Grüße aus der Gruft: Windows 11 und sein Windows 8.1-Moment
Die Microsoft’sche Mathematik bei Windows hatte immer eine einfache Gleichung: Auf eine Irrfahrt folgte stets die größere Kurskorrektur. Windows XP hat das bei Windows ME geleistet, Windows 7 wurde zum besseren Vista, Windows 10 hatte die erhitzten Gemüter nach Windows 8 wieder beruhigt. Windows 8 war aber noch wegen einem anderen Punkt besonders, bei dem man immer mehr das Gefühl bekommt, Windows 11 durchlebt ihn gerade wieder.
Windows 8 spaltete seinerzeit die Geister. Die einen waren von der neuen Modern UI, die nur sekundär auf den eigentlichen Desktop durchstartete, extrem angetan, für die anderen war der Bruch schlicht zu groß. Wie auch immer man dazu stehen mag, Microsoft nahm es damals zum Anlass, von der gängigen Regelung der Service Packs abzuweichen und ein kostenloses Funktionsupdate anzubieten, was die Gemüter beruhigen sollte, bevor Windows 10 in vielen Punkten eine Rolle rückwärts machte und mit dem zurückkehrenden Startmenü auch die Desktop-Nutzer wieder mehr abholte.
Windows 8.1 war in einiger Hinsicht besonders. Microsoft hatte das grundlegende Konzept von Windows 8 damit nicht verändert, machte aber etliche kleinere Zugeständnisse, die den Bruch, der für viele Nutzer von Windows 7 gekommen war, erträglicher machen sollten: Ein neuer Startbutton, der direkt die Appliste anzeigen konnte, das gleiche Hintergrundbild in Modern UI und Desktop, das schnellere Schließen und Minimieren der modernen Apps oder die Möglichkeit, direkt in den regulären Desktop zu booten. Damalige Nutzer werden sich sicherlich noch daran erinnern.
Windows 11 brachte gegenüber Windows 10 zwar einen kleineren, aber dennoch spürbaren Bruch, weil die vorherige Benutzeroberfläche von Windows 10X hier zu großen Teilen übernommen wurde. Das Ergebnis war ein deutlich reduzierteres Startmenü, eine reduzierte Zusammenlegung von Kalender und Benachrichtigungen und weitere Kleinigkeiten. Auch wenn der Fokus eindeutig auf Künstlicher Intelligenz liegt, bekommt man momentan den Eindruck, dass man nebenbei zumindest einige Schwachstellen in einem begrenzten Maß angeht, um die Kritiker zumindest an dieser Stelle nicht zu sehr zu vergraulen.
Kleinigkeiten hatte Microsoft bereits schon von längerer Zeit (wieder) eingebaut. Der rechte Rand der Taskleiste kann wieder angeklickt werden, um den Desktop anzuzeigen, der Startbutton kann wieder nach links verschoben werden und die Taskleiste kann auch wieder halbherzig kleinere Symbole anzeigen. Mittlerweile häufen sich aber durchaus einige Bemühungen, dass man stärkere Überarbeitungen vornimmt.
- Das neue Startmenü wird wieder flexibler. Nachdem man vor einiger Zeit wieder Ordner eingeführt hatte, kann man jetzt die Empfehlungen ausblenden, die Appliste bekommt mehr Ansichten und Smartphone-Link ist besser integriert.
- File Explorer wird an mehreren Stellen nachgerüstet, darunter Preloading für eine bessere Performance und einen weiter ausgelegten Dark Mode.
- Das Kontextmenü wird aktuell angefasst und neu sortiert, um wieder mehr Übersicht zu schaffen.
- Der Kalender bekommt wieder eine Terminübersicht, wie wir sie von Windows 10 her kannten.
- Das Widget-Board bekommt eine größere Überarbeitung, um Informationen an verschiedenen Stellen übersichtlicher darzustellen.
Das sind wie bei Windows 8.1 nicht die ganz großen Taten, aber sie führen Windows 11 wieder näher an das heran, was Windows 10 nach dem Desaster mit Windows 8 damals reparieren konnte. Dass Microsoft das auch nicht aus neuer Nächstenliebe für den Consumer macht, ist völlig klar. Tatsache ist aber auch, dass Windows 11 von der Reputation her ein ähnlicher Gegenwind droht, der mit dem Wandel zum selbsternannten Agentic OS garantiert nicht abnehmen dürfte.
Insofern macht es Sinn, dass die Entwickler zumindest in begrenztem Maße Änderungen vornehmen, damit sich Windows 11 wieder mehr wie Windows anfühlt – Schadensbegrenzung im besten Sinne. Einerseits haben auch die kommerziellen Nutzer in Unternehmen und Behörden ein durch Schulungen mittlerweile eingetrichtertes Verständnis davon, wie sie Windows im Grundkonzept ungefähr bedienen müssen, zum anderen kann Microsoft es sich bei seinen KI-Ambitionen nicht leisten, dass Windows als einzige Plattform, auf die sie direkten Einfluss haben, über die Wupper geht. Die Diskussionen über Digitale Souveränität wird man auch in Redmond aufmerksam verfolgen.
Wirkliche Korrekturen dürfte aber erst ein möglicher Nachfolger von Windows 11 vornehmen. Wann und ob der kommt, wissen wir derzeit aber nicht. Windows 11 hat derzeit kein offizielles Ablaufdatum, wo wir effektiv von einem 10-jährigen Zyklus bis 2031 ausgehen könnten. Ob die Nutzer einem möglichen Windows 12 dann treu bleiben, wenn Microsoft bereits über ganz neue Bedienkonzepte sinniert, wird ein spannender Punkt in der Zukunft. Ansonsten wäre die Microsoft’sche Mathematik wirklich das erste Mal gebrochen, wenn zwei Windows-Versionen hintereinander zu Nieten im Kartenstapel mutieren.
Themen:
- Editorial
- Windows 11
- Windows 8
Über den Autor

Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und den Entwicklerthemen zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.


