Home Office: Erfahrungen durch die Agoraphobie

Home Office: Erfahrungen durch die Agoraphobie

Während das Coronavirus die Welt weiterhin in Atem hält, hat sich auch die Art, wie die Meisten momentan arbeiten, verändert. Wo immer es möglich ist, wird von den Unternehmen mittlerweile der Gang ins Home Office gefordert, und verschiedene Programme wie Microsoft Teams oder Slack erfreuen sich mittlerweile einem entsprechenden Zulauf. Daneben wird auch immer öfter über eine Gruppe diskutiert, denen die aktuellen Einschränkungen durchaus zusetzen können und die von diversen Experten auch schon indirekt als zusätzliche Risikogruppe gesehen werden: Menschen mit psychischen oder seelischen Beeinträchtigungen.

Generell verfolge ich auch diese Berichte mittlerweile mit besonderer Aufmerksamkeit, denn mich begleitet seit mittlerweile 26 Jahren mit der Agoraphobie eine entsprechende Erkrankung, die seit etwa 10 Jahren auch zur Schwerbehinderung geworden ist und mit entsprechenden Einschränkungen mein Leben beeinflusst. Ich kann also ganz gut einschätzen, was die Experten in den diversen Berichten ansprechen, was aber für Außenstehende nicht unbedingt gilt. Aus diesem Grund möchte ich euch in diesem Beitrag mal einen Eindruck geben, wie ich mit dem Thema umgehe und worin ich für mich persönlich die größte Herausforderung sehe.

Die Agoraphobie

Bei der Agoraphobie handelt es sich um eine Angststörung, welche sich unter anderem auf weite Flächen und große Menschenmassen bezieht und den meisten Menschen sicherlich als klassische Platzangst bekannt ist. Sie ist das praktische Gegenteil zur Klaustrophobie oder Raumangst und betrifft nach allem, was bekannt ist, wesentlich öfter Frauen als Männer. Das große Problem bei der Agoraphobie ist vor allem, dass sie praktisch eine Angst vor der Angst und bei den Betroffenen automatisch ein Vermeidungsverhalten auslöst. Der Fluchtreflex ist allgegenwärtig und je nach dem, ob die Agoraphobie mit oder ohne Panikstörung kommt, dreht der eigene Körper entsprechend auf, sobald eine Situation vorhanden ist, die das Fluchtverhalten auslöst.

Davon abgesehen ist die Phobie an sich aber noch deutlich vielseitiger und betrifft zum Beispiel auch Reisen, die man alleine antritt oder eine größere Entfernung bedeuten. Außerdem wird bei vielen Menschen naturgemäß auch das Gedankenkarussell in Gang gesetzt, weil man selbst voll auf die vermeintliche Gefahr fixiert ist und darüber grübelt, was vielleicht passieren könnte. In der schwersten Form, die auch bei mir zutrifft, wird aber der Bewegungsradius immer kleiner und führt quasi in eine gelebte Isolation, was das Physische angeht. Man sitzt als Mensch praktisch in einem unsichtbaren Gefängnis und es ist ein vielseitiger Marathon, die Auswirkungen der Agoraphobie auf das eigene Leben wirklich zu begrenzen.

Der persönliche Blick

Man sieht also schnell, dass die Agoraphobie ein ganz anderes Kaliber als andere Phobien wie die Akrophobie (Höhenangst) oder Arachnophobie (Spinnenangst) ist, weil sie wesentlich vielschichtiger ist und massive Einschränkungen im eigenen Leben bringen kann. Gleichzeitig trifft das auch auf die Gegenmaßnahmen zu, die man unternimmt. Natürlich betrifft das Medikamente und psychotherapeutische Ansätze, aber wenn man über die Jahre dann mit Therapeuten, Medizinern und auch anderen Bereichen wie Gerichten, wenn eine rechtliche Betreuung ins Spiel kommt, spricht und arbeitet, entsteht mit der Zeit ein ganzer Instrumentenkasten, den man einsetzen kann und der das Leben in vielen Punkten erleichtern kann. Grundsätzlich ist es aber auch sehr wichtig, dass man sehr offensiv mit dem Thema umgeht und gleichzeitig ein großes Maß an Selbstfürsorge praktiziert, indem man Struktur und Balance in den Alltag bringt.

Die Agoraphobie selbst gehört zu den seelischen Behinderungen. Entsprechend sind auch in meinem Fall eine ganze Reihe von Einrichtungen wie Gerichte oder verschiedene Dienste des Kreises und des Landes involviert, von denen ich unmittelbar Unterstützung bekomme. Abgesehen davon lernt man aber relativ schnell, dass es gerade in der Psychotherapie keine pauschale Antwort auf das Problem gibt. Das habe ich vor allem bei der Konfrontationstherapie gemerkt, die zu den Standardwerkzeugen bei der Behandlung gehört. Während die systematische Desensibilisierung, also das schrittweise Herantasten, bei mir geholfen hat, ist das sog. Flooding, bei der man mit allen Konsequenzen in die Angstsituation hineingeworfen wird, bei mir voll nach hinten losgegangen und hat die Phobie nur noch gestärkt. Entsprechende Erfahrungen hatte ich auch außerhalb von Therapien gehabt, was zum jetzigen Zustand bei mir sicherlich auch beigetragen hat.

Wenn ich auf meinen persönlichen Fall schaue, gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, die mir im Umgang mit der Agoraphobie geholfen haben und immer noch zu meinem Arsenal gehören. Ich habe schon relativ früh Entspannungstechniken gelernt und die für mich auch weiterentwickelt, aber ein großer Punkt sind auch Struktur, Fokus und Balance. Eine direkte Folge davon war eine neue Organisationsstruktur, die ich im letzten Jahr für mich entwickelt habe und auch ständig verbessert wird. Daneben geht es aber vor allem darum, der Agoraphobie ihre Dominanz zu nehmen und andere Sachen in den Vordergrund zu rücken. Das ist nicht immer ganz leicht, aber da bin ich mittlerweile auf einem ganz guten Weg.

Die Auswirkungen von Corona

Dass die aktuellen Ausgangsbeschränkungen und das Kontaktverbot für mich eher von geringer Relevanz sind, ist klar, denn im Vergleich zu meiner sonstigen Situation ist das im Grunde kein Unterschied. In zwei anderen Bereichen sieht das durchaus anders aus. Viele der Sachen, die für mich sonst einen Ausgleich zur Arbeit darstellen, sind wegen des Coronavirus erstmal weggefallen. Das betrifft zum Beispiel den Sport, wo Aston Villa und Borussia Dortmund aktuell nicht spielen und auch diverse Sachen im Motorsport (Formel 1, Motorrad-WMs, 24h von Le Mans), Snooker, Darts und Wrestling abgesagt wurden. Es betrifft aber zum Beispiel auch große Musikevents im elektronischen Bereich wie die Tomorrowland, die Transmission, die Dreamstate oder die Nature One, die für mich als Liebhaber von Trance relevant sind und wo man aktuell noch nicht genau sagen kann, wie es weitergehen wird.

Extremer ist die mediale Präsenz, die die Pandemie in den Medien auf allen Kanälen einnimmt. Das Virus an sich ist dabei nicht meine große Sorge, sondern vor allem, dass durch die permanente Dauerbeschallung der Raum für eine Atempause immer kleiner geworden ist. Auf ganz vielen Nachrichtenseiten finden sich Liveticker und 3/4 der Startseiten sind mit Corona gepflastert, während im Fernsehen neben den journalistischen (Sonder-)Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen auch die Privaten mit einem BILD-Update (Sat.1), speziellen Talks (RTL, Vox) oder Specials ihrer sonstigen Sendungen (z.B. Vox mit Goodbye Deutschland) immer mehr aufnehmen, was vor allem für ältere Generationen, die noch viel lineares Fernsehen schauen, relevant ist. Gleichzeitig ist das Thema in nahezu allen Bereichen des Internets omnipräsent und ein Ausweichen kaum möglich. Dass sich viele Nachrichtenseiten auch sonst nicht mit Ruhm bekleckern, tut sein Übriges. Manche verstecken die meisten Informationen hinter der Paywall, manche spielen durch Clickbait mit der Angst der Menschen, manche schieben sogar offizielle Zahlen zum Coronavirus zur Seite und stellen eigene Hochrechnungen an.

Was also tun?

Generell habe ich dadurch, dass ich mittlerweile eine neue Organisationsstruktur erarbeitet habe und auch sonst klare Pläne und Ziele verfolge, einen echten Vorteil auf meiner Seite, der mir auch in der aktuellen Situation hilft. Viele davon werden auch durch das Coronavirus nicht beeinflusst und können weiter umgesetzt werden. Die Ausfälle bei den Freizeitaktivitäten kann ich auch relativ gut ausgleichen, denn meine Liebe zu Anime und der japanischen Popkultur sind davon zum Beispiel überhaupt nicht betroffen und im elektronischen Bereich haben abseits der Radioshows auch viele meiner Lieblings-DJs wie Paul van Dyk und Giuseppe Ottaviani für die kommende Zeit umgestellt. Abgesehen davon zocke ich natürlich auch oder arbeite an Sachen wie DrWindows.de hier, wo ich immer noch genug zu tun habe. Kurzum: Diesen Bereich kann ich relativ leicht kompensieren.

Wesentlich schwieriger ist das Thema Nachrichten, wo auch der besagte Instrumentenkasten sichtbar wird. Einerseits wird mir die aktuelle Nachrichtenflut zu viel und ich möchte mich da deutlicher aus der Schusslinie nehmen, aber gleichzeitig wäre eine völlige Nachrichtensperre auch keine Lösung. Das wäre wieder eine bewusste Vermeidung, die zudem auch noch Filterblasen fördert und aufgrund der Präsenz in allen möglichen Bereichen sowieso nicht praktikabel wäre. Insofern setze ich jetzt in den kommenden Tagen einen Mittelweg um: Bei den Nachrichtenseiten steht in allen Sektoren ein Frühjahrsputz an, gleiches gilt für die sog. sozialen Medien. Außerdem will ich auch versuchen, bewusste nachrichtenfreie Zonen/Zeiten am Tag einzurichten und die Zeitpunkte, wo ich Nachrichten insbesondere zum Coronavirus abrufe, deutlich reduzieren. Wenn man sich 1-2x pro Tag informiert, reicht das völlig.

Schlusswort

Wenn es um den Umgang mit den psychischen und seelischen Einschränkungen in der aktuellen Situation geht, muss man zwei Sachen ganz klar sagen. Erstens ist das immer wieder eine sehr individuelle Geschichte und es ist wichtig, dass man dafür auch gewisse Grundlagen mit entsprechenden Fachleuten wie Therapeuten für sich erarbeitet. Was ich mache, basiert zu sehr großen Teilen darauf, was ich in der Vergangenheit über die Agoraphobie und meine Art, wie man damit richtig umgehen kann, gelernt habe. Zweitens muss man auch innerlich bereit sein, alle verfügbaren Register zu ziehen, um die Probleme einzudämmen und in den Griff zu bekommen. In meinem Fall bedeutet das konkret, dass ich zum Beispiel auch Strukturen für mich geschaffen habe, die auch schwierigeren Situationen standhalten und mir entsprechende Handlungsfähigkeit geben, soweit das eben möglich ist.

Generell kommt es immer darauf an, wie viel Raum man einem Thema wie dem Coronavirus im täglichen Leben einräumt. Natürlich muss man es ernst nehmen, aber gerade in solchen Zeiten ist es auch umso wichtiger, dass man den eigenen Fokus noch stärker auf Sachen richtet, die einem ein gutes Gefühl vermitteln und die Dominanz dieses einen Themas, das sonst das Gedankenkarussell wieder in Bewegung setzt, bricht. Allerdings können auch Politik, Behörden und Medien ihren Teil dazu beitragen, dass die Situation für solche Menschen erträglicher wird. Hätten wir mehr in Digitalisierung investiert, wäre manches für diese Menschen auch leichter. Hätten wir eine absehbare Exit-Strategie aus der aktuellen Lage (wenn auch noch ohne Datum) und ein einheitliches Meldeverfahren auch für Genesene statt dem aktuellen Zahlensalat, wäre das für diese Menschen ein Licht am Ende des Tunnels. Und würden sich bestimmte Medien mal zusammenraufen und mehr Atempausen zulassen, wäre auch schon viel gewonnen.

Letztlich gehe ich mit dem Coronavirus nicht anders um wie mit der Agoraphobie. Beides nehme ich ernst, außerdem ist die Agoraphobie ein Teil von mir wie das Coronavirus ein Teil der aktuellen Nachrichtenlage ist, ob ich das will oder nicht. Trotzdem kann ich entscheiden, wie ich damit umgehen und wie viel Raum ich beiden zugestehen will. Das Gute ist, dass ich noch sehr viele Pläne habe, die ich verfolgen will, und es sind auch noch einige Eisen im Feuer, mit der ich meine aktuelle Situation weiter verbessern möchte. Das Gleiche wünsche ich mir auch für andere Menschen, die mit solchen Erkrankungen und Einschränkungen kämpfen müssen. Denn eines ist klar: Nichts ist für diese Menschen wichtiger als eine echte Perspektive, egal ob vor, während oder nach Corona.

Über den Autor
Kevin Kozuszek
  • Kevin Kozuszek auf Twitter
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden, daneben schlägt mein Herz aber auch für die OpenSource-Welt, wo mein besonderes Interesse der Mozilla Foundation gilt. Wenn ich mich mal nicht mit Technik beschäftige, tauche ich gerne in die japanische Kultur mit all ihren Facetten ab oder widme mich einem meiner zahlreichen anderen Hobbies.

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Kommentare

  1. Wow. Erstens: Hut ab dafür, wie offen Du mit dieser Thematik umgehst. Zweitens: das ist ein besonders guter Artikel und es ist durchaus ein wenig schade, dass er nur dieser verhältnismäßig kleinen Community zugute kommt. Drittens: an einige Deiner Herangehensweisen bzgl. Corona-Info-Flut halte ich mich schon, andere werde ich schauen zu adaptieren. Vielen Dank, für diesen gelungenen und sehr lesenswerten Artikel.
    Danke, für diesen offenen Artikel.
    Auch ich habe mich z.B. vorerst komplett von Twitter zurückgezogen. Gestern hatte mal wieder reingeschaut, nach 3 Sekunden kam mir die Frage was soll ich hier?
    sycorax
    Auch ich habe mich z.B. vorerst komplett von Twitter zurückgezogen. Gestern hatte mal wieder reingeschaut, nach 3 Sekunden kam mir die Frage was soll ich hier?

    Generell sind die sozialen Netzwerke in meinen Augen das geringere Problem. Natürlich sind da viele Möchtegerns unterwegs und die Kettenbriefchen von WhatsApp etc. will ich auch nicht schön reden, aber es ist ohnehin immer so, dass Netzwerke wie Twitter maximal eine Ergänzung sein sollten und es kommt auch darauf an, wie man seine "Aboliste" gestaltet, d.h. welchen Nasen man wirklich folgt. Wenn ich von einem User etwas nicht lesen will, fliegt er eben raus.
    Bei klassischen Nachrichtenseiten geht das weniger einfach und hier liegt für mich auch das größte Problem. Die klassischen Fernsehsender füllen zum Teil über weite Strecken von mehreren Stunden pro Tag ihr Programm mittlerweile mit Informationen zu Corona, im Radio stellen Sender wie der Deutschlandfunk ihr Programm ganz auf die Bedürfnisse von Corona um und die Nachrichtenseiten haben im Netz im großten Stil Liveticker gestartet und stellen, wie n-tv.de zum Beispiel, eigene Hochrechnungen an und lassen offizielle Zahlen öfter mal am Seitenrand liegen. Dazu kommen noch Trash-Portale wie Der Westen, die eben durch Clickbait bewusst mit der Angst der Menschen Kasse machen, und die Tatsache, dass dir Corona auch in vielen Randbereichen wie Sport oder Medien über den Weg läuft. Gerade diese konzentrierte "Reizüberflutung" in den allgemeineren Bereichen wurde mir irgendwann zu viel und deswegen habe ich mir Sachen überlegt, wie man das reduzieren kann.
    Danke für diesen Artikel, Kevin. Deine Schlussfolgerungen kann ich nachvollziehen. Allerdings denke ich, dass von der gewinnorientierten Medienindustrie bzgl. erträglicher Nachrichtenportionierung, Ausblicke auf ein wieder besseres "Danach" oder gar positiver Nachrichten und Trends nicht viel zu erwarten ist. Man muss wirklich selbst Medienkompetenz erwerben und anwenden, um nicht völlig geplättet und entmutigt mit dem Kopf auf die Tischplatte zu sinken. Darum allen "Kopf hoch" und tut euch nicht alles das an, was euch medial angetan wird.
    Darum allen "Kopf hoch" und tut euch nicht alles das an, was euch medial angetan wird.

    Amen. :) Schön, dass das mal jemand sagt...
    Danke, Kevin, für diesen sehr interessanten Artikel.
    Ich selbst mache mich auch auf Twitter rar, weil ich merke, dass mir das gar nicht gut tut.
    Und an Nachrichten gebe ich mir die 19.00 Uhr heute-Sendung, aber zum mittlerweile obligatorischen ZDF-Spezial schalte ich dann ab. Das gleiche immer und immer wieder zu hören, macht einen ganz verrückt.
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