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Ein Jahr „HomeOffice extrem“: Lerneffekte und Zukunftswünsche

Ein Jahr "HomeOffice extrem": Lerneffekte und Zukunftswünsche

Seit mittlerweile einem Jahr – sogar schon ein wenig länger – hat uns Corona fest im Griff. Damit verbunden ist eine exorbitante Zunahme der Heimarbeit, auch für mich. Ich gehöre zu den Menschen, die schon vorher oft und gerne im HomeOffice gearbeitet haben, und trotzdem hat sich auch für mich in den vergangenen 12-13 Monaten sehr viel verändert.

An meinen persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen habe ich die Leser von Dr. Windows teilhaben lassen. Im Artikel Plötzlich HomeOffice: Man geht nicht einfach heim und arbeitet habe ich ein paar Erkenntnisse in der Hoffnung niedergeschrieben, sie mögen für die „Neu-Heimarbeitenden“ hier und da hilfreich sein.

Obwohl ich ein großer Fan des HomeOffice bin, musste ich im Lauf der Zeit feststellen, dass es sehr wohl eine schädliche Dosis gibt, die man nicht überschreiten bzw. deren Begleiterscheinungen man kennen und bekämpfen sollte. Das Feedback, welches ich auf den Artikel HomeOffice Koller: Die Gefahr ist real erhalten habe, war überwältigend. Sogar jetzt erreichen mich noch Zuschriften von Leuten, die sich darin wiederfinden.

Seit diesem Beitrag sind wieder ein paar Monate vergangen, an der grundsätzlichen Situation hat sich allerdings nichts geändert. Dennoch haben sich für mich wieder ein paar neue Erkenntnisse und Lerneffekte ergeben, die ich darum wieder mit der Leserschaft teilen möchte. Ich hoffe auf eine angeregte Diskussion in den Kommentaren.

Die „Ich bin ja sowieso zu Hause-Falle“

Im Artikel „Plötzlich HomeOffice“ hatte ich beschrieben, wie wichtig es ist, sich bei der Heimarbeit selbst zu organisieren, den Tagesablauf zu planen und sich zu überlegen, wie man auch unter erschwerten Bedingungen fokussiert arbeiten kann. Viele dieser Erkenntnisse habe ich für mich selbst umgesetzt, und bedingt durch die lange Zeit, die dieser Zustand nun schon anhält, komme ich grundsätzlich besser zurecht. Übung zahlt sich eben aus.

Ein Problem, mit dem ich allerdings noch kämpfe, habe ich die „Ich bin ja sowieso zu Hause-Falle“ getauft. Das betrifft hauptsächlich private Vorhaben, denn HomeOffice und die Vermischung von Berufs- und Privatleben gehen Hand in Hand. Für Viele war das im letzten Jahr eine neue Erfahrung, auf die sie unterschiedlich reagiert haben.

Ich kenne Menschen, die darunter leiden, ich kenne aber auch Menschen, die vorher eine strikte Trennung von Präsenzarbeit und Heimfreizeit praktizierten und die jetzt feststellen, dass die Vermischung auch Vorteile mit sich bringt. Ein Patentrezept dafür gibt es nicht, die Menschen sind nun mal verschieden.

Ich selbst trenne nichts mehr. Ich habe ein Leben, und in dem kommen sowohl Arbeit als auch Freizeit vor. Mit Uhrzeiten hat das für mich nichts mehr zu tun.

Aber ich schweife ab, zurück zum Thema: Wenn es darum geht, etwas zu planen, sage und denke ich oft „ich bin flexibel, ich bin ja sowieso zu Hause“. Aber auch spontane (meist private) Einfälle werden oft ebenso spontan umgesetzt. Das führt dazu, dass mein Tag manchmal in zu viele separate Ereignisse aufgeteilt wird, mit dem Ergebnis, dass man am Ende des Tages nicht selten das Gefühl bekommt, nichts erledigt zu haben.

Eine echte Lösung habe ich für mich noch nicht gefunden. Eine Idee, die mir durch den Kopf geht, ist die Festlegung von „Schreibtisch-Zeit“. Das heißt, ich plane einen Zeitblock ein, den ich so am Schreibtisch verbringe, als wäre ich im Büro. Jegliche Privatangelegenheiten sind in dieser Zeit tabu, entsprechende Störungen werden nicht zugelassen, und wer etwas von mir will, hat eben Pech. Wäre ich im Büro, dann wäre ich ja auch nicht greifbar.

Vielleicht werde ich das mal versuchen, allerdings nicht, ohne es vorher mit meiner Frau zu besprechen. Eigentlich will ich das nicht auf diese Art lösen, weil es sich wie ein Rückschritt anfühlt, aber wenn es mich effizienter macht, dann werde ich das zumindest so lange praktizieren, bis ich eine bessere Idee habe.

Tote Tage ohne schlechtes Gewissen akzeptieren

Der nun folgende Punkt betrifft eher Angestellte als Selbständige. Ich bin ein Zwitter, aber was ich im Folgenden aufschreibe, hat ausschließlich mit meiner Tätigkeit als Angestellter zu tun.

Wer in einem Beruf arbeitet, bei dem die Arbeitsleistung nicht unmittelbar an einem produktiven Output gemessen werden kann, der kennt mit Sicherheit das Problem der „toten Tage“. Jene, an denen man wie oben schon erwähnt dasitzt und denkt „was habe ich heute eigentlich geleistet?“

Ein Handwerker kann auf sein Tagwerk schauen und sieht, was er geschafft hat. Bei einem Systemplaner, Projektmanager oder Softwareentwickler ist das manchmal deutlich schwieriger. Man verbringt den Tag, indem man über ein Problem grübelt, schwierige Gespräche führt oder stundenlang ergebnislos nach einem Fehler sucht. Am Abend stellt man fest, dass man keine oder nur wenige Fortschritte erzielt hat. Frustriert zieht man das Fazit: „Eigentlich habe ich heute gar nichts getan. Es war ein toter Tag.“

Diese Problematik hat nichts mit HomeOffice zu tun, tote Tage habe ich im Büro bereits zur Genüge erlebt. Im HomeOffice haben sie mir aber lange Zeit ein überaus schlechtes Gewissen bereitet.

Bei der Präsenzarbeit erbringt die Zeiterfassung zumindest den Nachweis, dass ich anwesend war und damit dem Unternehmen den vertraglich vereinbarten Anteil meiner Lebenszeit zur Verfügung gestellt habe. Im Homeoffice gibt es aber nichts, was in seinem solchen Fall beweist, dass dieser Tag tatsächlich ein Arbeitstag war. Es ist daher umso wichtiger, sich klarzumachen, dass diese „toten Tage“ dazugehören. Sie sind in manchen Berufen unvermeidlich, sie sind eine oft notwendige Etappe auf dem Weg zum Gesamterfolg. Man muss deshalb kein schlechtes Gewissen haben.

Und wie geht’s weiter?

Zu Beginn der Pandemie wurde schnell der Begriff der „neuen Normalität“ geboren, in der wir jetzt leben. Dagegen habe ich mich gesträubt, auch weil ich so naiv war zu glauben, die Phase wäre nicht lang genug, um nachhaltige Veränderungen herbeizuführen. Da ein Ende noch nicht absehbar ist, kann ich diesen Punkt streichen, dennoch wehre ich mich noch immer vehement, aus der gegenwärtigen Situation irgendwelche Prognosen herzuleiten.

Viele Dinge, die vor einem Jahr neu und ungewohnt waren, wurden zur Routine. „Normal“ ist hier aber noch gar nichts, dafür ist unser aller Leben nach wie vor zu außergewöhnlich.

Eine Bitkom-Studie ergab Anfang März, dass sich nur 12 Prozent dauerhaftes Arbeiten im HomeOffice vorstellen können, die überwältigende Mehrheit will zurück ins Büro. Ich persönlich glaube, dass der Anteil deutlich höher wäre, wenn die Befragten ein normales Freizeitleben mit entsprechenden sozialen Kontakten hätten. Ich will einfach wieder mehr Zwischenmenschlichkeit erleben, das müssen aber nicht unbedingt meine Kollegen sein (obwohl ich sie alle mag).

Ich mache meine Behauptung auch daran fest, dass 38 Prozent der von Bitkom befragten Personen zwar wieder in die Firma wollen, aber dort am liebsten ein Einzelbüro hätten. Man will die Kollegen also schon gerne wiedersehen, bei der Arbeit aber möglichst nicht gestört werden. Dass nur ein Prozent das Großraumbüro bevorzugt, dürfte keine Auswirkung von Corona sein. Wer will schon in einer Wartehallen-Atmosphäre arbeiten.

Das Motto für die nähere Zukunft heißt abwarten, sich mit der Situation arrangieren, auf sich und andere achten. Nicht nur im Beruf, sondern natürlich auch im Privaten. In welcher Form Corona unsere Arbeitswelt tatsächlich nachhaltig verändert hat, werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren rückblickend sagen können.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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