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Kommentar: Wenn ein Kartenhaus marode wird…

Kommentar: Wenn ein Kartenhaus marode wird...

Betrachtet man KI mit einem objektiven Auge, kommen zwei Seiten der gleichen Medaille zutage. Eine absolute Zukunftstechnologie steht dabei vielen negativen Auswirkungen gegenüber, den der aktuell ungebremste Hype um den Ausbau der Rechenzentren mit sich bringt.

Preise für Komponenten oder ganze Hardware schießen durch die Decke, die verfügbaren Strommengen werden zunehmend knapper, die Versprechen von mehr Produktivität erfüllen sich dennoch oft nur in Maßen, wenn überhaupt. Und die Grenzen dieser Entwicklung werden zunehmend deutlicher.

Fehlende Akzeptanz, wackelige Kreisläufe

Dabei kommen zwei entscheidende Probleme noch dazu. Die Akzeptanz war in Teilen der Industrie aufgrund der zunehmend forcierten Integration in die jeweiligen Produkte nur schwer vorhanden, wo die Entwickler letztlich nur ein Beispiel waren, wo es Microsoft zumindest in Teilen auf die Füße gefallen ist.

Und dann ist da noch dieser Investitionskreislauf, wo sich die Beteiligten wie Nvidia, Microsoft, OpenAI, Oracle und viele weitere Akteure so lange gegenseitig stützen, bis der erste umfällt und die Kettenreaktion damit in Gang gesetzt wird. Dass es hier mit OpenAI einen ganz heißen Kandidaten gibt, ist mittlerweile altbekannt, ist das Symbol des Aufstiegs dieser Technologie doch mehr oder weniger vollständig von Risikokapital abhängig.

Ein Kartenhaus wird marode

Ob man wie einst bei der Dotcom-Blase tatsächlich wieder von einer ähnlichen Entwicklung sprechen kann, sei mal dahingestellt. Tatsache ist jedenfalls, dass das aktuelle Wettrennen zunehmend an seine wirtschaftlichen und physikalischen Grenzen stößt.

Wirtschaftlich, weil immer stärker steigende Preise und ein immer knapperes Angebot zunehmend die Rentabilität der aktuell laufenden Investitionen infrage stellen werden. Das betrifft sowohl die Energiekosten als auch die nackte Hardware. Bei letzterer darf man zudem nicht aus den Augen verlieren, dass neben den Rechenzentren auch die anderen Endpunkte da sein müssen, damit man darauf zugreifen kann. Bedeutet: Ohne Laptops, Smartphone oder Tablets in den Händen normaler Nutzer wird das ganze Konzept zum Rohrkrepierer, wenn diese sich das nicht mehr leisten können.

Physikalisch, weil die Natur dem Vorhaben Grenzen setzt. Rohstoffe sind nicht überall und unbegrenzt verfügbar. Energie kommt nicht nur einfach aus der Steckdose, sondern muss erzeugt werden. Die Anlagen und Kraftwerke hierfür schießen nicht eben so aus dem Boden, bestehende Kraftwerke sind nur begrenzt vorhanden, der Bau neuer dauert Jahre oder Jahrzehnte, etwa bei der Kernenergie. Und bevor ein Rechenzentrum überhaupt entstehen kann, muss die Infrastruktur es aushalten und die Komponenten dafür erstmal produziert werden können.

Gute Nachricht: Der Markt regelt!

So paradox das klingen mag, müsste besonders der libertären Fraktion im Silicon Valley bei solchen Entwicklungen eigentlich das Herz aufgehen. Es bedeutet am Ende nur, dass es eine zunehmende Fehlentwicklung am Markt gibt, bei der die Gleichung in absehbarer Zukunft so nicht mehr aufgehen und korrigiert werden wird. Da hilft es auch nichts, wenn Unternehmer wie Elon Musk von Rechenzentren auf dem Mond oder KI-Kraftwerken im Erdorbit träumen.

Entsprechend wäre es auch heuchlerisch, wenn besagte Unternehmen jetzt auf staatliche Subventionen oder vergleichbare Mittel hoffen (würden). Wir wissen gerade aus Deutschland zur Genüge, dass das aus zwei Gründen alleine schon eine extrem unbeliebte Option wäre. Erstens: Die allgemeine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch Entbürokratisierung und andere Mittel hat immer Priorität. Zweitens: Allgemeine Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, Sicherheit, den Bevölkerungsschutz oder die Verteidigung haben einen ebenso hohen Stellenwert.

Spätestens wenn die Forderungen der Techmogule und Oligarchen dazu führen würden, dass wichtige Elemente der öffentlichen Daseinsvorsorge wie Feuerwehr, Bergwacht oder die Gesundheitsinfrastruktur mit den Krankenhäusern nicht mehr funktionieren, wäre auch die allerletzte Akzeptanz bei der Bevölkerung dahin. Das Ergebnis wollen die Politiker und Staatsmänner besser nicht auf den Wahlergebnissen sehen müssen.

Weniger Gießkanne, mehr Treffsicherheit

Eine Normalisierung und eine Abkühlung des aktuell völlig überhitzten Marktes lassen sich also nicht vermeiden, egal ob dies aufgrund physikalischer und wirtschaftlicher Grenzen geschieht, die Politik regulieren muss oder die Shareholder den großen Techunternehmen die Köpfe waschen, weil die Rendite für die Investitionen absehbar nicht zurückfließt. Es bedeutet aber allemal, dass wir nach einer Normalisierung mit den sichtbar knappen Ressourcen zielgerichteter umgehen müssen.

Gerade in der Wissenschaft gibt es Bereiche, wo das jetzige Modell vielleicht sogar das beste ist. Die Medizin braucht Kapazitäten, um Untersuchungen wie MRT, CT und andere Bereiche besser auswerten zu können. Forscher wie Vulkanologen oder Meteorologen können mit KI etwaige Naturkatastrophen besser vorhersagen. Justiz und öffentliche Verwaltung müssen effizienter arbeiten können und dürfen.

Aber für die allermeisten Nutzer ist das meistens nicht relevant. Ein kleines, lokales SLM oder einfaches Machine Learning, was gezielt eine einfache Aufgabe wie zum Beispiel Firefox Translations die Übersetzungen innerhalb des Browsers übernimmt, reichen hier meistens aus.

Obendrein wird der Ottonormalnutzer sowieso noch lernen müssen, mit dieser de facto extrem mächtigen Technologie richtig umgehen zu können, auch wenn er ansonsten kein technisches Wissen hat. Ohne eigene Weiterbildung geht in diesem Bereich nichts, sonst bringen Spielarten wie die Agents vor allem im sicherheitstechnischen Bereich für die Allgemeinheit noch ganz andere Herausforderngen mit.

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Über den Autor

Kevin Kozuszek

Kevin Kozuszek

Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und den Entwicklerthemen zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.

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