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Die Probleme der Sprachassistenten – und eine mögliche Gelegenheit für Microsoft

Die Probleme der Sprachassistenten - und eine mögliche Gelegenheit für Microsoft

Sprachassistenten sind allgegenwärtig geworden, zumindest innerhalb der Technik-Blase, in der wir uns bewegen. Tatsächlich hat dieser Markt eine Durchdringung von ein bis zwei Prozent, der eigentliche Start steht uns also erst noch bevor. Google und Amazon haben das Feld im Moment besetzt und es scheint im Augenblick eher unwahrscheinlich, dass sich hier eine weitere Kraft etablieren kann. Aber auch die Marktführer haben ein Problem: Sie profitieren nicht so wirklich von diesem Erfolg.

Google lebt von der Websuche und vom Anzeigenverkauf, für die Suche im Netz wird der Google Assistant aber kaum benutzt. Amazon hat sich vom subventionierten Verkauf seiner Echo-Geräte erhofft, dass die Nutzer diese dazu nutzen, um weitere Waren einzukaufen – aber auch das passiert bislang nicht. Der Erfolg ihrer Assistenten zahlt sich für beide Unternehmen also nicht in barer Münze aus. Während Google den Assistant immerhin dazu nutzen kann, sein eigenes Ökosystem zu stärken, steht Amazon mit Alexa und dem Echo ein wenig isoliert da.

Die Entwicklung findet derzeit ohne Microsoft statt. Das ist offenbar auch so gewollt, die Redmonder haben bislang keinerlei Ehrgeiz erkennen zu lassen, im Orchester der Sprachassistenten mitzuspielen. Das könnte daran liegen, dass es auch für Cortana aktuell kein Geschäftsmodell gibt, wie ich vor einigen Monaten in diesem Beitrag erläutert habe.

In diesem Artikel war ich noch davon ausgegangen, dass sich das Business für Amazon und Google lohnt, inzwischen vorliegende Analysen haben aber das Gegenteil aufgezeigt. Dass es für Microsoft hier kein Geschäftsmodell gibt, stimmt insofern, als sich Cortana als „Marke“ erledigt hat. Ich hatte allerdings übersehen, dass darin auch eine Chance steckt – für denjenigen, der sie zuerst ergreift.

Warum die selbe Arbeit doppelt und dreifach machen?

Das A&O eines guten Sprachassistenten ist das Verständnis natürlicher Sprache. Der Nutzer will keine Liste von Befehlen auswendig lernen, sondern sich in ganz natürlicher Sprache mit einem Assistenten unterhalten und idealerweise auch dann noch verstanden werden, wenn er sich unklar ausdrückt.

Diese Herausforderung muss also jeder Anbieter eines Sprachassistenten meistern. Und es ist ja nicht so, dass nur Amazon oder Google aktiv sind. Da wären noch Microsoft, Samsung, die Deutsche Telekom oder diverse Autohersteller wie zuletzt BMW – unzählige Firmen investieren große Summen in die entsprechende Forschung und Entwicklung.

Was für eine Verschwendung von Ressourcen. Statt sich um die Entwicklung entsprechend intelligenter Funktionen für ihre Produkte zu kümmern, müssen überall zunächst die Basis-Arbeiten erledigt werden – immer und immer wieder.

Es wäre doch sehr viel sinnvoller, wenn ein Plattformanbieter genau diese Basis legt und diese dann an wen auch immer als Service lizenziert. Ein Dienst, der natürliche Sprache versteht und auch ansonsten alle technischen Voraussetzungen für den Betrieb eines Sprachassistenten mitbringt, und den der Lizenznehmer dann ganz für eigene Zwecke verwenden – und, ganz wichtig: Mit einem eigenen Branding versehen kann.

Ein solches Modell wäre radikal anders als das von Amazon oder Google. Es würde darauf zielen, nur die Technik bereitzustellen und selbst im Hintergrund zu bleiben – aber man könnte sich die Arbeit bezahlen lassen und das wäre unter dem Strich für beide Seiten ein lohnendes Geschäft. Die beiden Platzhirsche arbeiten in die andere Richtung, sie streben nach Weltherrschaft und träumen davon, alle Smart Home-Hersteller und deren Kunden in die Abhängigkeit zu treiben.

Das erwähnte Prinzip würde allerdings sehr gut zu dem passen, was Microsoft mit seinen Cloud-Diensten treibt – und sie könnten dabei nur gewinnen. Wenn ihr mich jetzt fragt, wo Microsoft plötzlich eine funktionierende, natürliche Spracherkennung herzaubern soll, noch dazu womöglich in mehreren Sprachen, dann sage ich: Ja, in der Tat, das frage ich mich auch. Ich frage mich allerdings auch, was wohl Javier Soltero so macht, der im März seinen Dienst als neuer Cortana-Chef angetreten hat. Seit seinem Antritt scheint es eine Art Nachrichtensperre zu geben, über Cortana wird seitdem überhaupt nicht mehr gesprochen. Warum ist das so? Bei all der berechtigten Kritik am desolaten Zustand von Cortana: Man tauscht nicht die Führung aus, damit diese nichts tut. Darum bin ich überzeugt, dass wir früher oder später wieder von Cortana bzw. der zugehörigen Technologie hören werden. Aber wohl erst, wenn es auch etwas zu erzählen gibt.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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