Digitalisierung nein danke: Das deutsche Schulsystem verharrt in der Kreidezeit

Digitalisierung nein danke: Das deutsche Schulsystem verharrt in der Kreidezeit

Der hessische Datenschutzbeauftragte Michael Ronellenfitsch hat festgestellt, dass Microsofts Office 365 nicht für den Einsatz an Schulen geeignet ist. Was zunächst nach schlechter Presse für Microsoft klingt, ist in Wahrheit noch viel schlimmer.

Korrekt müsste die Feststellung nämlich lauten: Nicht einmal Office 365 ist dem Datenschützer sicher genug, weil Inhalt und Umfang von Telemetriedaten nicht ausreichend geklärt seien und weil bei der Nutzung eines Cloud-Dienstes eines US-Unternehmens das grundsätzliche Risiko der Spionage durch staatliche Stellen besteht. Darum stellt Ronellenfitsch fest, dass auch die Dienste von Apple und Google aus Datenschutzgründen ausscheiden. (via heise)

Ich will die Datenschutz-Diskussion gar nicht erst neu eröffnen, weil es nämlich keine Lösung gibt. Es gibt keinen europäischen Cloud-Dienst. Zumindest Keinen, der erwähnenswert wäre. Sobald man irgendwelche Online-Dienste benutzt, hängt man an den USA. Und wir sollten aufhören zu träumen, dass dieser Weg umkehrbar sei. Vor 30 Jahren hätte man vielleicht versuchen können, ein europäisches Silicon Valley zu bauen, jetzt ist der Zug durch.

Die Angst vor den möglicherweise bösen amerikanischen Geheimdiensten können wir immer wieder aufwärmen, oder wir können dieses Risiko einfach als gegeben akzeptieren. Fest steht jedenfalls: Wenn unsere Kids echte Digitalisierung erleben sollen, dann führt an der Cloud kein Weg vorbei. Wir können drauf verzichten, aber dann werden wir eben gnadenlos abgehängt, wenn wir das nicht sowieso schon längst sind.

Der Grund, warum sich viele deutsche Datenschützer ausgerechnet immer wieder an Office 365 reiben, ist meiner Meinung nach nicht, dass man Microsoft für besonders böse hält. Im Gegenteil: Es ist der einzige Anbieter, bei dem man sich Hoffnungen machen darf, eine wenigstens halbwegs tragbare Lösung zu bekommen.

Auf Druck der deutschen Kunden hat Microsoft vor Jahren die hochsichere „Deutsche Cloud“ ins Leben gerufen. Als die Kunden dann aber sahen, was ein solches Produkt in seiner vollen Konsequenz bedeutet, nämlich höhere Kosten bei weniger Funktionalität, wollten sie das dann doch nicht mehr haben. Jetzt baut Microsoft immerhin Rechenzentren auf deutschem Boden und bemüht sich um Transparenz. Kein Zweifel, dass sie dabei noch besser werden können, aber sie könnten auch ebenso sagen: „Wisst ihr was, liebe Deutsche, das wird uns jetzt echt zu anstrengend. Wir verzichten dann einfach auf das Geschäft mit euch“.

Wir sollten unseren Status als große Wirtschaftsmacht in diesem Zusammenhang nicht zu wichtig nehmen. Deutschland ist sicher ein Land, in dem man mit der Cloud gutes Geld verdienen kann, zum Überleben wird es aber nicht gebraucht. Umgekehrt wird schon eher ein Schuh draus. Wenn wir beim Thema Digitalisierung die „German Angst“ nicht endlich überwinden, dann werden unsere Kinder einen fürchterlichen Preis dafür zu bezahlen haben.

Glücklicherweise passiert die Digitalisierung aber doch: Da, wo man keine offiziellen Lösungen anbietet, weil sie ja gefährlich sein könnten, greift man zur Selbsthilfe. Statt Microsoft Teams for Education gibt’s dann halt WhatsApp-Gruppen und Dateien werden auf private Cloudspeicher hochgeladen. Da hat sich der ganze Aufwand für den Datenschutz dann aber so richtig gelohnt.

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Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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