Am Puls von Microsoft

Kommentar: Microsoft vollzieht die Aufspaltung, die ich mir gewünscht habe

Kommentar: Microsoft vollzieht die Aufspaltung, die ich mir gewünscht habe

Microsoft stellt sich neu auf. Es ist der umfangreichste Umbau der Konzernstruktur, seit Satya Nadella das Zepter von Steve Ballmer übernommen hat. Das Unternehmen Microsoft bleibt als Ganzes erhalten, organisatorisch aber vollzieht es genau die Spaltung, die ich seit Jahren gefordert und hier auch schon mehrfach zum Thema gemacht habe.

Üblicherweise verlinke ich auf ältere Beiträge, wenn sie einen Bezug zu einem aktuellen Thema haben. In diesem Fall mache ich eine Ausnahme und zitiere weite Teile eines Kommentars vom September 2016, weil es nach wie vor mit jedem Satz das ausdrückt, was ich denke, und worauf Microsoft heute endlich reagiert hat:

Meine Vorstellung wäre jene, dass man Microsoft sozusagen in ein Frontend und ein Backend splittet. Klingt komisch, darum erkläre ich es auch gleich: Satya Nadella ist sicher ein hervorragender Anführer und der beste Querdenker, den Microsoft je hatte. Unter seiner Regie sind viele Dinge passiert, die unter seinem Vorgänger undenkbar gewesen wären. Für das Thema „digitale Transformation“ und eine erfolgreiche Positionierung von Microsoft bei allen Themen, die mit der Cloud zu tun haben, ist er genau der richtige Mann.

Nadella hat aber ein großes Defizit: Er versteht die Kunden nicht. Und damit meine ich keine anonymen Firmen-Accounts. Ich rede von Menschen. Nadella versteht nicht, wie Menschen funktionieren, und was man als Unternehmen tun muss, um Menschen glücklich zu machen. Eines seiner berühmtesten Zitate ist: „We want to go from users needing Windows to choosing Windows to lovin Windows“ – aber er hat keinen Plan, wie er das in die Tat umsetzen soll.

Das wäre nicht weiter tragisch, wenn er jemanden neben sich hätte, der dieses Defizit ausgleicht. Sein Kronprinz Terry Myerson jedoch ist noch einer vom alten Microsoft-Schlag. Jemand, der eine Idee nur dann gut finden kann, wenn er sie selbst hatte. Erschwerend kommt bei Myerson noch hinzu, dass er vom Thema Mobile keinen blassen Dunst hat, die Folgen seiner fatalen Fehleinschätzungen werden jeden Tag offensichtlicher. Joe Belfiore hat versucht zu retten, was zu retten ist. Bis er ganz plötzlich eines Morgens die Idee hatte, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für eine Weltreise wäre.

Aber zurück zum Thema: Satya Nadella ist genau der richtige Mann für das „Backend-Microsoft“. Für den Cloud-Anbieter, den Dienste-Entwickler, den Bot-Lieferanten. Für das Microsoft, das irgendwann überall präsent sein soll, ohne dass der Nutzer das überhaupt bemerkt. Die Redmonder entwickeln sich im Moment offenbar ganz bewusst in diese Richtung. Wenn dieser Weg erfolgreich ist und das Unternehmen profitabel arbeitet, ist daran eigentlich gar nichts auszusetzen.

Das wird aber dazu führen, dass man auf lange Sicht den Consumer-Markt komplett verliert. Nadellas Irrtum scheint zu sein, dass ihn das nicht stört, so lange er im Business erfolgreich ist. Aber am Ende eines jeden Tages ist jeder Business-Nutzer auch ein Consumer, und nur wer den besten Kompromiss schafft, der gewinnt die Kunden.

Und darum bin ich der festen Überzeugung: Neben Nadellas „Backend-Microsoft“ brauchen wir noch das zweite Microsoft: Eines, welches dem Kunden in die Augen sieht und auf Gedeih und Verderb seinem eigenen Talent ausgesetzt ist, dessen Bedürfnisse auch tatsächlich zu verstehen. Der Erfolg dieses „Frontend-Microsoft“ muss sich an seiner Beliebtheit bei den Menschen messen, Fehler müssen entsprechende wirtschaftliche Folgen haben und dürfen nicht von Zugewinnen z.B. im Cloud-Business gegenfinanziert werden.

Mit der heute verkündeten Umstrukturierung nimmt Microsoft genau diese Defizite ins Visier: Der beratungsresistente Terry Myerson muss gottlob endlich gehen (Ich kenne niemanden bei Microsoft, der ihn mag. Niemanden. Und ich kenne viele Leute dort). Viele Jahre zu spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Seine Rolle gibt es in der bisherigen Form nicht mehr, mit Rajesh Jha übernimmt jedoch jemand die Verantwortung, der bereits Office erfolgreich in ein neues Zeitalter geführt hat, und dem somit zuzutrauen ist, dass er das auch mit Windows schaffen kann. Viel wichtiger aber ist, dass Joe Belfiore wieder mehr in den Fokus rückt, als Verantwortlicher für die „Windows Client Experience“ wird er zum öffentlichen Gesicht von Windows, darüber hinaus ist er auch für alle Cross-Plattform-Experiences wie den Microsoft Launcher zuständig. Er ist jemand, der es versteht, die Menschen anzusprechen und sie zu begeistern. Ich wüsste keinen Besseren für diesen Job, und ich bin wirklich guter Dinge, dass er genau jenes „Frontend-Microsoft“ verkörpern kann, welches ich mir seit Jahren wünsche – siehe oben.

Rajesh Jha leitet den Bereich „Experiences & Devices“, also „Erlebnisse und Geräte“. Alles, was man von Microsoft anschauen oder anfassen kann – das Frontend. Scott Guthrie wird der Chef des Backends, verantwortet Cloud und AI. Und auch er ist der Beste, den Microsoft dafür finden konnte.

Wie viele andere Microsoft-Freunde bin ich vorsichtig geworden, einen Euphorie-Vorschuss gibt es von mir nicht mehr. Aber ich glaube, heute ist ein wirklich guter Tag für Microsoft.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige