Homeoffice Koller – die Gefahr ist real

Homeoffice Koller - die Gefahr ist real

Als die Corona Pandemie im Frühling ihren Anfang nahm und Homeoffice über Nacht zum Buzzword wurde, habe ich noch gescherzt: „Für mich ändert sich eigentlich gar nichts.“ Ich habe mich furchtbar geirrt. Und dabei hatte ich mich sozusagen sogar selbst gewarnt.

In dem Artikel „Plötzlich HomeOffice: Man geht nicht einfach heim und arbeitet“ habe ich meine eigene Wandlung vom Präsenz- zum Heimarbeiter beschrieben, welche Lernprozesse ich dabei durchlief und wie ich inzwischen damit zurechtkomme. Die von mir selbst am Ende ausgesprochene Warnung, dass diese Krise in keiner Weise geeignet ist, repräsentative Erkenntnisse zum Thema Homeoffice zu gewinnen, habe ich für mich selbst aber nicht ernst genommen.

Meine Arbeit für DrWindows erledige ich seit Jahren von zu Hause. Den Teilzeitjob in meinem „zweiten Leben“ übte ich ebenfalls schon seit Jahren im Mischbetrieb aus, grundsätzlich war ich aber lieber daheim. Obwohl mir meine Vorgesetzte öfter gesagt hatte, dass ich nicht ins Büro kommen muss, so lange es die Arbeit nicht zwingend erfordert, hatte ich immer ein schlechtes Gefühl, wenn ich es nach meinem Empfinden mit der Heimarbeit übertrieben hatte, und dann ging ich wieder eine Zeit lang vermehrt ins Büro.

Als es im Frühjahr hieß „wer von zu Hause arbeiten kann, sollte das auch tun“, betrachtete ich das in gewisser Weise als Glück im Unglück. Mir war schnell bewusst, dass diese Phase sehr lange dauern wird, und das sah ich als meine Chance: Jetzt lege ich den Hebel um, ab sofort arbeite ich fest von zu Hause und gehe wirklich nur noch ins Büro, wenn es sich nicht vermeiden lässt.“

Dazu muss ich ergänzen, dass ich mich bis vor etwa sechs Monaten als klassischen Einzelgänger bezeichnet hätte. Jemand, der sich selbst genügt und keine Gesellschaft braucht. So war ich schon immer, ich bin gerne zu Hause und ich bin auch ganz gerne mal allein. In großen Cliquen hat man mich nie angetroffen, mein Freundeskreis war schon immer überschaubar und ist seit Jahrzehnten stabil, es gibt da kaum Fluktuation. Das heißt nicht, dass ich nicht gesellig wäre, im Gegenteil. Ich dachte nur bislang, ich brauche das nicht.

So verbrachte ich nun also die folgenden Monate zu Hause. Was meinen Angestellten-Job angeht, war es ein Wechsel zwischen Homeoffice und Kurzarbeit. Dass meine allgemeine Stimmung im Lauf der Zeit immer schlechter wurde, schob ich auf die äußeren Umstände. Es gab in meinem unmittelbaren Umfeld keinen Krankheitsfall, dennoch macht man sich in einer Pandemie verständlicherweise Sorgen, mehr um andere als um sich selbst. Dazu kam, dass ich mir zum ersten Mal seit Jahren Gedanken darüber machen musste, ob das Geld reicht oder ob ich meine Ersparnisse anzapfen muss. Ich schämte mich gleichzeitig dafür, denn ich wusste, da draußen bangen gerade Menschen um ihre Existenz, verglichen damit waren meine Sorgen Pillepalle. Aber sie waren halt trotzdem da.

Weiterhin redete ich mir aber ein: Alles ist okay. Mir geht es gut. Kopf hoch, Brust raus, lächeln, alles wird gut. Dann gab es einen Tag, ich weiß nicht mehr genau, wann, da flogen zwischen mir und meiner Frau die Fetzen. Dazu muss man wissen, dass zwischen uns nie ein wirklich böses Wort fällt. Und damit meine ich nicht „selten“, sondern wirklich nie. Nicht in den mindestens letzten 6-7 Jahren. Das war der Tag, an dem ich mir eingestand, dass eben doch nicht alles in Butter ist. Etwas stimmte nicht mit mir.

Dann geschah etwas Unglaubliches (sind wir hier bei Buzzfeed?) Wir fuhren im sich langsam wieder aus der Starre bewegenden Land ein paar Tage weg und trafen dort mit Freunden zusammen. Zuvor hatten wir uns auch im engsten Familien- und Freundeskreis an die empfohlenen Kontaktbeschränkungen gehalten, auch wenn es schwerfiel.

Innerhalb kürzester Zeit besserte sich mein Allgemeinzustand. Klingt, als wäre ich krank gewesen, vielleicht stimmt das sogar. Ich war jedenfalls gut gelaunt, und die Gedanken, wie das wohl mit der Pandemie allgemein und speziell für mich/uns weiter geht, waren zwar logischerweise immer noch da, aber sie lagen mir nicht mehr so schwer auf der Seele. Ich war wieder in der positiven Grundstimmung, die ich von mir selbst gewohnt bin.

Da dämmertes es mir: Ich litt an Vereinsamung. Alles, was mir fehlte, war ein wenig menschlicher Kontakt. Ich musste beinahe lachen, als mir das bewusst wurde. Ich hatte nur deshalb all die Jahre geglaubt, ich käme prima mit mir selbst klar, weil ich das niemals unter Beweis stellen musste.

Mit dieser Erkenntnis fiel es mir fortan leichter, mit der allgemeinen Situation umzugehen. Um mein Defizit an menschlichen Kontakten nicht allzu groß werden zu lassen, beschloss ich, doch wieder öfter ins Büro zu gehen. Dort war allerdings nur selten jemand anzutreffen, also ließ ich es wieder sein. Ich hatte früher gedacht, ich würde mich nach ein paar Tagen Büroarbeit deshalb besser fühlen, weil ich mein schlechtes Gewissen wegen zu viel Homeoffice beruhigt hätte. Tatsächlich hatte ich aber mein Kontaktdefizit abgebaut und war deshalb besser drauf.

Ich habe in der letzten Zeit öfter mal das Haus verlassen, nur um unter Menschen zu kommen. Das wäre mir früher niemals in den Sinn gekommen. In den kommenden vier Wochen – und möglicherweise darüber hinaus – wird das alles wieder sehr viel schwieriger werden. Ich fühle mich dennoch besser vorbereitet, weil ich jetzt weiß, was da in Wahrheit an mir nagt – und wie ich gegensteuern kann. Nicht immer muss es ein physisches Treffen sein, menschliche Wärme lässt sich ja auch auf anderen Kommunikationswegen übertragen.

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Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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