Am Puls von Microsoft

Kommentar: Das laute Schweigen im rauchenden Maschinenraum

Kommentar: Das laute Schweigen im rauchenden Maschinenraum

Nutzer im Microsoft-Ökosystem haben momentan keine leichte Zeit. Bei den Entwicklern fliegt GitHub gelegentlich auseinander, diverse Dienste bei Microsoft 365 wie Outlook machen die Grätsche und die Anmeldung im Microsoft-Konto mit dem Passwort wird zuweilen von gelegentlichen Timeouts begleitet. Dass der Stellenwert der Privatnutzer sich bei Microsoft nicht auf besonders hohem Niveau befindet, wissen wir, und dennoch macht die Masse an Vorfällen eine klare Kommunikation aus Redmond erforderlich.

Mittlerweile häufen sich die Anzeichen, dass alles miteinander zusammenhängen und Microsoft größere Arbeiten an seiner Infrastruktur durchführen könnte. Das Ergebnis mag am Ende gut sein, was auch der Sync bei Edge nun zeigt, aber vor dem Hintergrund, dass sich Teams wie Windows und Xbox äußerlich wieder um mehr Vertrauen bemühen, machen diese Punkte hier eine nachhaltige Aufhellung eigentlich zunichte.

Vom Nutzer zum Babysitter

Wir müssen nicht über Enthusiasten sprechen – diese Zeiten sind spätestens mit dem Beginn der KI-Ära vorbei, wenn nicht sogar nachhaltig beschädigt. Aber gleichzeitig gibt es immer noch zahlende Kundschaft, die auch privat zumindest für Microsoft 365 und den Xbox Game Pass den monatlichen Obulus über die Ladentheke wandern lassen – bei einen, um Sachen zu erledigen, beim anderen, um sich zu entspannen. Doch auch hier bleibt die eklatante Kommunikationsschwäche im Bundesstaat Washington an der Tagesordnung.

Stattdessen wird der Nutzer zum Babysitter seiner genutzen Software und Dienste degradiert. Das ist an sich nicht mal falsch, gerade wenn es um das Ergreifen präventiver Maßnahmen wie Backups und anderer Absicherungen geht. Aber im Alltag an sich muss der Zugang zum Microsoft-Konto vernünftig gewährleistet sein, man muss Aufgaben mit Outlook & Co. ungehindert erledigen können, auch wenn es weiterhin eine gelegentliche Downtime geben kann.

Nicht alles kann zudem alleine mit den Arbeiten an der Infrastruktur erklärt werden. Der Bug mit den Timeouts existiert bereits ein gutes halbes Jahr und die Meldungen haben sich zwischen Ende Oktober und Mitte November 2025 deutlich gehäuft, wie wir nachgezeichnet haben. Dass man in Redmond hier nicht aktiv geworden ist, aber auch sonst die Nutzer im Regen stehen gelassen werden, ist etwas, was böse Vorahnungen für die Zukunft aufkommen lässt.

Dunkle Wolken am Horizont

Etwas, was wir bei der Gesamtthematik nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist die Altersverifikation, die neben Australien, Großbritannien oder Indonesien auch in vielen EU-Ländern einschließlich Deutschland aktuell massiv diskutiert wird. Von dieser Maßnahme mag jeder halten, was er möchte, aber bezogen auf Microsoft, wo wir es ohnehin mit einem vollautomatisierten und chronisch unzuverlässigen Backend zu tun haben, lässt das Böses erahnen.

Die Altersverifikation wird ein Thema werden, zumindest wenn es um die Xbox, Windows und – im erweiterten Sinne – LinkedIn gehen wird. Wenn das Backend dann nicht vernünftig funktioniert und es vielleicht zu einer steigenden Anzahl von Kontensperrungen kommen würde, bei denen dann kein menschlicher Support erreichbar wäre, hätte das fatale Folgen. Bessere Bedingungen rund um das Microsoft-Konto sind neben Windows und der Xbox also essentiell, will Microsoft wirklich verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

Selbst ist der Nutzer?

Gleichwohl lassen die aktuellen Vorfälle auch eine nüchterne und pragmatische Erkenntnis aufkommen. Grundsätzlich ist es für Privatnutzer besonders bei US-Diensten immer schwer gewesen, an direkten Support zu kommen, und die Community springt bei sowas im Regelfall immer ein, wie wir das auch bei Microsoft-Themen oft tun. Aber die Hilfe, die eine Community geben kann, hat ihre Grenzen, auch gerade wenn der Entwickler selbst schlecht kommuniziert und ansonsten auf Durchzug schaltet.

Die letzten Tage saß ich persönlich viel draußen in der Sonne und habe mir wirklich den Kopf darüber zerbrochen, wie ich mit Microsoft jetzt umgehen soll. Einerseits wandert man, gerade weil man hierfür auch bezahlt, aktuell irgendwo zwischen frustriert und stinksauer sein, aber Fakt sind auch zwei Dinge: Bei Open Source-Software (oder zumindest unabhängiger Freeware) kann man zumindest selbst Hand anlegen und sich selbst die Schuld zuweisen, wenn etwas in die Binsen gehen sollte. Das wäre nicht schön, aber man behält die eigene Handlungsfähigkeit und bleibt damit unabhängig.

Zweitens merkt man als Europäer auch gefühlt immer stärker, wie man selbst als Community-Projekt im direkten Dunstkreis in harte Grenzen stößt, bis wohin man ein Problem eskalieren kann. Europäische Anbieter selbst sind nicht immer besser oder von der souveränen Infrastruktur her ideal, wie es Wero oder DeepL aktuell beweisen, aber durch ihren Hauptsitz in der EU sind sie als juristische Person auch den harten europäischen Regeln unterworfen. Wenn es also überhaupt eine echte Einflussmöglichkeit gibt, die noch vorhanden ist, dann in diesen beiden Bereichen.

Eine Frage der Konsequenz

Welche Schlüsse man aus solchen Erkenntnissen zieht, ist eine höchst individuelle und sehr persönliche Frage. Für mich persönlich habe ich jedenfalls entschieden, dass ich die Abhängigkeiten von sämtlichen US-Anbietern nochmal überprüfen und dann möglichst viele Sachen „nach Hause“ holen werde – Microsoft ausdrücklich eingeschlossen. Daran werden viele mit der auch bei uns oft zitierten Bequemlichkeit erstmal nicht denken, aber wenn man wirklich ruhiger schlafen möchte, gibt es hierzu eigentlich keine wirkliche Alternative (mehr).

So oder so steht Microsoft selbst aber auch in der Verantwortung. Spätestens wenn aus Brüssel die Altersverifikation beschlossene Sache ist, wird das Backend zuverlässig funktionieren und Änderungen besser kommuniziert werden müssen. Kriegt man das in Redmond nicht hin oder hat hierzu nicht den Willen, dürfte Folgen für die Privatnutzer absehbar sein, an die man mit unserer Erfahrung aus den vergangenen Jahren lieber nicht denken möchte.

DrWindows News per WhatsApp: Abonniere unseren Kanal.

Über den Autor

Kevin Kozuszek

Kevin Kozuszek

Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und Microsoft Edge zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.

Anzeige