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Fotosammlung auf OneDrive: Erst kam die Kontosperre, dann der Staatsanwalt

Fotosammlung auf OneDrive: Erst kam die Kontosperre, dann der Staatsanwalt

Wir haben an dieser Stelle schon öfter über die Problematik gesprochen, dass Microsoft-Konten wegen mutmaßlich illegaler Dateien auf OneDrive gesperrt werden. Heute möchte ich euch von einem vor allem für den Betroffenen besonders krassen Fall berichten.

Eine Sache vorweg: Auch wenn in diesem Artikel aus hoffentlich verständlichen Gründen keine Namen genannt und keine Dokumente gezeigt werden können: Ich habe alle wichtigen Unterlagen dazu vorliegen und konnte mich vom Wahrheitsgehalt überzeugen, ansonsten würde ich ein derart sensibles Thema hier gar nicht aufgreifen. Es geht mir auch weniger darum, die Sache zu skandalisieren, vielmehr möchte ich einmal mehr für die Problematik sensibilisieren und die Risiken aufzuzeigen.

Wer die früheren Berichte dazu noch nicht kennt, kann sich die zum Gesamtverständnis teilweise notwendigen „Vorkenntnisse“ hier anlesen:

Nun zum eigentlichen Vorfall. Der Betroffene, von dem ich hier spreche, war einer von inzwischen weit über einhundert Lesern, die sich bei mir meldeten und berichteten, ihr Microsoft-Konto sei scheinbar grundlos gesperrt worden.

Es war im August 2020, als er mir schrieb, dass er seine recht umfangreiche, bereits auf OneDrive liegende Fotosammlung umorganisiert habe, es wurden also neue Ordner angelegt und die Bilder dort einsortiert. Etwa zwei Stunden später erfolgte die Sperre mit den üblichen Konsequenzen: Es war kein Zugriff mehr auf OneDrive möglich, nicht lokal gespeicherte Daten waren also verloren, die Outlook-Mailadresse wurde deaktiviert und Spiele im Wert von über 1.000 Euro, die über das Xbox-Konto gekauft wurden, waren ebenfalls weg.

Auf Nachfrage teilte der Microsoft Kundendienst mit, dass dieses Konto wegen eines schwerwiegenden Verstoßes gegen den Servicevertrag geschlossen wurde. Der Zusammenhang mit OneDrive lag in diesem Fall recht eindeutig auf der Hand, obwohl gar keine neuen Dateien hochgeladen wurden. Offenbar hat das Verschieben der Dateien ausgereicht, um die automatisierte Überprüfung auszulösen.

Ich konnte über meine Kontakte zwar eine Eskalation des Falls bei Microsoft erreichen, der einzige „Erfolg“ war allerdings, dass dem Betroffenen mitgeteilt wurde, dass es sich hier um einen besonders schweren Verstoß handeln würde und eine Reaktivierung des Kontos deshalb endgültig ausgeschlossen sei.

Der Fall war damit zwar nicht gelöst, aber erledigt – so schien es jedenfalls.

Der betroffene Leser hatte die Sache inzwischen auch schon so gut wie vergessen, als ihm über ein Jahr später plötzlich besonders unangenehme Post ins Haus flatterte: Im Oktober 2021 erhielt er eine Vorladung der Kriminalpolizei wegen des Verdachts des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischer Schriften. Ich kann mir nur ausmalen, wie es sich anfühlen muss, mit einer solchen Verdächtigung konfrontiert zu werden, der Betroffene berichtete mir jedenfalls, dass es ihn psychisch enorm belastet hat.

Es stellte sich heraus, dass es tatsächlich einen Zusammenhang mit der OneDrive-Sperre gab. Das Corpus Delicti war ein Foto, auf dem ein Kleinkind aus der Familie des Betroffenen nackt zu sehen war. Dementsprechend folgte auf die Befragung bei der Kripo dann auch die Einstellung des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft, allerdings nicht ohne den mahnenden Hinweis, dass es im Wiederholungsfall durchaus zu einer Strafverfolgung kommen könnte.

Man kann und muss diese Geschichte von mehreren Seiten betrachten und es gibt sozusagen in jeder einzelnen Stufe des Ablaufs mehrere mögliche Sichtweisen, die man einnehmen kann. Es beginnt damit, dass die verdachtsunabhängige Überprüfung von in der Cloud gespeicherten Dateien durchaus umstritten ist. Die Tatsache, dass Kindesmissbrauch ein besonders abscheuliches Verbrechen ist, kann zu der Ansicht führen, dass keine Maßnahme zur Bekämpfung überzogen ist. Lieber drei Mal zu oft kontrolliert, als einen Täter durchs Netz schlüpfen zu lassen, sagen die einen. Dem wiederum kann man entgegenhalten, dass die Unschuldsvermutung in einem Rechtsstaat heilig ist und Extremfälle nicht als Vorwand genutzt werden dürfen, um diese aufzuweichen. Das ist und bleibt eine schwierige Debatte.

Tatsache ist: Es passiert. Nicht nur Microsoft, sondern alle Anbieter von Cloudspeicher führen solche Scans durch. Dass im Falle eines Verdachts die Daten an die Behörden durchgereicht werden, wie in diesem Fall geschehen, ist dann allerdings nur konsequent. Unverständlich ist für mich allerdings, warum es dann so lange dauert. Wäre unser Leser tatsächlich ein Pädophiler, hätte er mehr als ein Jahr Zeit gehabt, um belastendes Material verschwinden zu lassen.

Aus der Sicht von Microsoft mag in diesem Fall alles korrekt gelaufen sein. Nacktfotos jeder Art sind laut Nutzungsbedingungen verboten. Wenn man allerdings weiß, wie Microsoft die Nutzer dazu animiert, ihre privaten Fotos auf OneDrive zu sichern – bei der Einrichtung von Windows 10 und 11 erfolgt das sogar automatisch, wenn man es nicht aktiv abwählt – dann drängt sich die Frage auf, ob den Anbieter nicht auch eine gewisse Sorgfaltspflicht trifft, die Nutzer vor einer versehentlichen Verletzung der Nutzungsbedingungen zu schützen. Denkbar wäre beispielsweise ein Uploadfilter (böses Wort!), der verhindert, dass solche Dateien überhaupt erst in OneDrive landen.

Wie schon gesagt, es gibt an so vielen Stellen Ansatzpunkte für kontroverse Diskussionen. Ganze Fotosammlungen in die Cloud hochzuladen, ohne jedes einzelne Bild zu überprüfen, ist jedenfalls keine gute Idee, sonst könnte einem das gleiche Schicksal widerfahren wie unserem Leser.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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