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Kenneth Auchenberg: Wenn ein Microsoft-Manager laut über das Web nachdenkt…

Kenneth Auchenberg: Wenn ein Microsoft-Manager laut über das Web nachdenkt...

Verfolgt man in den letzten Wochen die Gedankengänge, die Microsoft und seine Manager sich über das Web und die zugrunde liegenden Technologien machen, erlebt man dieser Tage doch so manch interessante Überraschung. Während ich persönlich schon zu Jahresbeginn einen kleinen Disput mit Jeff Fritz vom ASP.NET-Team ausgetragen habe, meldete sich am Wochenende nun auch Kenneth Auchenberg zu Wort, der sich bei Microsoft sonst für Visual Studio Code mitverantwortlich zeichnet. Seine Äußerungen auf Twitter haben dabei für ziemlichen Wirbel gesorgt.

Konkret kritisiert er, dass Mozilla zwar wichtige Arbeit leistet, gleichzeitig aber immer nach Google und Microsoft mit Steinen wirft, indem es sich als Hüter des offenen Webs aufspielt und weiter in seine eigene Engine Gecko investiert. Stattdessen müsse Mozilla seinen Ansatz überdenken und sollte lieber als eine Art Forschungsprojekt in das ohnehin dominante Chromium investieren, anstatt sein Paralleluniversum weiter zu verfolgen. Außerdem stellt er auch die gängige Praxis, wie das W3C neue Webstandards verabschiedet, offen infrage. Statt wie bisher die Implementierung in zwei unabhängigen Engines voraus zu setzen, sollten alle Entwickler lieber einen gewissen Grundstock auf Basis von Chromium vereinbaren und darauf aufbauend dann eigene Ideen verwirklichen. Das Web sei schließlich zu komplex geworden und auch für Microsoft als großen Konzern ist es eine schwierige Entscheidung, viel Geld und tausende Entwickler für eine eigene Engine einzusetzen. Er möchte auch das Web siegen sehen, aber dafür braucht es Kollaboration auf einer einheitlichen Basis.

Der Fall Chromium

Abgesehen davon, dass Mozilla in einigen Bereichen viele Fehler gemacht und diese erst mit Quantum korrigiert hat, ist eines sicherlich richtig: Chromium hat sich zu einem richtigen Industriestandard gemausert, dessen Bedeutung weit über klassische Browser hinausgeht und das mittlerweile auch in Bereichen wie der Desktopentwicklung und weiteren Segmenten eine tragende Rolle einnimmt. Es macht aber einen wesentlichen Unterschied, ob man einen neuen, offenen Webstandard gemäß allgemein gültiger Regeln verabschiedet oder ob eine Technologie auf Basis eines übermächtigen Industriestandards einfach in den Markt gedrückt wird. Google ist ein ganz besonderer Kandidat, wenn es darum geht, über Chromium und Chrome eigene Entwicklungen als “Quasi-Standards” zu vermarkten.

Hier hat die Arbeit von Mozilla und anderen Beitragenden schon manches verhindert. Statt dem Native Client konnte sich beispielsweise WebAssembly durchsetzen und auch Ideen wie SPDY oder Quic kamen oder kommen nicht in Rohform beim Endnutzer an, sondern werden/wurden in neue Versionen bestehender Standards integriert. Auch Microsoft bekam schon Ähnliches zu spüren, als sein Konkurrent sich gegen WebRTC nicht durchsetzen konnte. Das alles wäre, würde Mozilla nach den Ideen von Auchenberg handeln, nicht mehr gegeben. Speziell von Microsoft und seinen Leuten muss man in der Hinsicht eine gewisse Weitsicht erwarten können, immerhin haben sie früher mit dem IE6 ein ähnliches Fiasko hinterlassen und wollten es mit EdgeHTML alles besser machen. Nun kehrt sich das Ganze wieder um.

Aber Chromium ist doch OpenSource!

Kenneth Auchenberg führte dann im weiteren Verlauf der Diskussion als wesentlichen Unterschied an, dass Chromium immerhin ein OpenSource-Projekt ist, an dem sich mindestens 19 Unternehmen aktiv beteiligen. Das ist sicherlich richtig, aber nur weil etwas ein OpenSource-Projekt ist, bedeutet das nicht, dass es als eine solide Basis dienen kann. Das beste Beispiel hierfür hat Google mit Android in den eigenen Reihen. Auch dort ist die Basis mit dem AOSP ein OpenSource-Projekt, de facto hat das aber nur eine geringe Bedeutung. Google hat hier die weitgehende Kontrolle und bringt mit Abstand den meisten Code in das Projekt ein. Die großen Sicherheitsprobleme sind neben anderen Sachen trotzdem weiter allgegenwärtig.

Mit Chromium stehen wir vor ähnlichen Problemen. Auch hier steuert Google den Großteil des Codes bei und übt die weitgehende Kontrolle aus. Zu Android gibt es aber einen wesentlichen Unterschied: Bei Android reden wir nur von dem mobilen Betriebssystem, was sich in dem Bereich die Marktführerschaft gesichert hat. Bei Chromium reden wir aber von einer Plattform, die als Quasi-Standard sehr weit in die Industrie hinein reicht und auch wichtige Projekte wie Qt, Electron, Node.js, React Native oder die Arbeiten bekannter Plattformen wie Spotify oder Steam stark beeinflusst. Die Probleme auf Browserebene, etwa bei den Erweiterungen, die immer wieder Sicherheitsprobleme verursachen, kommen noch dazu. Ob es wirklich so einen großen Unterschied macht, dass jetzt auch Microsoft aktiv Code zu Chromium beiträgt, wage ich zu bezweifeln. Sicherlich wird es Chromium noch besser machen, aber man wird den großen Einfluss von Google damit nicht eindämmen. Im Gegenteil…

Die Frage ist außerdem: Wo ziehen wir dann die Grenze? Brauchen wir PHP nicht mehr, weil Facebook, die ja auch Interesse an Chromium haben (wegen React), mit Hack und der HHVM eine Alternative vorgestellt hat? Brauchen wir JavaScript nicht mehr, weil Google mit Dart und Flutter schon Technologien hat, die auch ein Framework wie Angular ansprechen können? Wenn das so ist, brauchen wir theoretisch auch ASP.NET Core nicht mehr, denn ein Framework wie Angular kann auch mit TypeScript angesprochen werden und was WebAssembly angeht, brauchen wir auch ein Projekt wie Blazor nicht mehr, weil man auch mit Go von Google oder Rust von Mozilla das gleiche Ergebnis erzielen kann. Es ist nunmal alles nicht so einfach, auch wenn man es sich zu einfach darstellen will.

Zum Abschluss

Um es ehrlich zu sagen: Auch wenn Kenneth Auchenberg es ganz klar als seine persönliche Meinung wiedergegeben hat, ist das für jemanden, der laut eigenem Twitter-Profil auch beim W3C engagiert ist und sich mit der Thematik eigentlich gut auskennen sollte, eine ziemliche Bankrotterklärung. Insofern war es auch sowohl schön als auch interessant zu sehen, dass er neben Leuten von Mozilla und von unabhängigen Personen auch von Google-Entwicklern ziemlichen Gegenwind bekam. Dass es nicht gut ist, wenn Google zu viel Kontrolle über ein Projekt hat, weil es dann träge wird und teilweise massive Probleme zu Tage treten, sieht man gut an Android. Bei Chromium als Industriestandard wären die Folgen noch weitaus wichtiger. Alleine aus diesem Grund ist und bleibt Mozilla trotz Fehlern in der Vergangenheit weiter sehr wichtig und auch Gecko als Engine muss weiter existieren.

Microsoft selber wird sich an seinen eigenen Worten messen lassen müssen. Man kann ihnen zwar keinen Vorwurf machen, dass sie wegen Electron und Projekten wie Visual Studio Code ein lebhaftes Interesse an Chromium haben. Nichtsdestotrotz werden sie mit der kompletten Neuentwicklung von Microsoft Edge beweisen müssen, ob dieser Schritt der richtige war und ob sie einen größeren Einfluss bei Chromium wirklich geltend machen können. Schaffen sie das nicht und können die (wenn auch wenigen) Vorteile des bisherigen Browsers nicht auf die Chromium-Basis übertragen, gibt es für Nutzer auch keinen Grund, den neuen Edge statt Chrome, Opera oder Vivaldi einzusetzen. Ein neue Windows-Version von Safari wäre dann – überspitzt formuliert – doch wesentlich wünschenswerter.

Über den Autor

Kevin Kozuszek

Kevin Kozuszek

Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und der Entwicklerplattform zu berichten hat. Regelmäßige News zu Mozilla und meinem digitalen Alltag sind auch dabei.

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