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Firefox 57: Die große Vorschau auf die nächste Generation des Browsers

Firefox 57: Die große Vorschau auf die nächste Generation des Browsers

Mit Firefox 57 erscheint am 14. November eines der bedeutendsten Releases in der nun mehr als 10-jährigen Geschichte des Browsers, bei dem Mozilla einiges anders machen und mit vielen alten Traditionen brechen wird. Neben der neuen Designsprache Photon, welche den bisherigen Vorgänger Australis ablösen wird, finden sich auch unter der Haube dabei etliche Neuerungen, die Firefox vor allem in den Punkten Sicherheit und Performance deutlich zulegen lassen.

In diesem Artikel wollen wir uns einmal Stück für Stück anschauen, was sich genau ändern wird und worauf sich die Nutzer freuen können. Damit das Ganze auch deutlich anschaulicher wird, habe ich die einzelnen Punkte mit entsprechenden Screenshots und zum Teil auch Videos unterfüttert. Die Screenshots selber wurden bereits zu einem früheren Zeitpunkt mit der Firefox Developer Edition (damals FF 57.0b3) erstellt. Da im Rahmen der Betaphase aber nur noch Bugs gefixt und an der allgemeinen Stabilisierung gearbeitet wird, hat das auf die nachfolgenden Erläuterungen keine großen Auswirkungen.

Photon

Das Thema Design war bei Firefox in den vergangenen Jahren immer ein heikleres Thema und hat die unterschiedlichen Geschmäcker ziemlich gespalten. Der Vorgänger Australis, welcher mit Firefox 29 erstmals eingeführt wurde und bis einschließlich Firefox 56 zum Einsatz kam, brachte Mozilla den Ruf ein, mit der damals neuen Designsprache Google Chrome immer stärker nachzueifern und zu stark an Individualität einzubüßen. Der Name „Chromefox“ machte schnell die Runde und Erweiterungen wie der Classic Theme Restorer schossen wie Pilze aus dem Boden, um die Uhr designtechnisch wieder zurück zu drehen.

Mit Photon kommt nun also der Nachfolger und dieser macht gleich zum Start schon einige Dinge anders. Eine wesentliche Besonderheit war hierbei, dass Photon als Teil des größeren Quantum-Projekts entwickelt wurde und hier die unterschiedlichsten Teams von Mozilla gemeinsam in einer integralen Art und Weise am neuen Produkt gearbeitet haben. Das Ergebnis ist eine Designsprache, die Firefox nicht nur aus technischer Sicht, sondern auch gefühlt deutlich schneller und performanter erscheinen lassen soll. Hierfür hat Mozilla auch auf Technologien wie Eye-Tracking zurückgegriffen und alle Erkenntnisse sind am Ende direkt in Photon eingeflossen.

Die neue Startseite

Mit Firefox 57 bekommt Mozillas Browser erstmals in seiner Geschichte eine einheitliche Startseite, welche die alte Startseite mit der Seite in einem neuen Tab zusammenfasst. Die neue Startseite kann dabei umfassend angepasst werden, sodass je nach Gusto die Suchleiste, bis zu zwei Reihen mit den häufigsten oder angepinnten Seiten und auch Empfehlungen von Pocket, welche mittlerweile zu Mozilla gehören, eingeblendet werden können. Nachrichten und andere Informationen von Mozilla, die bisher immer auf der alten Startseite erschienen sind, können separat deaktiviert oder aktiviert werden. Wer seine Startseite lieber ganz leer mag, muss im Einstellungsmenü nur alle Häkchen entfernen.

Themes und Modi

Mit Firefox 57 schneidet Mozilla auch beim Thema Theming alte Zöpfe ab und stattet Firefox mit einer komplett neuen Engine aus. Zwei besondere Merkmale sind dabei unterschiedliche Darstellungsmodi sowie je ein neues Light und Dark Theme, welche nach Lust und Laune miteinander kombiniert werden können.

Bei den Darstellungsmodi bietet Firefox neben einem platzsparenderen Kompaktmodus auch eine Touch-Variante, die die Bedienung besonders auf mobilen Geräten wie Convertibles vereinfachen dürfte.

Anpassbarkeit

Das Anpassungsmenü, welches auch beim Vorgänger Australis zum Einsatz kam, blieb im Wesentlichen unverändert. Wie bisher ist es möglich, die Titel- sowie eine eigene Menüleiste (permanent oder temporär via ALT) einzublenden und die einzelnen Standardthemes hier zu konfigurieren. Dennoch hat sich einiges geändert. Eine wesentliche Neuerung ist, dass man in der Navigationsleiste zukünftig flexible Leerräume integrieren und so für mehr Übersicht sorgen kann. Wer eine eigene Suchleiste bevorzugt, kann diese natürlich auch weiterhin dort verstauen.

Eine Sache, die Mozilla mit Firefox 57 abgeschafft hat, ist die Möglichkeit, entsprechende Symbole ins Hamburgermenü zu integrieren. Als Ersatz gibt es in der Navigationsleiste nun ein Überhangmenü, welches sich bei Bedarf aktiviert. Um es zu nutzen, kann man wie bisher über das Anpassungsmenü gehen oder vollzieht einfach einen Rechtsklick auf ein vorhandenes Symbol in der Navigationsleiste, um die entsprechende Funktion dort zu verstecken.

Neue Menüstruktur

Mit Firefox 57 schafft Mozilla das symbollastige Menü des Vorgängers Australis ab und setzt bei Photon wieder auf eine statische Variante. Wie bereits erwähnt ist diese nicht mehr anpassbar, soll aber durch einen neuen Aufbau schneller als bisher Zugriff auf die wichtigsten Funktionen erlauben. Neben dem neuen Hamburgermenü hat Mozilla auch eine neue Seitennavigation innerhalb der Adressleiste eingeführt.

In diesem zusätzlichen Menü sind unter anderem Funktionen wie Firefox Screenshots, Pocket (was auch nochmal extra auftauchen kann) und die Bookmarks untergebracht. Außerdem findet man hier in Zukunft auch das Send Tab-Feature, welches mit Continue on PC von Microsoft vergleichbar ist und geöffnete Tabs nahtlos zwischen den unterschiedlichen Plattformen umherreichen kann.

Teilen-Funktion

Lange Zeit verfügte Firefox über eine integrierte Teilen-Funktion, die ein schnelles Posten von Nachrichten innerhalb sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter erlaubte. Mit Firefox 57 gliedert Mozilla diese Funktion aus dem Browserkern aus. Wer diese Funktion in Zukunft gerne weiterhin nutzen möchte, braucht die Erweiterung Share Backported, die über AMO zu bekommen ist.

Der neue Unterbau

Drei Schlagworte stehen für das, was sich am Unterbau von Firefox elementar ändern wird: Quantum, Stylo und Electrolysis. Letzteres ist bereits länger bekannt und markiert die Multiprozess-Architektur, die bereits seit einigen Monaten nach und nach ausgerollt wird und Firefox deutlich widerstandsfähiger bei Abstürzen macht. Hinzu kommt die neue CSS-Engine Stylo, welche als Quantum CSS in den Browser einzieht und Teil der Rendering-Engine ist. Stylo entspringt dem Forschungsprojekt Servo und versetzt Firefox in die Lage, neue Technologien wie Parallelisierung beim Laden von Seiten zu nutzen. Das Endergebnis ist ein massiver Geschwindigkeitsgewinn. Wer sich genauer damit auseinandersetzen will, findet einen entsprechenden Blogpost hier.

Wichtiges Element ist aber die neue Rendering-Engine Quantum. Man kann sich grundsätzlich darüber streiten, ob man Quantum als eigene Engine werten möchte oder nicht, aber Tatsache ist, dass sie das Bindeglied zwischen der bisherigen Engine Gecko und der NextGen-Engine Servo ist und im weiteren Verlauf immer mehr Teile von Gecko gegen jene von Servo dabei ausgetauscht werden. Mit Quantum denkt Mozilla in vielen Punkten neu, wie die Rendering-Engine mit Seiten umgeht und daher unterscheidet sich Quantum auch in einigen Punkten deutlich von seinen Konkurrenten wie Blink oder EdgeHTML. Das Endergebnis ist eine Verdoppelung der Geschwindigkeit gegenüber Firefox 49 und ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Google Chrome, weil es momentan noch auf den Umfang der jeweiligen Website ankommt, welcher der beiden nun schneller ist. Allerdings kann Firefox bei nahezu gleicher Leistung nach Angaben von Mozilla mit einem konstant besseren Ramverbrauch punkten.

Rust

Auch wenn es nicht direkt mit Firefox 57 zu tun hat und bereits seit ein paar Monaten immer mehr Komponenten von Firefox in der neuen Programmiersprache Rust entwickelt werden, möchte ich den Einfluss von Rust trotzdem nochmal kurz hervorheben. Rust hat auch deswegen einen großen Anteil an dem Umbruch, weil viele Teile der neuen Engine in ihr geschrieben wurden. Vor allem bietet Rust aber einen großen Vorteil: Sie ist standardmäßig sicher. Damit ist gemeint, dass sie durch ihren Aufbau vor allem gegenüber Speicherfehlern und Pufferüberläufen deutlich resistenter ist und die Gefahr, dass entsprechende Probleme wie die, mit denen sich zum Beispiel der Adobe Flash Player regelmäßig rumschlagen muss, weitgehend ausgeschlossen werden kann. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Rust, anders als bekannte Sprachen wie etwa Microsofts C#, keinen eigenen Garbage Collector nutzt, sondern auf ein besonderes Typensystem zurückgreift.

Rust gibt es seit 2010, die erste stabile Version wurde 2015 veröffentlicht.

WebExtensions

Der große Zankapfel bei all den Neuerungen ist sicherlich das neue Erweiterungssystem, was Mozilla bei Firefox 57 zur Pflicht macht und mit dem alle bisherigen Addon-Systeme zusammengefasst werden. Hierzu gibt es auch kaum etwas zu verlieren. Die WebExtensions sind vor allem deswegen elementar wichtig, weil ohne sie viele der Neuerungen, die ansonsten mit dem neuen Unterbau kommen, kaum oder gar nicht möglich gewesen wären. Außerdem ist es schon seit langem bekannt, dass Mozilla sich von sehr alten Technologien wie XUL trennen möchte. Mit Firefox 57 kommt nun also ein härterer Einschnitt, der alle Addons, die noch nicht auf die neue API umgestellt worden sind, inkompatibel werden lässt.

Wer Firefox ESR verwendet, bekommt noch einige Monate Schonfrist. Die entsprechenden Neuerungen werden hier ist im Laufe des Frühsommers 2018 eintrudeln.

Der Rest vom Fest

Neben den großen Neuerungen bringt Firefox 57 wie bisher auch einige Detailverbesserungen, die hier nicht unerwähnt bleiben und damit unters Radar fallen sollen. So wurde der Support für AMD VP9  Hardware Video Decoding hinzugefügt, um das Video-Playback bei geringerem Ramverbrauch zu verbessern. Das Autoscroll-Feature unterstützt jetzt asynchrones Scrollen und Nutzer können nun Seitendaten besser verwalten. In letzter Minute hat Mozilla zudem noch den Trackingschutz aus dem Privaten Modus auch für das normale Surfen aktiviert.

Wer sich weiter in die kleinen Verbesserungen einlesen möchte, findet mehr Informationen in dem entsprechenden Changelog der Betaversion.

Was bringt 2018?

Über die weitere Zukunft kann man bisher nur vereinzelt etwas sagen, dennoch sind einige Sachen bereits bekannt. Vor einiger Zeit hatte Mozilla bereits angekündigt, erhebliche Verbesserungen im Bereich Mixed Reality zu bringen und möchte unter anderem WebXR als neue Technologie hierfür vorantreiben. Außerdem arbeitet man intensiv mit dem Tor-Projekt zusammen und so werden nach und nach Features, über die der Tor-Browser bereits verfügt, auch in Firefox integriert. Eine dieser Neuerungen ist ein Schutz gegen das Canvas Fingerprinting, welcher bereits mit Firefox 58 folgen wird.

Ansonsten geht es vor allem darum, Firefox smarter zu machen. Die entsprechenden Schlagworte lauten hier Activity Stream und Context Graph. Was das im Alltag in der Praxis bedeutet, sieht man unter anderem an der Zusammenarbeit mit Cliqz, an denen Mozilla seit geraumer Zeit eine Minderheitsbeteiligung hält. Außerdem hatte Chris Beard, der CEO der Mozilla Corporation, in einem Interview mit cnet zuletzt angedeutet, dass auch Aktivitäten im Bereich der Freemium-Modelle ausgelotet werden. Hierbei sei aber betont, dass diese grundsätzlich optional sein würden. Es wird im Gegensatz zu anderen Anbietern immer eine große kostenlose Variante bleiben und bei Mozilla geht es auch eher darum, neben den bekannten Optionen wie dem Shop oder den Donations eine weitere Säule zu schaffen, um noch unabhängiger von externen Geldgebern zu werden und nicht mehr in eine Abhängigkeit zu geraten, wie man sie lange mit Google hatte. Eine Bezahlpflicht soll es aber nicht geben.

Abgesehen davon soll die Firefox-Familie an sich weiter wachsen. Nachdem es mit Firefox Focus (bei uns aufgrund den Namens einer bekannten Nachrichtenseite Firefox Klar) eine App gegen Tracking und Werbung gibt, startete Mozilla vor kurzem mit Firefox Rocket einen zweiten Spezialbrowser, der zunächst nur für Indonesien freigegeben wurde und dafür da ist, mobiles Datenvolumen einzusparen. Hierfür werden, vergleichbar mit Opera Turbo, Daten komprimiert und man kann das Laden bestimmter Elemente wie Bildern deaktivieren.

Und jetzt ihr!

Das ist er also, der runderneuerte Firefox. Am kommenden Dienstag, den 14. November, wird er allen, die nicht im ESR-Channel sind, über die integrierte Updatefunktion zur Verfügung stehen. Wer das Update manuell anstoßen möchte, dürfte so ab etwa 17 oder 18 Uhr damit rechnen, dass die neue Version auf den entsprechenden Servern liegt (zumindest ist das bei mir immer die Zeit, wann es ungefähr klappt).

Falls ihr noch Fragen habt, gerne damit in die Kommentare.

Über den Autor

Kevin Kozuszek

Kevin Kozuszek

Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und der Entwicklerplattform zu berichten hat. Regelmäßige News zu Mozilla und meinem digitalen Alltag sind auch dabei.

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