Epstein-Akten liefern unerwartete Einblicke in Microsofts Panik rund um das Surface RT
Die Geschichte von Microsofts Surface-Reihe startete mit einer gewaltigen Katastrophe. Das ARM-basierte Surface RT war ein Flop, am Ende musste Microsoft Hardware im Wert von 900 Millionen Dollar abschreiben.
Wer hätte erwartet, dass uns die Epstein-Akten einen unverhofften Einblick in Microsofts Top-Management gewähren? Und das zu einem Thema, das man dort vermutlich noch weniger erwartet?
Wie es scheint, hat der damalige Windows-Chef Steven Sinofski mehrere vertrauliche E-Mails an Jeffrey Epstein weitergeleitet (via WindowsCentral). Möglicherweise wollte er sich von ihm Ratschläge einholen, wie er sich seinen Abgang bei Microsoft nach dem Fehlstart von Windows 8 finanziell bestmöglich versüßen lassen kann.
Aus diesen E-Mails geht hervor, wie deutlich Sinofski davor gewarnt hat, auf einem Berg unverkaufter Surface RT’s sitzen zu bleiben. Microsofts damaliger CEO Steve Ballmer und Finanzchef Kevin Turner hatten dazu unterschiedliche Ansichten. In welcher Zwickmühle sich Microsoft damals befand, geht aus dem veröffentlichten Schriftwechsel deutlich hervor.
„Wir befinden uns wirklich in einer sehr schwierigen Lage und ich habe das Gefühl, dass wir kurz vor einer ausweglosen Situation stehen“, schreibt Sinofsky in einer E-Mail an Ballmer. „Wir werden sehr bald auf einem sehr großen Lagerbestand sitzen und es gibt keine wirkliche Möglichkeit, den Absatz mit dem Lagerbestandswachstum Schritt halten zu lassen, es sei denn, wir stellen die Produktion ein, was erhebliche Auswirkungen hätte.“
Sinofskis empfiehlt dem Microsoft-Chef anschließend, die Flucht nach vorn anzutreten:
„Die Lösung besteht darin, unsere Einzelhandelspräsenz außerhalb der USA so schnell wie möglich auszubauen und unsere Einzelhandelspräsenz in den USA zu erweitern … Mein Vorschlag ist, ab Montag schnell zu handeln und Mitarbeiter in Flugzeuge zu setzen, um Geschäfte abzuschließen. Wenn wir dies nicht sofort tun wollen, müssen wir etwas in Bezug auf die Produktion unternehmen, da wir einen Lagerbestand erreichen werden, der 2013 nicht verkauft werden kann.“
Ballmers Antwort darauf fällt knapp aus. „Das ist eine wichtige Entscheidung, die Auswirkungen auf Verbraucher, Einzelhändler und OEMs hat. Unsere OEMs wären angesichts ihrer Erwartungen sicherlich verärgert. Der Zeitpunkt lässt keine Rücksichtnahme zu. Ich möchte hier aber keinen Fehler machen.“
Sinofsky legt dann noch einmal nach: „Surface steht kurz vor einem katastrophalen Scheitern, das sehr öffentlich werden wird. Wir wissen nicht, wie wir erklären sollen, dass wir trotz niedrig angesetzter Erwartungen nur ein Zehntel der Geräte verkauft haben. Das wird sich sehr schnell herumsprechen. Ohne dieses Produkt gibt es keine langfristige Perspektive.“
Finanzchef Kevin Turner war zu diesem Zeitpunkt noch entspannt und empfahl eine Kommunikation im typischen Microsoft-Stil.
„Die Erklärung unserer Surface-Verkäufe während der Weihnachtszeit ist meiner Meinung nach sehr positiv, einfach und unkompliziert … Es ist außerdem auch die Wahrheit … Der Kern unserer Botschaft lautet: „Wir sind neu im PC-/Tablet-Hardwaregeschäft. Wir haben den Vertrieb bewusst auf unsere eigenen Geschäfte und den Online-Handel beschränkt, um mehr über das Produkt und dessen Akzeptanz bei den Verbrauchern zu erfahren und um unsere Fertigung, Lieferkette und Logistik zu optimieren, damit wir es 2013 in den Massenmarkt bringen können. Die Resonanz der Verbraucher war unglaublich, unsere Geschäfte wurden von Kunden überrannt, die mehr über Surface erfahren wollten, und die Verkaufszahlen der Geräte haben unsere Erwartungen übertroffen. Mit der Einführung unserer Pro-Version im ersten Quartal 2013 sind wir nun in der Lage, dieses wunderbare Produkt über unsere Vertriebspartner im Einzelhandel allen zugänglich zu machen. Ich denke, dies ist eine der einfachsten Geschichten, die wir je erzählt haben.
Dass man damit den OEMs voll in die Parade fahren würde, hatte Turner aber ebenso auf dem Schirm. Wie wir wissen, hatten viele PC-Hersteller damals Angst, Microsoft würde vom Partner zum Konkurrenten mutieren. Heute wissen wir, dass dieser Fall nie eingetreten ist, seinerzeit sahen die OEMs diese Bedrohung aber gegeben.
Im weiteren Verlauf legt Sinofsky noch einmal nach und schreibt, die Kosten für ein Einstellen der Produktion wären astronomisch hoch. Darum müsse man sofort handeln, um so viele Geräte zu verkaufen wie möglich.
Bekanntermaßen ist das nicht gelungen. Die erste Generation endete mit der oben erwähnten Abschreibung, dennoch gab es mit dem Surface 2 noch einen Nachfolger, ehe die Geschichte ARM-basierter Windows-Geräte vorerst zu Ende ging. Immerhin gab es in diesem Punkt ein spätes Happy End.
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Über den Autor

Martin Geuß
Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 19 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!


