Kommentar: iTunes, der Untote
Mit dem kommenden macOS 10.15 Catalina kommt eine Vielzahl an einschneidenden Änderungen auf die Nutzer von Apples Desktop-Betriebssystem zu. Neben vielen neuen Funktionen gehört dazu auch der Abschied des alten Schlachtschiffes iTunes, welches nach über 18 Jahren in die drei neuen Apps Apple Music, Apple TV und Apple Podcasts aufgeteilt wird. Für Windows hat das alles jedoch kaum eine Bedeutung, hier soll iTunes, welches aktuell in Version 12.9.5 vorliegt, weiter mit Updates versorgt werden. Anzunehmen, dass dies nicht einem harten Einschnitt entspricht, wäre allerdings ein Fehler.
Tatsächlich kommen damit gewisse Erinnerungen an Quicktime hoch, welches vor Jahren in einen ähnlichen Fall mündete. Während Apple die Version für den Mac von Grund auf erneuerte, blieben Windows-Nutzer auf dem veralteten Quicktime 7 sitzen, welches zumindest ab und an noch Sicherheitsupdates bekam. Auch wenn die Verbreitung eine andere als bei iTunes war und ist, haben doch einige namhafte Anwendungen wie Adobe Lightroom auf Quicktime unter Windows zurückgegriffen, auch wenn die Unterstützung durch Apple für Windows 8.x und Windows 10 nie offiziell umgesetzt wurde. Der große Knall kam im April 2016, als drei Monate nach dem letzten Patch auf Quicktime 7.7.9 die Sicherheitsforscher von Trend Micro zwei größere Sicherheitslücken in Quicktime 7 fanden. Es gab keine Patches, die Software wurde eingestellt, und eine offizielle Äußerung gab es zunächst auch nur – durch die Blume – von Trend Micro selbst.
Die Gefahr, dass Apple die Bemühungen bei iTunes unter Windows ähnlich stark zurückfährt, ist durchaus real. Zwar gilt die Änderung nur für Mac-Systeme ab dem kommenden macOS 10.15, aber de facto werden alle Macs, die heute schon mit macOS 10.14 Mojave laufen, auch auf Catalina aktualisieren können. Eine Einschränkung gibt es hier in diesem Jahr nicht und entsprechend auch keine Rückversicherung, auf die man sich als Windows-Nutzer im übertragenen Sinne berufen könnte. Es ist also wieder wie einst bei Quicktime: Apple erneuert die Versionen für den Mac von Grund auf, Windows-Nutzer bleiben auf dem „veralteten“ iTunes sitzen. Welche Folgen das in den kommenden Monaten und Jahren für die Plattform haben wird, ist derzeit völlig ungewiss. Dass man aber über gelegentliche Sicherheitsupdates und Fehlerkorrekturen sowie der Kompatibilität mit neuen iOS-/iPadOS-Versionen hinaus noch großartig Arbeit in iTunes stecken wird, dürfte unwahrscheinlich sein.
Vor allem hinter den integrierten Diensten steht ein großes Fragezeichen. Schon jetzt kommen mit Catalina unter anderem eine verbesserte Suchfunktion in die Podcast-App und die TV-App beheimatet neben dem eigenen Streamingdienst auch neue Funktion wie die Wiedergabe mit HDR10 und in 4K-Auflösung. Dass diese Funktionen zumindest dort, wo es unter Windows Sinn macht, bei uns auch in iTunes implementiert werden, dürfte eher fraglich sein, zumal Apple extrem selten größere Ressourcen in externe Ökosysteme steckt. Einzig bei Apple Music besteht etwas Hoffnung auf weitgehende Parität mit dem Mac-Pendant, da der Streamingdienst hier auch schon seit mehreren Jahren existiert. Generell, das hat das März-Event aber gezeigt, scheint man bei Apple aber kein großes Interesse mehr daran zu haben, Windows oder zumindest die Xbox als Plattformen für zumindest einige der neuen Services zu unterstützen.
Was für Schlüsse sollten Windows-Nutzer nun also ziehen?
Zwei grundlegende Feststellungen kann man auf jeden Fall treffen. Erstens: Apple zieht sich seit vielen Jahren immer weiter von Windows zurück. Safari wurde mit der Version 5.1.7 bereits im Mai 2012 abgezogen, Quicktime 7.7.9 folgte im April 2016 und iTunes wurde zunächst mit Version 12.7 um viele Funktionen erleichtert und in 2019 jetzt aufs Abstellgleis geschoben. Übrig bleibt neben dem jetzt abgekündigten iTunes daneben nur noch das iCloud Control Panel. Zweitens: Apple sieht seine Zukunft in den Services und die neuen finden auf Windows allesamt nicht statt. Zwar wird der iTunes Store weiter betrieben, aber auch dieser wird mit Catalina wie die Backup- und Syncfunktion in den Dateimanager Finder wandern. Das darf man durchaus als Zeichen werten, dass der direkte Verkauf von Musik und Co. fortan eine geringere Priorität genießt und langfristig durch die Abomodelle ersetzt werden sollte. Sollte bei Apple kein Ruck durch die Entwicklerstube gehen und Windows mit entsprechenden Apps und dem Zugang zu den eigenen Services bedacht werden, werden sich hier – genau wie bei Quicktime – spätestens dann weitere Nachteile auftun.
Letztlich kann man also nur den Rat geben, dass man als Windows-Nutzer die Abhängigkeit von Apple möglichst reduzieren sollte. Windows wird mit diesen Änderungen de facto zu einer Plattform geringerer Klasse degradiert und mit den Signalen, die Apple seit mehreren Monaten aussendet, ist eine Verbesserung nicht in Sicht. Man kann getrost davon ausgehen, dass Apple in den kommenden Monaten bereits mit den Point-Releases von Catalina weitere, zum Teil größere Verbesserungen in die neuen Apps einfließen lassen wird, die wir so mit iTunes nie zu Gesicht bekommen werden, und gleichzeitig werden die neuen Services gegenüber den bisherigen Vertriebsmodellen weiter massiv an Bedeutung gewinnen. Dass es nicht so sein müsste, ist der eigentliche Haken an der Sache. Eine native Portierung von Swift für Windows ist in aktiver Entwicklung und auch die Entwickler von Readdle wollen Swift verwenden, um ihren Mailclient Spark früher oder später auf Windows zu bringen. Entsprechend müsste Apple eigentlich nur zugreifen und könnte die neuen Apps mit entsprechenden Anpassungen auch zu Windows bringen.
Nach derzeitigem Stand hat sich Apple aber dagegen entschieden und damit wurde ein harter Einschnitt für Windows konkret.
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Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und den Entwicklerthemen zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.


