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Kommentar: Das neue Bing hat Killerpotential: Es tötet das freie Internet

Kommentar: Das neue Bing hat Killerpotential: Es tötet das freie Internet

Mit seinem auf ChatGPT basierenden Chat-Interface will Microsoft Bing die Internetsuche revolutionieren und aus seiner Suchmaschine eine Antwortmaschine machen. Google ist alarmiert und wird vorhersehbar mitziehen. Sollte sich diese Technologie durchsetzen, ist das freie Internet, wie wir es heute kennen, in akuter Lebensgefahr.

Wenn wir heute im Internet suchen, dann geben wir die Stichworte ein, von denen wir glauben, dass sie unsere Anfrage bestmöglich abdecken, und werfen anschließend einen Blick in die Ergebnisse. Was vielversprechend aussieht, klicken wir an und landen im Idealfall auf einer Seite, die uns die gesuchte Information kostenlos zur Verfügung stellt.

Abgesehen davon, dass es viele schwarze Schafe gibt, die nutzlose Seiten in den Ergebnissen nach oben pushen, ist das ein bewährtes Modell – und vor allen Dingen ein faires für all jene, die technische Anleitungen, Kochrezepte, Reparatur-Tipps, Reiseempfehlungen und jede Art von Wissen im Internet veröffentlichen. Sie finanzieren sich in aller Regel durch Werbung, die den Besuchern angezeigt wird, das ist für viele Seitenbetreiber ein netter Nebenverdienst und viele bestreiten sogar ihren Lebensunterhalt damit.

Das “neue Bing” – und womöglich auch das “neue Google” – servieren uns die gesuchten Informationen in Zukunft mundgerecht. Sie durchsuchen verschiedene Quellen und generieren daraus eine umfassende Antwort. Im Idealfall müssen wir also nicht mehr mehrere Seiten abklappern, die Recherche wird uns abgenommen.

Hier ein Beispiel für die Suche mit dem neuen Bing, der Suchbegriff ist “Bastelideen für Kinder”. Links die klassischen Suchergebnisse und rechts die vom neuen Bing aufbereitete Antwort, die aus mehreren Quellen zusammengestellt wurde.Antwort auf die Suchabfrage "Zeige mir Bastelideen für ein Kind" auf Bing

Lasst uns an dieser Stelle nicht über die aktuelle Qualität des Ergebnisses diskutieren, das ist nebensächlich. Die Technologie wird sich weiterentwickeln und die Antworten werden im Lauf der Zeit immer besser werden.

Aus Sicht des Nutzers ist das eine feine Sache. Für die Seiten, von denen die Informationen stammen, eine Katastrophe. Für das, was da passiert, gibt es einen Namen: Content Scraping. Jemand “klaut” Daten von einer Webseite und vermarktet sie selbst. Das ist es, was beim “neuen Bing” passiert.

Es gab bei der Vorstellung des neuen Bing eine Fragerunde, zwei dieser Fragen greife ich auf:

1.) Wird beim neuen Bing Werbung angezeigt?

Eindeutige Antwort darauf: Ja.

2.) Werden Webseiten für die Bereitstellung der Informationen entschädigt?

Antwort: Wir zeigen Links zu den Quellen an und lenken damit viel Traffic auf die zitierten Seiten.

Nun schaut Euch nochmal das Beispiel weiter oben an. Von den sechs Quellen, die hier verwendet wurden, sind nur zwei direkt zu sehen, die anderen vier sind hinter einem zusätzlichen Klick versteckt. Der Traffic, der durch diese Form der Suchergebnisse auf die verlinkten Seiten generiert wird, ist gleich Null. Warum sollte man das anklicken, wenn man den Inhalt bereits vor Augen hat?

“Wir generieren Traffic” ist zweifellos ein Scheinargument, denn Sinn und Zweck dieser neuen Internetsuche ist es ja, dass man gerade nicht zu einer anderen Seite wechselt, sondern auf der Seite der Suchmaschine verbleibt. Wenn man es drastisch formulieren möchte, dann geht es darum, alle freien Inhalte des Internets zu stehlen und damit selbst Geld zu verdienen.

Die Problematik wird dadurch verstärkt, dass die Seitenbetreiber keine Lobby haben, die Internetnutzer sehen nur ihren eigenen Vorteil (was legitim ist). Als Google verpflichtet wurde, für die Infoschnipsel in Google News eine Entschädigung an die Publisher zu bezahlen, war die Mehrheit auf der Seite von Google: Die Verlage sollen sich mal nicht so anstellen, sie bekommen ja massig Traffic. Dabei wissen wir von unserem eigenen Verhalten, dass uns diese Infoschnipsel oft ausreichen und wir nur bei den Themen auf die Artikel klicken, die uns wirklich interessieren. Inzwischen zahlt Google und musste entgegen seiner eigenen Behauptung den Dienst nicht einstellen, er ist immer noch profitabel.

Wenn in Zukunft Suchergebnisse grundsätzlich so aufbereitet werden wie oben rechts zu sehen, dann kann es daraus nur eine Konsequenz geben: Die Seiten, deren Informationen verarbeitet werden, müssen unmittelbar finanziell entschädigt werden. Ansonsten werden die meisten davon eingehen, und wenn keine neuen Inhalte mehr erstellt werden, dann findet auch die intelligenteste Suche nichts mehr.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 17 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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