In eigener Sache: Auf der Suche nach einem neuen Deal

In eigener Sache: Auf der Suche nach einem neuen Deal

Stell dir vor, du spazierst an einem schönen sonnigen Tag in die Stadt. Du nimmst dir am Kiosk eine Zeitung, setzt dich in dein Lieblings Café und bestellst dir einen leckeren Latte Macchiato, auf dem Heimweg nimmst du dir dann im Vorbeigehen von der Auslage des Supermarkts noch ein wenig frisches Obst mit. Bezahlt hast du für das alles keinen einzigen Cent, trotzdem haben sich der Kiosk-Besitzer, der Kellner im Café und der Supermarkt-Inhaber für deinen Besuch bedankt und dich gebeten, doch recht bald wieder vorbei zu schauen.

Klingt für dich bestenfalls wie ein schöner Traum, völlig utopisch und weltfremd? Glückwunsch, du hast gerade gelernt, wie das Internet funktioniert. Es bietet dir seit über 20 Jahren mehr Produkte und Dienstleistungen, als du in deinem Leben wirst nutzen können, und das völlig kostenlos. Das ist für uns so normal, dass wir uns kaum Gedanken darüber machen, aber wenn wir einen Vergleich zur realen Welt ziehen, dann wird klar, wie verrückt, abgefahren und letztlich genial dieses Modell im Grunde ist.

Ein Modell, von dem dank Werbung alle Beteiligten lange Zeit sehr gut gelebt haben. Ich selbst bin seit Anfang 2001 als Betreiber diverser Plattformen im Internet aktiv, hatte in den ersten Jahren aber keinerlei Ambitionen, damit Geld zu verdienen. Hin und wieder überkommt es mich heute, dann male ich mir aus, wo ich heute wohl sein könnte, hätte ich frühzeitig genügend Geschäftssinn mit dem passenden Schuss Chuzpe entwickelt…

Ich habe allerdings keinen Grund, mich zu beklagen. Es war um 2005/2006 herum, als mir langsam bewusst wurde, dass für mich mehr möglich ist, als nur mein Hobby zu finanzieren. Als ich 2007 Dr. Vista (das heutige Dr. Windows) aus der Taufe hob, hatte ich zum ersten Mal ganz konkret den Gedanken im Kopf, dass sich daraus eine neue berufliche Perspektive für mich ergeben könnte.

Der Deal, den ich damals mit dem Internet – also mit euch – schloss, war ganz simpel: Ich liefere meine Arbeit kostenlos ab, und je mehr Leuten diese Arbeit gefällt, desto mehr Geld verdiene ich in Form von Werbeeinblendungen.

In den Jahren 2011 bis etwa 2015 funktionierte dieser Deal bisweilen unverschämt gut. Seitdem geht der Trend allerdings permanent rückwärts, der Vormarsch der Adblocker und rückläufige Preise für Werbebanner marschieren dabei Hand in Hand. Vor etwa drei Jahren sagte ich zum ersten Mal: „Ich weiß, dass mein derzeitiges Geschäftsmodell ein Verfallsdatum hat. Ich kenne es allerdings nicht.“

Seit dieser Zeit beschäftigte ich mich mal mehr, mal weniger mit dem Gedanken, wie ich denn wohl damit umgehen würde, wenn der „Tag X“ gekommen ist. Im Grunde schob ich das Thema aber vor mir her. Die zurückgehenden Einnahmen konnte ich bislang anderweitig kompensieren, ohne meine Arbeit an Dr. Windows nennenswert einschränken zu müssen.

Dann kam Corona und veränderte unser aller Leben schlagartig. Was den Traffic auf der Webseite angeht, konnte ich davon sogar zeitweise profitieren, die Werbeeinnahmen sind seither aber nochmals deutlich gesunken, weil die Budgets aufgrund der Wirtschaftskrise überall massiv gekürzt wurden. Kurz gesagt: Wir sind jetzt im „roten Bereich“, in der derzeitigen Form kann ich Dr. Windows nicht mehr dauerhaft für mich wirtschaftlich betreiben.

Es gibt selbstverständlich Hoffnung, dass sich mit einer wieder besser werdenden Wirtschaftslage auch die Werbeumsätze wieder positiv entwickeln, aber darauf will ich weder hoffen noch warten. Ich will diesen Moment als Gelegenheit begreifen, dazu gleich mehr.

Daran, dass der oben erwähnte Deal grundsätzlich kaputt ist, wird sich ohnehin nichts mehr ändern. Ich ärgere mich schon lange darüber, dass die weitgehend automatisierte Werbe-Ausspielung die Leser oft über Gebühr belästigt, zudem kann ich mich mit den Dingen, für die geworben wird, immer öfter nicht identifizieren. Wenn in einem Artikel, in dem ich davor warne, einen Windows-Key für drei Euro zu kaufen, für ein genau solches Angebot geworben wird, dann fragen mich die Leute völlig zu Recht, ob ich noch ganz bei Trost bin.

Dazu muss man wissen, dass die Werbung hier ausschließlich über Netzwerke wie beispielsweise Google AdSense läuft und man als Betreiber nur begrenzt Einfluss auf das nehmen kann, was da an Werbung ausgespielt wird.

Ich weiß, wie dieses Geschäft funktioniert, und es wäre vergleichsweise leicht für mich, wieder profitabel zu werden. Dazu ein Beispiel: Im April verwendete ich für meine allmonatliche Berichterstattung über die Verteilung von Browsern und Betriebssystemen die Clickbait-Schlagzeile „Desktop-Browser und Betriebssysteme im April 2020: Huch, Linux“. Ich führte dabei nichts Böses im Schilde, es war einfach die erste Idee, die mir angesichts der sprunghaft angestiegenen Werte von Linux durch den Kopf schoss. Dieser Artikel generierte so viele Klicks und damit auch Umsatz wie sonst alle Artikel einer ganzen Woche zusammen. Ich lieferte sozusagen versehentlich ein schönes Beispiel, warum es Clickbait gibt: Weil es so hervorragend funktioniert. Und ihr, die ihr drauf anspringt, seid schuld daran.

Wir haben uns schon vor Jahren bewusst dafür entschieden, einen eher unaufgeregten Stil zu entwickeln und unsere Artikel nicht auf Klicks hin zu optimieren. Im Gegensatz zu früher springe ich auch nicht mehr auf jedes Thema an, von Leaks lasse ich beispielsweise meist komplett die Finger.

Rein betriebswirtschaftlich sind solche selbstauferlegten Richtlinien grober Unfug (siehe vorletzter Absatz), aber ich habe nun mal entschieden, dass Dr. Windows mit dieser Strategie entweder bestehen oder untergehen wird. Wenn das, was ich bzw. wir tun, nicht mehr genug gefragt ist, dann wird sich eine andere Möglichkeit zum Broterwerb finden.

Bevor ich zum nächsten und entscheidenden Absatz komme, noch eine wichtige Bemerkung: Es gibt keinen Grund, sich in irgendeiner Form Sorgen um mich zu machen. Mir geht es wirtschaftlich gut. Dr. Windows ist ein wichtiger Baustein meines Einkommens, dennoch bin ich nicht existenziell davon abhängig, außerdem habe ich in guten Zeiten selbstverständlich Rücklagen gebildet, wie das jeder Selbständige tun sollte. Von akuter Armut bin ich also nicht bedroht.

Für die Situation, von der ich seit langer Zeit wusste, dass sie irgendwann eintritt, die aber nun eben sehr plötzlich eingetreten ist, bin ich in gewisser Weise dankbar. Sie gibt mir den entscheidenden Anstoß, die Gedanken der letzten Jahre konsequent zu Ende zu denken.
Schon oft haben mich Leser gefragt, wie sie unterstützen können, mehrfach haben mir Leute gesagt, sie wären durchaus bereit, einen finanziellen Beitrag zu leisten. Mir war der Gedanke lange Zeit grundsätzlich unangenehm. Von der Werbung zu leben und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein, fühlte sich besser an.

Dabei wäre es grundsätzlich ziemlich einfach: Wenn von den geschätzt 15-20.000 Stammlesern, die wir haben, jeder nur fünf Euro im Jahr aufbringen würde, dann wäre das schon sehr viel mehr, als ich brauche. Auf Werbung könnte ich dann komplett verzichten.

Wie wir jedoch wissen, ist die Bereitschaft, für Inhalte im Internet zu bezahlen, vor allen Dingen in Deutschland sehr gering. Das kann ich sehr gut verstehen und das war es auch, was mich bei diesem Gedankenspiel immer wieder ausgebremst hat: Wenn es 80 Prozent der Information, die es bei uns gibt, auf vielen anderen Seiten kostenlos gibt, warum in aller Welt sollte dann jemand Geld dafür ausgeben?

Auf diese Frage habe ich noch keine Antwort gefunden, vielleicht gibt es gar keine. Gestattet mir aber auch, dass ich sie – ein wenig drastisch – ins Gegenteil verdrehe: Wenn sich nicht wenigstens ein paar hundert Leute finden, denen diese Seite ein paar Euro wert ist, dann wird sie ja wohl auch nicht mehr gebraucht und kann weg.

Keine Sorge, es besteht keine unmittelbare Gefahr und ich möchte das auch nicht als „Drohung“ verstanden wissen. Ich möchte das hier gerne noch viele weitere Jahre machen, wenn es aber irgendwann nicht mehr möglich sein sollte, dann werde ich das ganz ohne Groll hinnehmen. Diese Seite hat mir die schönsten Jahre meines Berufslebens geschenkt, und dabei denke ich jetzt nicht ans Geld, sondern an viele schöne Erlebnisse sowie an Orte und Menschen, die ich ohne Dr. Windows nie kennengelernt hätte. Wann immer das zu Ende ist, werde ich nichts als Dankbarkeit dafür empfinden.

Lange genug um den heißen Brei geredet, hier kommt der Plan: In Kürze wird es die Möglichkeit geben, Dr. Windows in Form eines Abonnements zu unterstützen. Details müssen noch ausgearbeitet werden, mit Steady steht der Partner dafür aber bereits fest.

Die für euch sicher wichtigste Nachricht in diesem Zusammenhang: Dr. Windows, wie ihr es heute kennt, wird sich nicht verändern. Die reguläre Berichterstattung wird nicht hinter einer Paywall verschwinden. Erstens will ich das nicht und zweitens bin ich Realist genug, um zu wissen, dass es purer Selbstmord wäre.

Für die Zukunft kann ich mir allerdings vorstellen, bestimmte Artikel, in denen besonders viel Arbeit steckt oder die sehr ins Persönliche gehen, nur für Abonnenten zugänglich zu machen. Mir ist aber wichtig, dass es mir damit dann nicht darum geht, Gästen ein Abo aufzuschwatzen, sondern den Abonnenten eine besondere Gegenleistung zu bieten. Technisch macht das zwar keinen Unterschied und vermutlich wird nicht jeder diesen Unterschied in meiner Philosophie verstehen, damit muss ich dann aber einfach leben. Diese Beiträge werden dann schon in der Überschrift klar gekennzeichnet sein, sodass niemand unvermittelt gegen die Wand läuft.

Das Ziel ist es, auf programmatische Werbebanner komplett zu verzichten. Wie realistisch das ist, werde ich abschätzen können, wenn das neue Modell gestartet ist (Übrigens: Schon jetzt sieht man als registriertes Community-Mitglied keinerlei Werbung auf Dr. Windows, das ist schon seit Jahren unsere Gegenleistung für alle, die sich aktiv beteiligen).

Werbung wird es hier auch in Zukunft geben, dann allerdings in Form von direktem Sponsoring. Wie das genau aussehen wird, muss ebenfalls noch final ausgearbeitet werden. Fest steht auch hier, dass ich kein Sponsoring annehmen werde, nur weil es Geld bringt, ich muss es auch selbst vertreten können. Sollte sich von diesem Absatz bereits jemand angesprochen fühlen – meine Telefonnummer und Mailadresse stehen im Impressum.

Das war es für den Moment. Danke an alle, die sich die Zeit genommen habe, bis hierhin zu lesen. Weitere Details folgen in den kommenden Wochen.

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Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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