Kommentar: Quo vadis, OneNote?

Kommentar: Quo vadis, OneNote?

Es hatte schon etwas Ironisches, dass Microsoft ausgerechnet wenige Tage nach Halloween tiefer in seiner virtuellen Mottenkiste stöberte und auf der Ignite 2019 seine neue Liebe zu OneNote 2016 verkündete. War die altgediente Desktop-Anwendung vorgestern noch ausgemustert, wurde sie nun dem Supportzyklus von Office 2019 angeglichen und soll im kommenden Jahr auch wieder neue Funktionen bekommen. Das sorgt nicht nur bei Kritikern der Windows 10-App und Unternehmenskunden für große Freude, sondern wirft auch diverse Fragen auf. Wohin geht es nun also mit OneNote in den nächsten Jahren?

Klar ist: Die Ankündigung an sich ist eigentlich gar nicht so groß, wie sie momentan dargestellt wird. Dass OneNote 2016 bis 2025 weiterhin Bugfixes und Sicherheitsupdates bekommt, war so oder so bekannt, und auch die App für Windows 10 ist von der Neuigkeit nicht betroffen und wird weiterhin mit neuen Funktionen versorgt. Wichtig ist nur, dass in den kommenden vier Jahren noch einmal neue Funktionen in die Notizverwaltung einziehen. Das ist löblich, zumal Microsoft auch schon vor der endgültigen Abkündigung im April 2018 schon keine allzu großen Anstrengungen mehr unternommen hatte, OneNote zu modernisieren. Fraglich bleibt dennoch, wie viele Ressourcen Microsoft in die Weiterentwicklung der Software steckt und – vor allem – für wen Microsoft in erster Linie neue Features implementieren wird.

Wenn es darum geht, mit wem man in Redmond das ganz große Geld verdient, führt kein Weg am Business- und Enterprise-Sektor vorbei. Gerade diese Zielgruppen haben ein ganz besonderes Interesse daran, dass OneNote 2016 für den Unternehmenseinsatz weiter gepflegt wird und der Griff zur moderneren Universal App (noch) erspart bleibt. Das ist nicht neu, dieses Erlebnis haben wir bei der Diskussion um Office 365 vs. Office 2016/2019 schon einmal durchgespielt. Es ändert aber auch nichts daran, dass Microsoft seine Kunden – egal ob Consumer oder Unternehmenskunde – langfristig woanders sehen will: bei Office/Microsoft 365, nahe der Cloud, auf seinem rundum modernisierten Stack. Legt man dies zugrunde, kauft sich Microsoft mit dieser Maßnahme in erster Linie also Zeit.

Dass man OneNote für Windows 10 auch trotz dieser Ankündigung nicht abschreiben sollte, konnte man indirekt vor einem Monat auch auf dem Surface-Event beobachten. Neben vielen bekannten Vertretern wurden mit dem Surface Neo und dem Surface Duo auch zwei gänzlich neue Geräte gezeigt, in deren Schlepptau sich neben Android mit Windows 10X auch eine gänzlich neue Variante von Windows 10 erstmals zeigte. Nun kann Windows Core OS bekanntlich klassische Win32-Apps (wahrscheinlich) in Containern ausführen, allerdings ist die Frage berechtigt, ob eine vollumfängliche Win32-App auf wirklich jedem Formfaktor Sinn macht und ob wirklich jeder Nutzer, der OneNote nutzt, den großen Funktionsumfang der Desktop-Version auf einem Foldable oder ähnlichen Devices braucht.

In technischer Hinsicht passiert bei Microsoft aktuell und in den kommenden Monaten sehr viel. Windows Terminal, WSL 2, React Native for Windows, Edge Chromium, PowerShell 7, MSIX… das sind alles Schlagworte, mit denen man in Redmond aktuell hart daran arbeitet, seine Kunden und Entwickler für Windows als Arbeits- und Entwicklungsumfeld zu begeistern. Die größten Veränderungen kommen aber auf .NET zu. Mit dem Release von .NET 5 im November 2020 bricht für Microsofts Plattform eine neue Ära an, welche auch UWP neben anderen Projekten wie WPF/WinForms, Xamarin oder Blazor ausdrücklich einschließt. Dass WinUI 3.0 nun die Alpha-Phase betreten hat, mag dafür ein kleiner Hinweis sein. Wichtiger ist jedoch, dass auch gänzlich neue Projekte wie das Windows Terminal ganz bewusst auf diese Technologie setzen und auch zentrale Elemente von Windows 10 und damit Windows 10X weiterhin darauf aufbauen.

Letztlich vollzieht Microsoft mit dieser Kurskorrektur vor allem etwas, was man auch mit der neuen Basis von Microsoft Edge oder MSIX als Alternative zur .exe, .msi und .appx versucht: Man ist zu schnell zu stark über das Ziel hinaus geschossen und versucht sich nun in Schadensbegrenzung. Vor allem Unternehmenskunden werden davon ganz direkt profitieren und es ist sicherlich kein Zufall, dass Microsoft sich für diese Ankündigung ausgerechnet die Konferenz ausgesucht hat, die sich an die IT-Pros richtet. Der normale Endverbraucher spielt im Rahmen der Ignite keine Rolle, aber die Nutzer, die weiterhin auf OneNote 2016 vertrauen wollen, kann man auf diese Art einfach mit durchschleusen. Der Mehraufwand hielte sich damit in Grenzen.

Auf anderen Formfaktoren wie Foldables, die später mit Windows 10X ausgeliefert werden und auch den Consumer ansprechen sollen, macht die Weiterentwicklung der leichtgewichtigeren UWP-App mehr Sinn. Wer mit einem entsprechenden Gerät unterwegs ist und im aufgeklappten Zustand 9 Zoll oder weniger – und damit eine klassische Tabletgröße – zur Verfügung hat, wird kaum auf vollwertige Win32-Apps setzen, ähnlich wie das bei Android als Stiefbruder auch jetzt schon der Fall ist. Wahrscheinlicher als eine Einstellung ist in meinen Augen deswegen auch der Weg, den Microsoft schon bei Skype, OneDrive, Office oder dem Microsoft Store gegangen ist: eine Progressive Web App oder eine entsprechende Umwandlung der Web-Version mit React Native. Das gilt nicht nur für OneNote, auch ToDo oder Whiteboard sind theoretisch solche Kandidaten. So oder so dürfte uns aber ein spannendes Jahr mit Microsoft bevorstehen – mit OneNote und darüber hinaus.

Über den Autor
Kevin Kozuszek
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Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden, daneben schlägt mein Herz aber auch für die OpenSource-Welt, wo mein besonderes Interesse der Mozilla Foundation gilt. Wenn ich mich mal nicht mit Technik beschäftige, tauche ich gerne in die japanische Kultur mit all ihren Facetten ab oder widme mich einem meiner zahlreichen anderen Hobbies.

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Kommentare
  1. Zum Schluss war die Lösung von Windows 8 die Beste. Den Desktop quasi als App mit der Möglichkeit Win32 Programme auszuführen. Ich weiss das es anders gelöst war, wirkte aber so. Mit diesem Modell hätte man Windows umbauen können, so dass Win32 zum Schluß nur noch ein Container ist. Die Windows 10 Lösung im Tablet Mode ist Krampf
    Mit der vorherigen Strategie war OneNote im Business-Umfeld dem Tode geweiht. Unternehmen nutzen keinen Store, ohne Store keine Updates für die OneNote UWP.
    Bleibt also nur die abgekündigte Desktop-Version, und was macht man als Unternehmen, wenn man weiß, dass man ein Programm in etwas mehr als fünf Jahren nicht mehr nutzen kann? Man sucht sich eine neue Lösung. Genau das wäre in den nächsten 1-3 Jahren passiert, OneNote wäre aus dem Unternehmensumfeld verschwunden.
    OneNote 2016 hat das Potenzial den Erzrivalen Evernote von der Bildfläche wegzupusten. Schaut euch mal da die Abopreise an und da gibt es keine Keys usw.
    Onetastic schon gehört von?
    @Martin
    hier im Forum fristete OneNote ein Schattendasein. Selbst bin ich erst relativ spät mit dieser Perle vertraut geworden.
    Was in Unternehmen an vergleichbaren Ersatz für OneNote 2016 zu finden ist und mit welchen Kosten verbunden, darüber lässt sich auch keiner aus.
    Übrigens,taugt 12 Zoll Display für Excel, usw?
    @Martin ich denke der Hauptknackpunkt ist der Speicherort. Mit der Desktopversion und auch WP konnte es noch, konnte man OneNote auf dritte Sharepoints nutzen resp im "privaten Umfeld" belassen.
    Eine gute Software auf einem 365 Druckmittel zu degradieren ist m.E. ein no go.
    Martin
    Unternehmen nutzen keinen Store, ohne Store keine Updates für die OneNote UWP.

    Würde ich so gar nicht sagen. Wer eine Windows 10 Umgebung laufen hat, sowieso mindestens Office 365 Kunde ist, für den ist der Store an sich ideal.
    Ich lege im Store eine eigene Kategorie an, blende die anderen Kategorien aus und gebe dann die Apps frei, die sich die User selber installieren dürfen. Auf Wunsch auch noch limitiert auf bestimmte Usergruppen.
    Danach bin ich das Thema als Admin los. Die User installieren sich die Sachen selber, Updates kommen automatisch über den Store. Das ist aus Admin-Sicht herrlich.
    Die Alternative ist halt Softwareverteilung mit SCCM. Ich muss die Software packagen. Ich muss jedes Update wieder packagen. Und am Ende ist das SCCM Softwarecenter auch nichts anderes als ein Store. Nur für mich viel umständlicher und für den Nutzer viel unübersichtlicher. Na gut, die Azubis machen das mittlerweile, aber trotzdem ist es halt ordentlich Arbeitszeit, was dabei drauf geht.
    Aus Unternehmens-Admins-Sicht würde ich es sehr begrüßen, wenn deutlich mehr Anwendungen im Store landen würden. Das würde mir bzw. meinen Azubis nämlich viel, viel langweilige Arbeit abnehmen.
    In der Theorie hast du natürlich Recht. In der Praxis kenne ich kein Unternehmen, in dem das so gelebt wird, da ist überall SCCM angesagt. Es sind gerade die Admins, die daran festhalten, die wollen ja ihre Existenzberechtigung behalten...
    Also bei uns im Unternehmen läuft es genau so wie Ingo es beschreibt. Ich habe auch noch bis vor kurzem oneNote2016 genutzt. Kaum habe ich mich mit der Store App Lösung angefreundet wird meine Lieblingsapp wieder supportet :-)
    Das was bei der ganzen Betrachtung bisher wenig Beachtung findet ist das Thema Datenschutz (Dsgvo). Im gewerblichen Umfeld ist es schwirig OneNote mit eine zwangs Cloudspeicherung zunutzen. In OneNote 2016 habe ich mein Notizbücher auf dem Firmen-Server, in der App geht das nicht.
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