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Freitagsgedanken: Verschieberitis

Freitagsgedanken: Verschieberitis

Jeder von uns hat so seine ganz persönlichen Stärken und Schwächen. Im Lauf der Jahre lernt man sie kennen, arbeitet daran – oder akzeptiert sie ganz einfach. So ist das selbstverständlich auch bei mir. Doch es gibt eine Schwäche, an die ich mich nicht gewöhnen kann und für die ich mich immer wieder aufs Neue hasse. Gleichzeitig gelingt es mir aber bestenfalls phasenweise, sie zu überwinden.

Ich leide an akuter, chronischer und mutmaßlich unheilbarer Verschieberitis. Eine Schwäche, der ich im Gegensatz zu anderen nichts abgewinnen kann. Ich bin beispielsweise auch stinkfaul, was aber immer wieder dazu führt, dass ich für komplexe Probleme einfache Lösungen finde. Da ich mich beim faul sein außerdem meistens gut fühle, hat mich das noch nie sonderlich belastet.

An meiner Angewohnheit, Dinge vor mir her zu schieben, kann ich aber nur wenig bis gar nichts Gutes finden. Sicher, manche Dinge erledigen sich von selbst, wenn man sie lange genug aussitzt, man hat sich letztlich also unnötige Arbeit erspart. Das Problem ist aber, dass man sich während des Aussitzens nicht wohl fühlt.

Es ist ja nicht so, dass ich nicht wüsste, was Sache ist. In einem von vielen Ratgebern, die ich im Laufe meines Lebens gelesen habe, stand eine ganz simple Wahrheit: Es gibt nur einen einzigen Tag, an dem du etwas erledigen kannst: Heute. Der gestrige Tag ist vorbei, der morgige noch nicht da. Der Autor, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, hat seine Verschieberitis dadurch kuriert, dass er sich das Wort „HEUTE“ auf ein großes Plakat drucken ließ, es einrahmte und in seinem Büro an die Wand nagelte.

Ich dachte darüber nach, diese Methode zu übernehmen, irgendwie war es mir dann aber doch zu albern. Für eine gewisse Zeit hatte ich allerdings einen dieser quadratischen Notizzettel in meinem Schreibtisch liegen, auf den ich mit einem roten Edding „HEUTE“ geschrieben hatte. Den legte ich mir ab und zu auf den Schreibtisch, wenn ich merkte, dass sich mal wieder zu viel angestaut hatte. An manchen Tagen hat das wirklich funktioniert, irgendwann ging der Zettel mal verloren und ich schrieb keinen neuen mehr.

Besagte Zettel spielen bei meiner Selbsterziehung nach wie vor eine wichtige Rolle. Ich hasse es nämlich, wenn viele Dinge auf meinem Schreibtisch herumliegen. Am liebsten ist es mir, wenn er so aussieht, als würde dort niemals gearbeitet. An lange To-Do-Listen und rote Einträge in der Aufgabenliste von Outlook habe ich mich gewöhnt, das vermag in mir keinen Druck mehr aufzubauen, etwas zu erledigen. Aber wenn zu viele Dinge auf meinem Schreibtisch herumliegen, macht mich das wahnsinnig.

Daher schreibe ich manchmal 5-6 Aufgaben auf besagte Notizzettel und verteile sie auf meinem Schreibtisch. Das funktioniert fast immer. Man muss dafür selbstverständlich Aufgaben wählen, die man auch an einem Tag erledigen kann. Abgesehen davon, dass ich mich auf diese Weise dazu zwinge, etwas zu erledigen, hat das noch einen weiteren Vorteil: Die Befriedigung, die man beim Zerknüllen und Wegwerfen des Merkzettels empfindet, übertrifft das elektronische Abhaken in meiner ToDo-App  um ein Vielfaches.

Dieses Gefühl der Selbstbelohnung stellt sich allerdings nicht immer ein. Manchmal ärgere ich mich auch maßlos, nachdem ich eine Aufgabe endlich abgeschlossen habe. Nämlich immer dann, wenn ich feststelle, dass es viel aufwändiger war, eine Sache immer wieder vor mir her zu schieben, anstatt sie einfach zu erledigen. Da verschleppt man etwas wochenlang oder noch länger, ist immer wieder von Gewissensbissen geplagt, und wenn man sich dann endlich aufgerafft hat, stellt man fest: Das war ein Klacks. Manchmal, aber wirklich leider nur manchmal, wirkt dieser Ärger ein wenig nach, dann kann es passieren, dass ich mir Aufgaben gar nicht erst auf die ToDo-Liste setze, sondern sie sofort erledige.

Am  wohlsten fühle ich mich immer dann, wenn es für bestimmte Aufgaben einen harten Anschlag gibt, zum Beispiel einen Stichtag, zu dem sie erledigt werden müssen. Oft erledige ich diese Dinge dann trotzdem auf den letzten Drücker, aber immerhin. Mich selbst mit künstlich gesetzten Stichtagen zu erziehen, funktioniert leider nicht, diesen Selbstbetrug durchschaut der für Prokrastination zuständige Teil meines Gehirns sofort.

Ich bin wild entschlossen, an meiner Verschieberitis zu arbeiten. Irgendwann werde ich die Ärmel hochkrempeln und sie für alle Zeit besiegen. Heute aber eher nicht mehr.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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