Kommentar zur BUILD 2026: Was soll er sonst auch sagen?
Betrachtet man die Keynote von Satya Nadella bei der gestern gestarteten BUILD 2026, kann man sich einem Eindruck kaum verwehren: Windows 11 rückt wieder stärker ins Zentrum und es wird zur besten Heimat für alle, die etwas mit agentischer KI bewirken wollen. Datenschutz durch den verstärkten Einsatz lokaler KI gibt es obendrauf.
Was nach einem weiteren Lehrstück aus Redmond klingt, dürfte de facto zu wesentlichen Teilen einfach eine nüchterne Reaktion auf die aktuellen Realitäten sein. Diese haben in erster Linie sogar nicht mal was mit den Gründen zu tun, weswegen unter anderem die Teams um Windows, Xbox und Edge jeweils unter anderem in der K2-Initiative aktuell verstärkt tiefsitzende Probleme angehen müssen.
KI-Wettrüsten fordert Tribut
Unabhängig von dem ramponierten Ruf, den die Copilot-Familie sich in ihren verschiedenen Varianten über die vergangenen zwei Jahre erarbeitet hat, stoßen sämtliche Hyperscaler und jüngeren KI-Unternehmen momentan zunehmend an materielle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Grenzen. Der weitere Ausbau von Rechenzentren wird politisch und durch die örtlichen Gemeinden auch gesellschaftlich zunehmend torpediert. Gleichzeitig werden so auch vorhandene Ressourcen in der bestehenden Cloud-Infrastruktur knapper. Dass die Preise für Komponenten und die Lizenzierung von LLMs etwa von Anthropic oder OpenAI durch die Decke schießen, kommt noch dazu.
Microsoft ist dagegen nicht immun. Dass GitHub in den vergangenen Monaten an seiner absoluten Belastungsgrenze agiert, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Zeitgleich hemmen die gestiegenden Preise für Komponenten die Möglichkeiten, weitere Copilot+ PCs mit integrierter NPU auf breiter Front in den Verkehr zu bringen, und angesichts der Tatsache, dass Anbieter von Agent-basierter Coding-KI zunehmend die realen Kosten an die Nutzer durchreichen (müssen) und besonders bei Firmen wie Uber und Duolingo die Kosten de facto explodieren, greift hier zunehmend der schnöde Mammon und die Chefetagen kalkulieren in harter Nüchternheit ihre Kosten-Nutzen-Analyse zurecht.
Dass Microsoft auch ansonsten noch stärker in der Luft hängt, kommt noch dazu. Die Arbeiten an den eigenen LLMs der MAI-Familie laufen zwar ebenso auf Hochtouren wie die an den eigenen Chips wie MAIA 200 und Cobalt, aber auch das braucht Zeit, wenn man sich von Hardware-Zulieferern wie Nvidia und externen LLM-Anbietern wie OpenAI unabhängig(er) machen möchte. Was also tun?
Lokal als neue (Brücken-)Lösung?
Was Microsoft da gestern hübsch verpackt angekündigt hat, ist deswegen zumindest nicht nur Innovation, sondern vor allem gelebte Realpolitik. Indem man zentrale KI-Arbeiten von der Cloud auf die lokalen Geräte verlagert, entlastet man die eigenen Ressourcen in den Rechenzentren und bietet Firmenkunden gleichzeitig eine Hintertür, die Kosten-Nutzen-Rechnung über die Anschaffung ausreichend leistungsstarker Hardware ins Loot zu bringen. Indem man die eigenen lokalen KI-Modelle neben der NPU auch auf CPU und GPU verteilt, erreicht man potenziell wesentlich mehr Windows-Geräte aus dem Bestand. Beides ist in der aktuellen Zeit unverzichtbar, während KI-Unternehmen nach Wegen aus den aktuellen Widerständen suchen.
Klar wird nicht jedes Unternehmen nun riesige Flotten von Geräten mit der RTX Spark von Nvidia beschaffen, denn einerseits muss sich das rechnerisch trotzdem lohnen und zweitens lösen sich die aktuellen Engpässe bei den Komponenten trotzdem nicht in Luft auf, sondern es wird viel Zeit brauchen, bis sich das erholt und normalisiert. Wann das genau einsetzen wird, ist derzeit offen, auch wenn es mit einzelnen Ankündigungen wie dem Snapdragon C letzte Woche durchaus Anlass zur Hoffnung gibt.
Fakt ist: Microsoft hat derzeit schlicht keine andere Wahl. Das ist einfach das, was sie aktuell wirklich machen können, und bei den verfügbaren Plattformen ist Windows diejenige, auf die sie wirklich Einfluss haben. Genauer: Es ist die einzige, auf die sie Einfluss haben.
Außenvor: Privatnutzer und aktuelle Probleme
Auffallend war vor allem, dass zwei Punkte mehr oder minder ausgeklammert wurden. Erwartbar war der Privatnutzer und Hobbyentwickler einer davon, auch wenn einzelne Neuerungen wie die Verbesserungen beim Windows Subsystem for Linux, die neuen Coreutils oder mehr Sicherheit in Windows 11 für sie hinten runterfallen.
Was aber auch unerwähnt blieb, sind mögliche Ansätze, wie Microsoft aktuellen Problemen und Bedrohungen bei zentralen neuralgischen Punkten wie GitHub und NPM jetzt begegnen möchte. Sicherheit und Zuverlässigkeit sind zwei Sachen, die nicht verhandelbar sind und die auch normale Nutzer, die mit Entwicklung nichts zu tun haben, in Fällen wie NPM direkt treffen können. Bleibt zu hoffen, dass Microsoft hier in den nächsten Monaten wirkliche Antworten verkünden wird.
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Über den Autor

Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und Microsoft Edge zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.


