ableger wie Firefox Klar und Firefox Lite beendet, wenn die Ressourcen dafür dem klassischen Firefox Browser zugute kommen. Das Gleiche gilt auch bei Firefox Lockwise, denn ein weiterer quelloffener Passwortmanager, der überall verfügbar ist und es hier auch mit Bitwarden aufnimmt, wäre sicherlich eine gute Möglichkeit, weiteres Geld in die eigenen Kassen zu spülen.

Mozilla ist immer noch ein wichtiger Player im Web und hat neben Firefox auch mit Projekten wie DeepSpeech und Rust gute Arbeit geleistet. Sie sind angesichts der Dominanz von Chromium aber auch nicht mehr diejenigen, die noch groß mit den Muskeln spielen können. Letztlich müssen sie mit einer klaren Perspektive aufzeigen, wie es in Zukunft weitergehen und Gecko neben Blink und Webkit2 weiterhin ein wichtiger Faktor bleiben soll. Momentan lassen die Ressourcen sicherlich noch keine großen Luftsprünge zu, für das Web im Allgemeinen und die weitere Entwicklung bei seinen Standards bleibt es aber wichtig, dass Firefox und damit Gecko weiterhin einen relevanten Marktanteil behält.

Update 31.01.2021:
Nachdem der Beitrag veröffentlicht wurde, hatte sich Sören Hentzschel via Twitter gemeldet und neben dem oben erwähnten Hinweis ist anschließend auch eine durchaus kontroverse Diskussion zwischen uns beiden entstanden. Danach hatte ich auch in einigen Punkten ein Einsehen und musste eingestehen, dass ich bei einigen Punkten wie Firefox Lockwise nicht vollständig auf der Höhe war. Einerseits muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass es bei Mozilla momentan wirklich schwierig ist, bei allen Punkten aktuell den Überblick zu behalten. Gleichwohl habe ich immer gesagt, dass ich auch für konstruktive Kritik dankbar und bereit bin, meine Fehler zu korrigieren. Entsprechend wurde der Beitrag jetzt in vielen Punkten, wo es möglich war, entschärft und ich habe dort, wo es notwendig war, auch Klarstellungen integriert.

Der wesentliche Punkt ist für mich einfach folgender: Egal wie man zu Mozilla als Unternehmen, Entwickler oder Foundation steht, letztlich hat Chromium mit Vertretern wie Edge, Chrome, Opera, Vivaldi oder Brave mittlerweile eine extreme Dominanz und eine unabhängige Entwicklung von neuen Webstandards wird in Zukunft dadurch auch nicht leichter. Das betrifft uns auf Windows umso mehr, denn aufgrund der Abstinenz von Safari und damit Webkit2 bleibt uns mit Gecko nur eine weitere relevante Plattform, und hier ist Firefox mit Abstand vor allen anderen einfach der wichtigste Vertreter. Dass Mozilla unter dem Gesichtspunkt weiterhin eine so starke finanzielle Abhängigkeit von Google hat, ist ein weiteres Problem, und mehr Diversität bei den Einnahmen umso wichtiger, damit auch die Unabhängigkeit von Mozilla hier gestärkt wird. Dafür vermisse ich aber eine klare Perspektive. Es passiert zwar etwas durch Projekte wie Firefox Relay oder Mozilla VPN, aber letzten Endes muss sich auch noch zeigen, dass sie das auch langfristig durchhalten. Frühere, wenn auch kostenlose, Dienste wie Firefox Hello wecken da in mir doch eine gewisse Skepsis.

Um es auch klar zu sagen: Sören und ich sind in einigen Punkten grundlegend anderer Meinung. In der konkreten Diskussion betraf das vor allem das Thema Progressive Web Apps, wo ich vor allem die Arbeit von Microsoft und Google sehe, während er die Ressourcen und die Erkenntnisse von Mozilla selbst im Blick hat. Das ist in Ordnung und wir hatten auf seinem Blog früher auch schon andere, zum Teil sehr intensive Diskussionen. Mir zeigt es vor allem, dass ich mich wieder mehr um die Quellen kümmern und Nebenrauschen besser rausfiltern muss, wenn es um Mozilla geht. Das gebietet nicht nur die Fairness, sondern auch euer Interesse an Neuigkeiten rund um Firefox, Thunderbird und anderen Projekten, die Mozilla (mit) entwickelt. Entsprechend werde ich mir unter anderem hierzu in nächster Zeit auch mehr Gedanken machen.

Danke an dieser Stelle auch nochmal an Sören für die Diskussion.

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Über den Autor
Kevin Kozuszek
  • Kevin Kozuszek auf Twitter
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden, daneben schlägt mein Herz aber auch für die OpenSource-Welt, wo mein besonderes Interesse der Mozilla Foundation gilt. Wenn ich mich mal nicht mit Technik beschäftige, tauche ich gerne in die japanische Kultur mit all ihren Facetten ab oder widme mich einem meiner zahlreichen anderen Hobbies.
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